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Gelernte J.K. Rowling?

Zwei Absolventen des Studienfachs „Literarisches Schreiben“ standen im März 2018 auf der Shortlist des Literaturpreises der Leipziger Buchmesse. Kann man kreatives Schreiben also wirklich erlernen? Die Autorin Monique Feltgen hat es ausprobiert und lässt Seifenblasen platzen.

Fotos: Anne Lommel

Ich tuckerte durch Saarbrücken. Im Bus. Frisch aus dem Schwimmbad. Mit roten, aufgequollenen Augen, weil ich Schwimmbrillen für überbewertet halte. Das rede ich mir ein, um meine Vergesslichkeit zu überspielen. Die roten Ampeln blinkten um die Wette. Welche bleibt am längsten rot? Zur Entspannung blieb mir der Blick nach draußen. Wenn auch nur mit halboffenen Augen. Trotzdem kam ich nicht drum herum, an der nächsten Haltstelle auf ein Werbeplakat zu starren. Eine lachende Frau starrt zurück. Auf ihrem Kopf: ein Buch. Über ihr der leicht aufdringliche, schon fast bedrohliche Spruch: Schreib! Dein! Buch!

Ganz davon abgesehen, dass ich nichts von inflationärer Zeichensetzung halte und fleißig an besagtem Buch schreibe, verstört mich der darunterstehende Verweis auf eine Schreibschule. Smartphone raus, Website auf: Man wollte mir ein Fernstudium im literarischen Schreiben andrehen. Kein neues Konzept, für mich aber nach wie vor eine skurrile Idee. Klar kann man Menschen Gattungen erklären und ihnen Deadlines zur Abgabe von Texten setzen. Aber was hat das mit kreativem Schreiben zu tun? Auch die Vorstellung, dass das irgendjemand macht, irritiert mich. Ob es tatsächlich Menschen gibt, die ernsthaft dafür bezahlen, dass jemand ihnen von der Pieke auf beibringt, kreativ zu sein?

Kurze Zeit später laufe ich durch eine Wohnsiedlung in Steinsel, denn dort wohnt genau solch eine Person. Böse Zungen würden behaupten: bieder. Gutbürgerlich. Irgendwas, das nach gepflegten Vorgärten und hübschen Fassaden klingt. Nach Wohlstand. Oder nach Ton-Figuren neben der Türklingel. Eine von denen mit „Willkommen“-Schild um den Hals. Monique Feltgen steht schon in der halboffenen Tür, als ich ankomme. Zeit, um nach der Ton-Figur Ausschau zu halten, bleibt nicht.

Man kennt sich. Vom Namen her. Auf dem Sofa, mit Sicht auf Familienfotos und auf ein gut gefülltes Bücherregal, sprechen wir über dieses und jenes. Schnell aber über das, was uns verbindet: das Schreiben.
Mit zwölf feilte Monique an ihrem ersten Text. Ein Verschnitt von Enid Blytons „Fünf Freunde“. Das bescheidene Debüt eines Mädchens, das den großen Traum hegte, sich irgendwann hauptberuflich Autorin nennen zu dürfen. Jetzt ist sie die persönliche Sekretärin von Sportminister Romain Schneider.

„Vor 30 Jahren gab es wenige Verlage und eine überschaubare luxemburgische Autorenschaft.“ Monique Feltgen

Das eigene Buch zu schreiben ist für viele Schreibbegeisterte eine romantische Vorstellung. In manchen Fällen lässt sie die Kassen der Schreibschulen klirren, von denen auch Monique eine besuchte. Ich bis dato nicht. Trotz vollgeschriebener Disketten und Notizblöcke sowie einem ersten, abgeschlossenen Manuskript, meldete Monique sich 2003 für das dreijährige Studium „Kreative Schreibschule“ an der Hamburger Akademie an. Einem Fernstudiengang. Jeden Monat erhielt sie ein neues Lehrbuch zu einer literarischen Gattung. Samt Theorie, Kontroll- und Abschlussaufgabe, die meist das Schreiben eines thematischen Textes bedeutete. Das Ganze wurde mit einem Abschlusszeugnis der „Staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht“ gekrönt.

