Home » Home » Gelungener Ballwechsel

Gelungener Ballwechsel

Als Fußballer war er als Profi aktiv und hütete 20 Mal das Tor der FLF-Auswahl. Jetzt strebt Stéphane Gillet als Rugbyspieler eine zweite internationale Karriere an. Zuzutrauen ist dem 37-Jährigen diese Herausforderung allemal. (Text: Nico Tedeschwilli / Fotos: Tania Feller/Editpress, revue-Archiv)

Stéphane Gillet bereut nichts. Er würde den Weg, den er einst beschritten hat, immer wieder gehen, sagt er und blickt einen dabei ernst an. Bereits mit sechzehn ist er von Zuhause weg nach Lüttich zu einer Pflegefamilie, zu der er heute noch regelmäßig Kontakt hat. Beim Standard Lüttich lernte er das Torhüter-Einmaleins sozusagen von der Pike auf und machte später auch in Belgien sein Abitur. Den Sprung ins Profigeschäft schaffte er 1999, als er beim saarländischen Regionalligisten SV Elversberg anheuerte. Unter Trainer Neale Marmon erkämpfte er sich einen Stammplatz, bevor er ein Traumangebot aus Paris vom PSG bekam. Obwohl er unter Trainer Luis Fernandez zumeist nur die Bank drückte oder in der zweiten Mannschaft spielte, war es für ihn eine tolle Erfahrung und der Höhepunkt seiner bewegten Fußballerkarriere. Gillet spielte und trainierte zusammen mit späteren Weltstars wie Ronaldinho und Gabriel Heinze, um nur die beiden zu nennen.

„Wenn du eine Sportkarriere startest, muss es dein Ziel sein, international zu spielen. Sonst ergibt es keinen Sinn.“ Stéphane Gillet

Dabei war sein Weg eigentlich anders vorgegeben, waren seine Eltern doch beide passionierte Volleyballer und Vater François gar mehrmaliger belgischer Nationalspieler. So war es logisch, dass Stéphane und seine vier Geschwister zunächst dort auf Punktejagd gingen. Es ist nicht seine einzige Leidenschaft. Auch Basketball behagt ihm, zudem interessiert sich der in Mersch Aufgewachsene für Motocross, zum Fußball kam er eher zufällig. Einen Freund, mit dem er zum Spielen verabredet war, begleitet er zum Training des FC Marisca Mersch und bleibt dort hängen. So kommt es, dass er Samstagsnachmittags dem runden Leder hinterher jagt und abends den Ball für den VC Rollingergrund übers Netz wuchtet. Erst als er in den Jugendkader der FLF berufen wird, entscheidet er sich definitiv fürs runde Leder, dem er fast 20 Jahre die Treue hält.

Nach seinem letzten kurzen Auftritt beim englischen Viertligisten Chester City hat er keine Lust mehr auf dieses Nomadenleben, das er bislang als Fußballer notgedrungen geführt hat. Er möchte ins Berufsleben einsteigen, was sich als nicht so einfach entpuppt. Von den zahlreichen Bewerbungen wird nur eine positiv beantwortet. Alain Weyrich sowie Will Aust vom „Groupe Guy Rollinger“ der späteren „Alliance des Artisans“, der den Ehrgeiz des Fußballers aus Merscher Zeiten kennt, geben dem gelernten technischen Zeichner die Chance, beruflich Fuß zu fassen. Nach weiteren Stationen beim hauptstädtischen Fusionsverein RFCUL, Jeunesse Esch und zum Abschluss seiner Karriere beim Sporting Club Steinfort wendet er sich nun mehr und mehr dem Rugby zu, den er in Paris für sich entdeckt hat.

Volle Kraft voraus: Wie früher beim Fußball ist Stéphane Gillet auch beim Rugby darauf aus, stets sein Bestes zu geben. (Foto: Tania Feller)

Volle Kraft voraus: Wie früher beim Fußball ist Stéphane Gillet auch beim Rugby darauf aus, stets sein Bestes zu geben. (Foto: Tania Feller)

Der Einstieg beim RC Luxemburg wird ihm einfach gemacht. Es war wie früher als Kind. Er hat seine Tasche genommen und ist zum Training gegangen, erzählt er. Auf dem Gelände hat er sich nach dem Trainer erkundigt. „Du möchtest Rugby spielen. Dann zieh dich an und komm mit auf das Spielfeld.“ Besonders die Mentalität in dem Sport gefällt Gillet, wo der Spaß im Vordergrund steht. „Hier toben sich Bankdirektoren, Ärzte, Rechtsanwälte und Leute wie du und ich samstags so richtig aus. Es ist eine Gemeinschaft aus Engländern, Schotten, Iren, Franzosen mit unterschiedlichen Mentalitäten.“ Nach den Spielen trifft man sich, isst zusammen und trinkt das eine oder andere Glas Bier. Kommunikationsprobleme kennt Gillet nicht, spricht er doch fließend acht Sprachen.

