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Geschichte live

Die Idee mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit zu reisen, klingt reizvoll, ist bis jetzt allerdings nicht mehr als ein Hirngespinst. Ganz ohne ein solches Gerät schaffen es Jeff Wiltzius und Manual Quaino für ein paar Stunden oder Tage ins Mittelalter zur reisen. Dieses Hobby nennt sich Living History. revue begibt sich mit ihnen auf Zeitreise.

Fotos: Tania Feller (Editpress), Privatarchiv

„Das sind doch Spinner“, diese Aussage müssen sich Jeff und Manuel oft anhören. Sie betreiben nämlich ein in Luxemburg noch ziemlich unbekanntes Hobby. „Schon in der Primärschule faszinierte mich das Mittelalter. Als ich dann 2001 zum ersten Mal ein Mittelalterfest besuchte, wusste ich, dass genau das mein neues Hobby sein wird“, verdeutlicht Jeff. „Ich lernte vor neun Jahren ein Mädchen auf gerade einem solchen Markt kennen, durch sie entdeckte ich die Mittelalterwelt und war sofort verzaubert“, fügt Manuel hinzu. Als die Mittelaltermärkte und Feste sich in Luxemburg langsam etablierten, fingen immer mehr Menschen an sich für diese Zeitspanne zu interessieren und so bildete sich langsam auch die Mittelalterszene.

Sich einfach nur verkleiden und so auf Mittelalterfesten auftauchen, nein, das ist kein echtes Living History. Diese Beiden traten deshalb einem Club bei, und suchten sich mit den anderen Clubmitgliedern zusammen die Rolle aus, die sie verkörpern wollen. Sie recherchieren jede freie Minute über die Epoche, stellen selbst ihre Kleider her und suchen nach passenden Accessoires, welche bei Bedarf von ihnen selbst wieder zum Strahlen gebracht wird. Wenn es neue Erkenntnisse übers Mittelalter gibt, passen die beiden Mittelalterfans auch dementsprechend immer wieder ihre Kleidung oder Rüstung an.

Jeff Wiltzius verkörpert einen Ordensritter, der etwa um das Jahr 1200 in unserer Gegend lebte. Den Orden nannte man Hospitaliter. Die Johanniter- und der Malteserorden stammen von dieser Bruderschaft ab. Die Hospitaliter waren die Ersten, die Medizin aus dem Orient nach Europa brachten, sie setzten sich zum Schutz der Pilger und Händler ein: „Ich musste in meinem damaligen Club Confrerie St Martin drei Jahre lang verschiedene Etappen durchlaufen und wurde erst dann zum Ritter geschlagen. Aber das ist bei jedem Club anders, heute habe ich meinen eigenen Club.“ Manuel Quaino schlüpft in die Rolle eines Mönches im Mittelalterclub Terra Rubea: „Ich versuche so viel wie möglich über das Leben eines Mönches in Erfahrung zu bringen. So verbrachte ich zum Beispiel vor einigen Monaten zusammen mit Jeff zwei Nächte im Kloster in Clerf. Ich probiere auch die lateinischen Gebete zu erlernen, auch wenn ich selbst nicht immer alles verstehe. Mein Auftreten als Mönch soll so authentisch wie nur möglich sein.“

Die Zwei spielen nicht nur zwei Gläubige, sie glauben auch im alltäglichen Leben an Gott, oder eine Energie,auch wenn sie dem nie so viel Aufmerksamkeit schenken würden wie im gespielten Mittelalter. Living History ist ein Hobby, zugleich ein Prozess, das sich über Jahre entwickelt und zudem ins Portemonnaie geht. „Die Stoffe die wir benutzen sind manchmal schwer aufzutreiben, und wenn wir es selbst nicht verarbeiten können, muss eine Schneiderin ran. Das alles kostet Geld“, erklärt Jeff. In der mittelalterlichen Kleidung aus Leinen und Wolle ist es ihnen im Sommer kälter, als wenn sie leichte synthetische Klamotten anhätten.

Sobald sie in ihrem Gewand stecken, fängt für sie die Zeit des Entspannens an. Die Handys werden weggelegt und damit wird auch das alltägliche Leben ausgeschaltet.

Das Duo kann zudem bei Mittelalterfesten komplett abschalten. Die Stimmung dort lässt sie den Alltag vergessen. Sobald sie in ihrem Gewand stecken, fängt für sie die Zeit des Entspannens an. Die Handys werden weggelegt und damit wird auch das alltägliche Leben ausgeschaltet. Das Feuer brennt, die Mittelalter-Fans sitzen zusammen, essen und trinken etwas bei Kerzenschein. Gekocht wird wie früher und gegessen auch. Geschlafen wird in Zelten und tagsüber wird in der Sonne gelegen, musiziert, gemalt oder es werden Schwertkämpfe imitiert. Auch eine Messe gehört dazu. Das Lager bauen alle selbst auf und hacken auch Holz fürs Feuer. „Wenn wir auf ein Treffen über mehrere Tage reisen, vor allem ins Ausland, leben wir ein ganz anderes Leben und treffen alte Bekanntschaften oder neue Menschen, schließen Freundschaften. Das ist einfach ein tolles Gefühl und auch ein Grund, warum ich gerne an diesen Treffen und Festen teilnehme. Wenn ich dann nach Hause komme, bin ich körperlich todmüde, doch mein Kopf ist frei“, bemerkt Manuel.

Bei verschiedenen Festen kommen manchmal Besucher auf Manuel und Jeff zu und setzen sich ungefragt zu ihnen und essen das mittelalterliche Essen mit, was zu witzigen Situationen führen kann. Man merkt den Beiden auf jeden Fall an, dass sie diese Momente in einer anderen Epoche genießen.

Mady Lutgen

Journalistin / Lifestyle

Ressort: Lifestyle

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Author: Philippe Reuter

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