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Generation Corona

Wer braucht schon „Bazookas“? Luxemburg hat die Tripartite. Die Wiederbelebung der Dreierrunde aus Arbeitgebern, Gewerkschaften und Regierung, einer wirtschafts- und sozialpolitischen Institution Luxemburgs, ist mehr als die Renaissance eines Mythos. Die erste Tripartite dieser Regierung wird dem Ernst der Lage gerecht. Denn aus der Pandemie ist eine wirtschaftliche Krise geworden – und kann zunehmend eine soziale Krise werden.

Dass sich die Dreierrunde bei ihrem Treffen zu Beginn des Monats auf die Arbeitslosigkeit konzentrierte, versteht sich. Während die Corona-Krise auf ganz Europa bezogen nicht wie in den USA zu einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosenquote geführt hat, stieg diese in Luxemburg laut Eurostat von Februar bis März von 5,8 auf 7,7 Prozent. Damit lag die Quote im Großherzogtum höher als der Durchschnitt der Europäischen Union.

Besonders ins Auge springt dabei die Jugendarbeitslosigkeit mit 26,1 Prozent. Sie lag im Februar noch bei 18,2 Prozent. In der gesamten EU schnitt nur Spanien im Mai schlechter ab. Weltweit betrachtet, so meldete die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bereits Ende Mai, verloren gut 17 Prozent der jungen Leute zwischen 18 und 29 Jahren einer Umfrage zufolge ihren Job. Doch nicht nur: Viele finden erst gar keinen. Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt hat sich verschärft, und selbst Studienabsolventen haben es schwer, eine Stelle zu finden. Allgemein trifft die Corona-Krise Berufseinsteiger hart. Die ILO warnt vor einer „Generation Lockdown“ oder „Generation Corona“.

Von der Pandemie zur sozialen Krise. Betroffen sind vor allem junge Menschen.

Aus gesundheitlicher Sicht setzt die Pandemie vor allem älteren Menschen zu, ökonomisch gesehen müssen insbesondere jüngere unter Jobverlust und Einkommenseinbußen leiden. Die Erklärung liegt auf der Hand: Junge Beschäftigte arbeiten öfter in prekären Arbeitsverhältnissen, die leicht gekündigt oder nicht verlängert werden können. In Deutschland meldete die Bundesagentur für Arbeit im Juni 30 Prozent weniger freie Stellen als noch im Vorjahr. Doch die Zahlen sind je nach Branche sehr unterschiedlich: So haben die Stellenangebote im Bereich Software und IT-Dienstleistungen gegenüber dem Vorjahreszeitraum zugelegt. Und im Gesundheitssektor fehlen zehntausende Fachkräfte, besonders von März bis Mai hat der Bedarf an Klinikpersonal beträchtlich zugenommen.

In Luxemburg wurde in jüngster Zeit ein „dramatischer Anstieg“ („Journal“ vom 17. Juli) der Coronavirus-Neuinfektionen registriert und von einer „zweiten Welle“ („Tageblatt“ vom 17. Juli) gesprochen. „Nur einen Monat hat es gedauert, und Luxemburg stürzte vom Vorbild zum Paria ab“, schreibt „d’Lëtzebuerger Land“ in seiner Ausgabe vom vergangenen Freitag. Belgien erklärte sein Nachbarland zur „Zone orange“, die Dänen setzten Luxemburg auf die Liste der „banned countries“ – und das deutsche Robert-Koch-Institut stufte es als „Risikogebiet“ ein. Gesundheitsministerin Paulette Lenert betonte ein um das andere Mal, dass die hohen Infektionszahlen auf die einzigartige und umfassende Teststrategie zurückzuführen sei – auch wenn die Teilnahme am „Large-scale Testing“ noch recht niedrig war. Am Sonntagabend beschloss der Regierungsrat verschärfte Restriktionen und Sanktionen sowie verstärkte Kontrollen und Sensibilisierungsmaßnahmen.

Während das Land also noch mitten in der Pandemie steckt, hat die Folgekrise längst begonnen. Die Armut droht drastisch anzusteigen. Betroffen könnten vor allem Kinder und Alleinerziehende sein. Gerade unter jungen Leuten ist das Armutsrisiko besonders hoch, wie die Eurostat-Daten in den vergangenen Jahren zeigten. Noch gibt es Kurzarbeit, Kündigungsstopp und Notkredite. Auch die bei der Tripartite in Senningen beschlossenen Maßnahmen gegen die Krise sind richtig – wie die „Aide à l’embauche“ und die Hilfen für Betriebe, um Lehrstellen anzubieten. Aber dies kann nur ein Anfang sein. In der nächsten Dreierrunde muss nachgelegt werden. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und die Stärkung der Kaufkraft sind zwei Facetten einer multiplen Strategie. Sie allein werden nicht reichen, um das zu verhindern, was im „Land“ vom 10. Juli in großen Lettern stand: „Erst das Virus, dann die Not.“

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Martine Decker

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