Auch für die Zeit nach dem Rugbyspielen gibt es schon Pläne: eine Torwartschule aufbauen.

Kollegialität und Teamgeist machen für Stéphane Gillet den Reiz des Rugbyspielens aus. Als langjähriger Torhüter ist er Härte gewohnt. Und die ist bitter nötig, denn es herrscht reger Körperkontakt. „Da musst du hundertprozentig fit sein, wissen, was du tust, und dich auf den Nebenmann verlassen können. Physisch muss man sehr stark sein, denn es geht immer voll zur Sache.“ Er spielt in der zweiten Reihe, eine Position, wo es gilt, den Kopf hinzuhalten, Tacklings nicht aus dem Weg zu gehen und den Ball zurückzugewinnen. Seine Statur, seine Flexibilität und seine Athletik haben ihm dabei geholfen, sich schnell in der neuen Sportart zurechtzufinden. Er freut sich, dass Rugby auch in Luxemburg immer populärer wird. Internationale Turniere wie die Weltmeisterschaft und das legendäre „Tournoi des Six Nations“ haben längst das Interesse der Jugendlichen geweckt.

Stéphane Gillet

R06-02-SPORT-GILLETGeboren am 20. August 1977 in Luxemburg, hat Stéphane Gillet sämtliche Jugendauswahlmannschaften der FLF durchlaufen. Er ist 20-facher A-Nationalspieler und bestritt acht WM- und zwei EM-Qualifikationsspiele. Von seinem Stammverein Marisca Mersch wechselte er 1992 zum Standard Lüttich. Weitere Stationen als Profi waren von 1999 bis 2001 beim SV Elversberg sowie von 2001 bis 2003 beim Paris St. Germain. 2004 und 2006 gibt Gillet jeweils zwei Kurzgastspiele beim FC Will (CH) und bei Chester City (GB). National spielte er bei der Spora Luxemburg, der Union resp. RFCU Luxemburg und Jeunesse Esch. Er beendete seine Fußballerkarriere 2010 beim Sporting Club Steinfort.

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook

Auf die Frage nach seinen weiteren Ambitionen meint er: „Wenn du eine Sportkarriere startest, muss es dein Ziel sein, international zu spielen. Sonst ergibt es keinen Sinn.“ Mit dem RC Luxemburg spielt er mittlerweile in der zweiten deutschen Bundesliga. Und wie es scheint, hat auch der Luxemburger Rugby-Nationaltrainer Marty Davis schon sein Interesse an Gillet bekundet. Trotz seiner beruflichen Verpflichtungen – er ist mittlerweile Teilhaber und Leiter von vier Firmen innerhalb der „Alliance des Artisans“ – legt Gillet großen Wert auf Fitness und trainiert täglich. „Ich will fit bleiben, möchte weiterkommen im Leben, nicht nur Mitläufer sein. Darum meine Motivation im Beruf wie im Sport, etwas aufzubauen, und dabei habe ich den Blick stets nach vorne gerichtet.“ Freundin Jessica war sich bewusst, was sie erwartet, zeigt Verständnis, schüttelt dennoch manchmal den Kopf, wenn sie zum Spiel kommt. „So ist das eben. Ich bin Sportler durch und durch und nehme diese Mannschaftsmentalität auch mit ins Büro. Wenn ich etwas tue, dann ziehe ich das auch konsequent durch.“

Aber auch für die Zeit nach dem Rugbyspielen gibt es schon Pläne. Zusammen mit Michel Hausmann, seinem ehemaligen Mentor, und Kevin Hartert, der einst in Beggen das Tor hütete, ist er dabei, eine Torwartschule aufzubauen. „Ich möchte meine Erfahrung gerne an die Jugend und deren Vereine weitergeben. Wenn ich einmal mit dem Rugby kürzertreten werde, bin ich, wenn erwünscht, gewillt, auch beim Verband mit anzupacken.“ Ein Angebot, das man sich in Monnerich sicher mal überlegen sollte, denn in Sachen Torwart-Nachwuchs hapert es.

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?