Warum das Ganze? „Ich wollte wissen, ob meine Herangehensweise die richtige ist. Mein erstes Manuskript lag zwar vor, aber ich fühlte mich unsicher“, erklärt sie ihre damalige Entscheidung. Literatur erschloss sie sich bis dahin autodidaktisch. Die Sehnsucht nach einem geschulten Auge, das ihre Texte gegenliest, war groß – und wurde durch das Studium ein Stück weit kleiner. „Für jedes Modul – sie dauerten in der Regel sechs Monate – wurde uns eine professionelle Betreuungsperson zugeteilt, die uns umfassend beriet und ausführliches Feedback zu den eingereichten Texten gab.“

Das eigene Buch zu schreiben ist für viele Schreibbegeisterte eine romantische Vorstellung.

Genau damit locken Schreibschulen wie die, deren virtuelle Schulbank Monique von zu Hause aus drückte. Mit Unterstützung, Motivation und Kompetenz. Ich denke an das Werbeplakat in Saarbrücken zurück und muss lachen. Bei der Autorin sah die Anzeige anders aus. Über meine Erzählung schmunzelt sie. Zweifel an der Seriosität und Kompetenz der selbsternannten Schriftsteller-Schmieden kann sie nachvollziehen. „Es ist eine seriöse Ausbildung, auch, wenn ich zu Beginn skeptisch war. Man genießt eine komplette Schulung: Von der Grammatik über die Textgliederung, Recherche und Infos zum Verlagswesen bis hin zum Manuskriptverkauf.“

Dinge, die sich Schriftstellerinnen und ihre männlichen Kollegen selbst herleiten können? Eigentlich schon. Nicht immer ist es einfach. Hat aber auch nie jemand behauptet. Die Auseinandersetzung mit dem Manuskriptverkauf und dem Verlagswesen mögen interessant sein, doch täuschen sie nicht über Tatsachen hinweg: Vitam-B, mit B für Bekanntschaften, sowie zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, sind in der Branche oft ausschlaggebend. Theoretisches Wissen über ihr organisatorisches Konstrukt verhelfen nicht zur Publikation und, rein subjektiv betrachtet, auch nicht zum Fertigstellen eines Textes.

Monique selbst spricht von einem ernüchternden Karrierestart, Studium hin oder her: „Vor 30 Jahren gab es wenige Verlage und eine überschaubare luxemburgische Autorenschaft – zumindest hatte ich als anstrebende Schriftstellerin diesen Eindruck. Es war eine elitäre Branche, und einen Verlag zu finden war nicht einfach.“

Ihren ersten Publikationsvertrag zog die Luxemburgerin nach dem Fernstudium an Land. Einen Zusammenhang erkennt sie nicht. Sie musste nationale Hürden überwinden: „Das erste Manuskript, das ich meinem jetzigen Verlag anbot, wurde abgelehnt, weil es in Lichtenstein spielte und das sich wohl nicht gut verkaufe. Das war 2004. Ich habe mich daraufhin auf Luxemburg konzentriert und demselben Verlag einen Roman präsentiert, der hier zuhause ist und begeistert angenommen wurde: „Das Rousegärtchenkomplott“. Dass man in der nationalen Buchbranche mittlerweile über den luxemburgischen Tellerrand hinaus schreiben darf, findet sie gut. Geschadet hat der Bezug zu Luxemburg ihrem Debütwerk nicht. „Es war mein erster Bestseller!“, erinnert sie sich.

Sei es Zufall, sei es dem Studium geschuldet: Zwei Jahre nach dem Abschluss sahnte Monique mit ihren Krimi „Tatort Rollengergronn“ den „Lëtzebuerger Buchpräis 2008“ ab. Wagt man einen flüchtigen Blick hinter Luxemburgs Grenzen – nicht allzu weit gucken, nur bis nach Deutschland – stößt man auf ähnliche, wenn nicht sogar noch bedeutendere Erfolgsgeschichten.

Juli Zeh hat es. Anja Kampmann und Matthias Senkel auch. Ein Abschlussdiplom des Literaturinstituts Leipzig in literarischem Schreiben. Über das Zeugnis hinaus genießen sie in der deutschen Gegenwartsliteratur ein beachtliches Renommee. Im März 2018 buhlten Kampmann und Senkel immerhin um die literarische Krone in der Kategorie „Belletristik“ auf der Leipziger Buchmesse. Einem der Happenings der Szene. Gekürt wurde Konkurrentin Esther Kinsky. Über ausbleibende Auszeichnungen brauchen Kampmann und Senkel, aber auch Juli Zeh, nicht zu jammern.

