Editorial

Der menschliche Faktor

Bitte verstehen Sie unsere Position, für Sie ist es nur eine Story, für uns ist es bittere Realität“, schreibt die Angehörige eines Absturzopfers per Mail an die Revue. Sie wolle sich nicht mehr zu dem Unglück von damals äußern. Das Unglück von damals ist der Luxair-Crash vom 6. November 2002.

Eine verständliche Reaktion. Trotzdem haben wir versucht, möglichst vielen der Absturzopfer, die auf so tragische Weise auf einem Feld bei Niederanven ums Leben kamen, wieder ein Gesicht zu geben. Sie dem Vergessen zu entreißen, fast neun Jahre nach dem Crash. Wir wollten klar machen, worum es geht: um das Leben von Menschen, von denen jeder seine eigene Geschichte hat, jeder einen anderen Grund, warum er in der Unglücksmaschine saß, jeder seine eigene Familie, deren Leben sich mit einem Schlag veränderte.

Wie wichtig dieser Prozess für die Hinterbliebenen ist, wird in den Gesprächen mit ihnen immer wieder deutlich. „Das ist das Letzte, das ich für meinen toten Sohn tun kann“, sagt eine Mutter. Wie skeptisch die Angehörigen dem Ausgang des Prozesses entgegensehen, bringen sie ebenfalls zum Ausdruck. Zu lange haben sie auf dieses Verfahren warten müssen, zu unverständlich erscheint ihnen das juristische Hin und Her im Lauf der Untersuchungen, zu groß die Zeitabstände zwischen den verschiedenen Anklageerhebungen. Sogar der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Luxemburg bescheinigt, gegen das Recht auf ein Verfahren in angemessener Zeit zu verstoßen.

Der bevorstehende Prozess wird eine echte Bewährungsprobe für die Justiz.

Umso mehr wird der bevorstehende Prozess, der sechs Wochen dauern soll, eine echte Bewährungsprobe für die Justiz. Auf ihr lastet die große Verantwortung, die Schuldfrage zu klären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Dass menschliches Versagen eine der Ursachen war, steht spätestens seit dem Erscheinungstermin des Untersuchungsberichts im Dezember 2003 fest.

Inwieweit technische Details und die Entscheidungen der Luxair-Verantwortlichen eine Rolle dabei spielten, soll in dem Prozess geklärt werden. Jetzt liegt der Ball bei der Justiz: Wird sie dem komplizierten Dossier gerecht? Schafft sie es, die Verantwortlichkeit der einzelnen Beteiligten klar fest zu stellen? Kann sie sich aus den Verstrickungen von Staat, Luftfahrtgesellschaft und des kleinen Kosmos der Luxemburger Gesellschaft lösen? Wird ihr es gelingen, ein angemessenes Urteil zu fällen, mit dem die Betroffenen leben können?

Zu hoffen ist, dass sich wenigstens der Prozess nicht unnötig in die Länge zieht, was eine weitere Strapaze für die Angehörigen wäre. Sie nehmen zum Großteil weite Wege auf sich, um an dem Verfahren teilzunehmen. Für Berufstätige ein Ding der Unmöglichkeit. Nur wenige von ihnen treten als Nebenkläger an. Die meisten werden den Prozess aus der Ferne verfolgen. Den geliebten Mann, Freund, Vater, Sohn oder die geliebte Frau, Tochter, Mutter wird er ihnen sowieso nicht zurückbringen. „Die Zeit heilt keine Wunden, sie lindert nur den Schmerz“, sagt eine der Hinterbliebenen.

Ihnen gewidmet ist die Reportage über die Menschen, die am 6. November 2002 in den Tod flogen.

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