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Generation Online

Noch nie hatten Kinder so leicht Zugang zu digitalen Medien wie heute. Die meisten von ihnen verbringen einen großen Teil ihrer Freizeit im Netz. Medienexpertin Nadine Schirtz vom SNJ über die Gefahren, den Sinn von Medienkompetenz und die positiven Seiten des Internets.

Fotos: Cromary/Dreamstime, François Aussems/Editpress, SNJ


Gibt es hierzulande aktuelle Zahlen zur Online-Nutzungsdauer von Kindern und Jugendlichen?

Laut einer Studie der Uni Luxemburg zeigen sich zwei Trends: Im Großherzogtum sind Kinder immer früher im Netz unterwegs. Das Durchschnittsalter für den Erstgebrauch liegt bei 8,2 Jahren. Zudem gehen Kinder und Jugendliche auch immer öfter online. Ab 14 Jahren sind bereits über 80 Prozent der Jugendlichen an mindestens fünf, sechs Tagen pro Woche online. Durchschnittlich verbringen sie an einem Schultag etwas mehr als eineinhalb Stunden im Netz, an einem schulfreien Tag sind es etwa zweieinhalb Stunden. Hinzu kommt die Kommunikation über soziale Netzwerke oder Messaging-Apps, die durch Push-Benachrichtigungen eine ständige Vernetzung gewährleisten. Diese ersetzen aber nicht zwangsläufig die aktive Freizeitgestaltung, sondern werden parallel dazu genutzt beziehungsweise in andere Hobbys mit eingebunden.

Welche Medien sind bei jungen Leuten hierzulande besonders angesagt?
Die mobile Kommunikation steht an erster Stelle. Längst hat das Smartphone Laptop und PC vom Thron gestoßen. Facebook ist seit Jahren der Spitzenreiter. Hier nutzen mehr als 80 Prozent der Jugendlichen das soziale Netzwerk regelmäßig. Und das, obwohl Facebook in den Nutzungsbedingungen ein Mindestalter von 13 Jahren verlangt. Auch andere Messaging-Apps wie Snapchat oder Whatsapp sind angesagt. Ihr Erfolgsrezept: Sie sind kostenfrei, unterhaltsam und einfach zu bedienen.

Wie unterscheidet sich der Medienkonsum von Mädchen und Jungen?
Computerspiele sind bei Jungs beliebter als bei Mädchen. Das spiegelt sich auch bei der suchtartigen Mediennutzung wider, die ebenfalls in der Uni-Studie beleuchtet wurde: Während betroffene Jungen vorwiegend Schwierigkeiten haben, sich von Online-Games zu lösen, ist bei Mädchen die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken ein viel häufigeres Problem. Grund dafür ist die ständige Erreichbarkeit durch Smartphone-Apps. Schnell nachschauen, was es Neues gibt, Beiträge kommentieren und auf Nachrichten antworten wird so zum sich immer wiederholenden Verhaltensmuster. Abschalten fällt vielen schwer.

„Ab 14 Jahren sind über 80 Prozent der Jugendlichen an mindestens fünf, sechs Tagen pro Woche online.“

Was sucht die Jugend im Netz?
Das Netz weiß auf jede Frage eine Antwort und ist somit, nicht nur für Jugendliche, die Hauptinformationsquelle schlechthin. Egal ob für Hausaufgaben, Nachrichten oder ein YouTube-Video. Natürlich ist das Internet auch ein geduldiger und diskreter Ansprechpartner, wenn es um intime Fragen geht, die man sich im öffentlichen Raum nicht zu stellen traut.

Welche Rolle spielt der Gruppendruck im Internetzeitalter?
Gruppenzwang spielt bei Jugendlichen seit jeher eine große Rolle. Die meisten Eltern kennen zum Beispiel in Bezug auf Smartphones den Satz „Aber alle haben das…!“ Tatsächlich läuft bei Jugendlichen viel Zwischenmenschliches auf digitaler Ebene ab. Wer nicht „mitposten“ kann, riskiert, den Anschluss an die Freunde zu verlieren, mit denen er/sie sich täglich trifft. Wir bekommen auch immer wieder mit, dass gewaltverherrlichende oder pornografische Videos auf den Handys von Schülern zirkulieren. Sie anzuschauen gilt als Mutprobe, obwohl die meisten sie abstoßend finden. Gruppen sind stark im Online-Zeitalter. Das kann negative Konsequenzen haben, wie Cybermobbing, aber auch positive. Es gibt unzählige Beispiele, wo sich junge Leute im Internet für eine gute Sache eingesetzt haben.