Das Angebot des Leipziger Literaturinstituts sind nicht eins zu eins mit dem der Fernstudiengänge gleichzusetzten. Das Leipziger Institut bietet ein Bachelor- und Masterstudium mit Vorlesungen, Projektseminaren, Schreib- und Romanwerkstätten und internen Publikationsmöglichkeiten an, wohingegen das Fernstudium doch mehr an klassischen Schulunterricht erinnert. Das fällt auf, wenn man durch Moniques alte Seminarunterlagen blättert. Alles durchstrukturierte Hefte, wie man sie aus dem Deutschunterricht kennt. Nur eben etwas komplexer und spezifischer.

„Niemand, der absolut talentfrei ist, geht aus diesen Kursen als solche hervor.“ Monique Feltgen

Der Grundgedanke, dass kreatives Schreiben lernbar ist, verbindet beide Konzepte dennoch ein Stück weit. Und mich, als bekennend skeptische Betrachterin der Schreibschulen, beschleicht das Gefühl, dass das doch was bringt. Die prominenten Alumni sprechen für sich.

Eine Ahnung, die Feltgen selbst als Absolventin nur bedingt bestätigt: „Ich stünde in meiner schriftstellerischen Karriere auch ohne Studium da, wo ich heute stehe, denn meine Leidenschaft hätte mich so oder so vorangetrieben.“ Klingt wie die abgeschwächte Version dessen, was sie kurz später verrät: „Die Unterstützung aus meinem privaten Umfeld sowie das persönliche, aber auch das professionelle Lektorat des Verlags, haben mehr Früchte getragen als das Studium. Für mich kommt es beim Schreiben viel auf das Talent an, Lebenserfahrungen gekonnt zu verarbeiten. Ich habe durch das Fernstudium nicht schreiben gelernt, aber immerhin gab mir der Kurs neue Impulse.“

Also doch Humbug? Zumindest in Form des Fernstudiums? „Für mich war es durchaus eine bereichernde Erfahrung. Die Kurse sind für jeden interessant, der sich generell für das Schreiben begeistert. Man beschäftigt sich intensiv mit den unterschiedlichsten Sujets, wie Drehbüchern, Krimis oder Jugendliteratur.“ Sie schweigt kurz. „Einige meiner Romane, wie „Endstation Steeseler Plateau“ oder „Tatort Rollingergrund“, waren anfangs Kurzgeschichten, die ich für das Fernstudium verfasst habe.“ Ein Denkanstoß waren die Schreibübungen demnach schon. „Aber man muss realistisch bleiben: Eine J.K. Rowling brauchte keine Schreibschule, um Bestseller-Autorin zu werden. Niemand, der absolut talentfrei ist, geht aus diesen Kursen als solche hervor“, so die Schriftstellerin weiter.

Da ist was dran. Ziemlich viel Wahres. Man braucht keine Zahlen, um zu wissen, dass nicht all jene, die eine Schreibschule oder ein Literaturinstitut besuchen, später als schillernde Sterne am Literaturhimmel erstrahlen. Da spielen deutlich mehr Faktoren mit, als eine solide Ausbildung. Fragt man Monique nach einer Selbsteinschätzung ihres eigenen Talents, wird aus der 52-Jährigen wieder das kleine Mädchen mit dem großen Wunsch. Nicht immer ist sie von ihren Arbeiten überzeugt. Ob das schlichtweg eine Berufskrankheit Kreativschaffender sei? Sie lächelt und nickt.

Und ist es nicht letzten Endes das, was das kreative Schreiben ausmacht? Der offene Dialog mit Worten, die sich drehen und wenden, bis sie auf dem Papier zur Landung ansetzen? Ungezwungen. Frei von Formen und Vorgaben. Erstmal gattungslos. Nur die Versprachlichung von Gedanken, die einem manchmal schon Stunden später platt erscheinen. Ist es nicht das, was dem Schreiben erst zum Adjektiv „kreativ“ verhilft? Seine Ecken und Kanten, seine Unvollständigkeit? Literatur zu schreiben bleibt eine Kunst. Und solange sich kluge Menschen den Kopf darüber zerbrechen, was Kunst eigentlich ist, fällt es auch schwer daran zu glauben, dass sie als Ganzes erlernbar ist.

Isabel Spigarelli

Ressorts: Wissen, Kultur

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Author: Martine Decker

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