Editorial
Der Krampf mit dem Wahlkampf
05.10.2011, 19:55 –
Die Zeichen sind unmissverständlich: Es gibt gratis Luftballons, Popcorn, Kugelschreiber und Aufkleber. Kreisverkehre, Blumenbeete und Straßenschilder werden haufenweise eingeweiht. Im Briefkasten und an Straßenkreuzungen steigt die Anzahl der abgebildeten Politgesichter seit Wochen kontinuierlich. Beim Einkaufsbummel in der Fußgängerzone strahlen Wahlfänger einen mit ihrem schönsten Perlweiß-Lächeln an und schütteln dem, der es mag, auch gratis die Hand… Kurz gesagt: der Wahlkampf tobt.
Obwohl toben eigentlich stark übertrieben ist, denn die Aktionen im Vorfeld der Gemeindewahlen vom 9. Oktober ähneln über weite Strecken eher einer weichgespülten Fehde, als einem politischen Kampf. Bei einem Blick auf die Wahlmaximen versteht jeder ziemlich schnell, wieso das Ganze nur selten über ein halb seichtes Politgeplänkel hinausgeht. Prickelnder Ideenreichtum ist Fehlanzeige. Wesentlich schlimmer noch als diese Unkreativität bleibt die Austauschbarkeit der Slogans. Die meisten Sprüche werden so allgemein formuliert, dass sie fast ganz im politischen Einheitsgesülze verschwinden. Klare politische Kampfansagen an den Gegner lassen alle vermissen.
Prickelnden Ideenreichtum bei den Slogans sucht der Wähler vergebens.
Die DP möchte „Lëtzebuerg zesumme gestalten“. Das ist genauso schön, nett und bunt, wie die lustigen mit Bleistiftfarben gemalten Illustrationen auf dem Plakat. Was der Spruch genau mit liberalem Gedankengut zu tun hat, bleibt auf immer und ewig das Geheimnis des Texters. „Déi Gréng“ wollen „Besser liewen“. Wer will das eigentlich nicht? Die ökologische Idee dahinter wurde jedenfalls akribisch gut versteckt. Die CSV fordert „e kloere Bléck fir eis Gemeng“ ein. Eine Fielmann-Werbung für Lesebrillen? Oder müssen alle Wähler vor dem Urnengang noch schnell den Augenarzt aufsuchen? Die LSAP ruft die Parole „Fir mech a meng Gemeng“ aus, was wiederum alles und auch gar nichts bedeutet. Ähnliches Geschwafel gibt es bei der ADR, die sich mit „Eng kloer Sprooch“ vehement gegen Sprachfehler einsetzen. Bei „Sozial geet vir“ von „déi Lénk“ steckt zwar so etwas wie eine politische Aussage drin. Leider tendiert die Identifikationskraft gegen null. CSV, LSAP oder „déi Gréng“ könnten mit exakt demselben Spruch in den Wahlkampf ziehen und kein Wähler würde sich auch nur im Geringsten daran stören. Der KPL-Leitspruch „De Mensch virum Profit“ ist so was wie ein Klassiker, was noch lange nicht bedeutet, dass es ein „Evergreen“ ist. Ein Spruch, der über Jahre immer wieder eingesetzt wird, zeugt nicht gerade von unbremsbarer Kreativität.
Zum Glück stehen in verschiedenen Gemeinden spannende Duelle zwischen zwei Spitzenkandidaten auf der Tagesordnung, um von der belanglosen Sprücheklopferei abzulenken. In unserer Reportage (ab S.16) haben wir einige der Auseinandersetzungen herausgegriffen. So zum Beispiel das Aufeinandertreffen in der Geimeinde Bascharage. In der Südgemeinde trifft der CSV-Parteipräsident und aktuelle Bürgermeister Michel Wolter auf den LSAP-Generalsekretär Yves Cruchten. Eine perfekte Gelegenheit für die Politgegner, sich klipp und klar auszudrücken. Wischiwaschi-Aussagen gab es ja bereits genug…



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