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Welche Auswirkungen haben übermäßiger Fernseh- und Computer-Konsum?
Jede Aktivität, die unverhältnismäßig ausgeübt wird, kann negative Auswirkungen haben. Das Internet ist da keine Ausnahme. Wichtig ist, zu erkennen, ab wann aus dem „viel“ ein „zu viel“ wird. Eine deutliche Verschlechterung der schulischen Leistungen ist einer von vielen Hinweisen auf eine dysfunktionale Mediennutzung. Weitere Alarmsignale sind das Vernachlässigen von Freundschaften oder Hobbys sowie Schlafprobleme und Aggressivität als Reaktion auf den Medienentzug. Wenn Eltern diese Symptome bei ihrem Kind wahrnehmen, sollten sie sich professionelle Hilfe holen. Eine Anlaufstelle in Luxemburg ist die Beratungsstelle „Ausgespillt“ oder die Bee Secure-Helpline (Tel. 80 02 12 34).

Zur Person: Nadine Schirtz

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Die studierte Germanistin und Anglistin hat beim Medien- und Kommunikationsdienst des Staatsministeriums und im Wirtschaftsministerium gearbeitet bevor sie zum „Service National de la Jeunesse“ (SNJ) wechselte. Die 29-Jährige kümmert sich um die Kommunikation und gestaltet Aufklärungskampagnen im Bereich digitale Medien für Kinder und Jugendliche. Die Luxemburgerin ist zudem Leiterin der Initiativen „Bee Secure“ und „Bee Creative“.

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Welche Gefahren sind mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten verbunden?
Die Gefahren bestehen auf zwei Ebenen: inhaltlich – wenn Kinder im Netz auf Inhalte stoßen, die ihrem Alter nicht angepasst sind und sie emotional durcheinander machen. Hier können Filterprogramme helfen, um zumindest sehr junge Kinder vor Gewalt, Pornografie und Extremismus zu schützen. Eltern sollten hier auch an die Sicherung des Smartphones denken. Verhaltenstechnisch – Naivität im Netz ist ein großes Problem bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen. Sorgloser Umgang mit Daten, Nutzung ohne Hinterfragung, Nicht-Respektieren von Bildrechten sind Verhaltensmuster, die schnell zum Verhängnis werden können. Ein Beispiel dafür ist „Sexting“, das freiwillige Austauschen intimer Selbstaufnahmen untereinander. Die Bee Secure-Helpline erreichen viele Hilferufe von Jugendlichen, deren Nacktfotos später im Internet zirkulieren. Wenn wir auf verhaltenstechnischer Ebene etwas verbessern wollen, hilft nur die Vermittlung von Medienkompetenz.

Ab wann sollten Eltern beginnen, ihrem Kind Medienkompetenz zu vermitteln und wie?

Mediennutzung und die Vermittlung von diesbezüglichen Kompetenzen sollten miteinander einhergehen. Ein Fahrrad stellt man dem Kleinkind auch nicht einfach hin und lässt es damit alleine. Viele Kinder spielen schon mit Tablets oder schauen sich Videos an, noch bevor sie sprechen können. Das ist nicht unbedingt schlimm, im Gegenteil, es gibt heute viele pädagogisch wertvolle Apps und Spiele, die für die Entwicklung des Kindes förderlich sind. Eltern sollten aber dabei sein und darauf achten, dass ihr Kind mindestens genau so viel Zeit mit nicht-medialen Aktivitäten verbringt wie vor dem Bildschirm. Gute Medien sollten die Kreativität der Kinder fördern und sie nicht einfach nur passiv auf den Bildschirm schauen lassen. Auch nach dem Kleinkindalter lautet die goldene Regel: Sich für das interessieren, was das Kind macht! Eltern sollten das Internet gemeinsam mit dem Kind entdecken. Außerdem sollten Eltern die positiven Seiten der neuen Medien erkennen und ihre Kinder dementsprechend fördern.

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Author: Martine Decker

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