Editorial
Freiheit, die ich meine
24.01.2012, 09:26 –
Das neue Jahr beginnt mit einem Todesfall. Jorge Martinez Boero stirbt auf der ersten Etappe der Rallye Dakar in Südamerika und viele Medien haben ihre Schlagzeile zur umstrittenen Mörder-Rallye. Der deutsche Boulevard weiß, dass sich Blut, Sex oder was mit Hitler immer gut verkauft.
Auf rund 60 summieren sich die Todesfälle in den bisherigen 33 Auflagen, womit eine kontroverse Diskussion natürlich erlaubt sein muss. Vor allem, da trotz Anstrengungen der Organisation bei der Streckenführung und strengen Geschwindigkeitsbeschränkungen in und um Dörfer immer wieder Zuschauer betroffen waren. Wenn sich aber ein 38-jähriger argentinischer Motorradfahrer wissentlich und willentlich den eigentlich unnötigen Gefahren der gefährlichsten Motorsportveranstaltung aussetzt, kann und sollte man es ihm verbieten? Im März starten Sonia Gomes und Sylvie Heiderscheid zur weit weniger gefährlichen Wüstenrallye Aicha des Gazelles. Sind auch sie eigentlich suizidäre Abenteurer?
Darf man dem Menschen vorschreiben, wie er sein Leben zu leben hat?
Die vor einigen Jahren von der Universität Zürich ausgeführte Untersuchung zu so genannten „Extremsportlern“, also Menschen, die eine objektiv gefährliche Sportart wie etwa Fallschirmspringen, Wildwasserkajak oder seilfreies Klettern ausüben, zeigte, dass sie keine waghalsigen Draufgänger sind, sondern lebensbejahend ihre eigenen Grenzen ausloten wollen und mit einer konsequenten Vorbereitung versuchen, die Risiken zu minimieren und zu kontrollieren. Anschaulich zeigte die Untersuchung, dass unkon- trollierbares Verhalten wie etwa Autofahren unter Alkoholeinfluss bei ihnen signifikant niedriger liegt als im Bevölkerungsschnitt. Sogar wenn man weiß, dass von den 390 Spitzenalpinisten im Standardwerk „Das Lexikon der Alpen“ jeder fünfte (!) Bergsteiger einem tödlichen Bergunfall erlag, darf man dem Menschen dann vorschreiben, wie er sein Leben zu leben hat? Jedenfalls solange er keine anderen Menschen gefährdet, was beispielsweise die Gesetzgebung zu Alkohol am Steuer und das umstrittene Rauchverbot in Cafés und Restaurants erklärt. Sich totsaufen verbietet der Gesetzgeber ebenso wenig wie völlig ungesunde Ess- und Lebensgewohnheiten mit den durchschnittlich vier Stunden täglichem Bildschirmkonsum eines Luxemburgers 2009. Die Freiheit, so zu leben wie ein jeder es für sich für richtig hält, schränkt der Staat hingegen beim illegalen Drogenkonsum eines jeden und verstärkt bei den besonders schutzbedürftigen Jugendlichen ein.
Was ist der Sinn des eigenen Lebens? Im aktuellen Magazin der Süddeutschen Zeitung führt Bronnie Ware die Wünsche von im Sterben liegenden Menschen an, die sie die letzten Wochen ihres Lebens begleitete. Die Top fünf sind, mehr das eigene Leben statt die Erwartungen der anderen gelebt, weniger gearbeitet, mehr Mut zu Gefühlen, mehr mit Freunden in Kontakt geblieben und mehr eigenes Glück zugelassen zu haben. Jeder sollte für sich herausfinden, ob er sein Glück als Familienmensch, im Beruf, bei der Hilfe an Mitmenschen, als Künstler oder im Sport, wie etwa Catherine Elvinger bei den ersten Olympischen Jugend-Winterspielen findet. Schließlich wird letzten Endes ein jeder von uns sterben. Die eigentliche Frage ist, ob man davor gelebt hat.


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