Editorial

Im Zeichen der roten Schleife

Die Zahl der Infektionen mit dem Aidsvirus ist weltweit zwischen 1997 und 2010 um ein Fünftel auf 2,67 Millionen gesunken. Diese Angaben aus dem Bericht von UNAIDS, dem UN-Programm gegen AIDS, zeigen, dass sich die Krankheit mit dem nötigen politischen Willen und genügend finanziellen Mitteln bekämpfen lässt. Eine Wende im Kampf gegen die Krankheit scheint erkennbar, die Schlacht gegen die HIV-Pandemie ist aber noch lange nicht gewonnen.

Gerade deshalb ist es wichtig, dass am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag (siehe auch Seite 24), die unterschiedlichsten Organisationen die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft daran erinnern, sich weiter im Kampf gegen die Krankheit einzusetzen. Eine gesellschaftliche Institution tut sich dabei traditionell sehr schwer, sich auf rationale Art und Weise mit der Thematik auseinander zu setzen: die katholische Kirche.

Das Verhältnis der Kirche zur AIDS-Thematik ist nach wie vor mehr als fragwürdig, der jetzige Papst ist da keinesfalls die Ausnahme, die die Regel bestätigen würde. Bei seinem ersten Afrikabesuch in Angola und Kamerun im Jahr 2009 hatte Papst Benedikt, mit der Behauptung das Verteilen von Kondomen würde das AIDS-Problem nicht lösen, sondern eher noch vergrößern, heftige Proteste ausgelöst. Unter anderem reagierte damals der jetzige französische Außenminister Alain Juppé empört und verteilte mit Sätzen wie „Dieser Papst fängt an, ein echtes Problem darzustellen“ oder „Der Papst lebt anscheinend in einem totalen Autismus“, völlig zu Recht verbale Ohrfeigen gegen diese „menschenverachtenden und zynischen“ Aussagen, wie es die deutsche Aidshilfe damals bezeichnete. Bei seinem rezenten Besuch in Benin verkniff sich Benedikt Aussagen zum Thema AIDS. Was keinesfalls bedeutet, die Kirche hätte ihre reaktionäre Position zu dieser Thematik grundsätzlich überdacht oder sogar erneuert. Ganz im Gegenteil, denn im Wesentlichen vertritt die oberste Ebene der katholischen Kirche noch immer die gleiche Einstellung (ein Ablehnen von Verhütungsmitteln) wie Papst Paul VI. sie im Jahr 1968 in der umstrittenen Enzyklika „Humanae vitae“ niedergeschrieben hatte. Fortschritt sieht anders aus.

Das Verhältnis der Kirche zur AIDS-Thematik ist nach wie vor mehr als fragwürdig, der jetzige Papst ist da keinesfalls die Ausnahme, die die Regel bestätigen würde.

In der Luxemburger Kirche scheint mit der Nominierung des neuen Erzbischofs so etwas wie ein frischer Wind zu wehen. Jean-Claude Hollerich (lesen Sie auch das Interview ab Seite 16) hat bei seiner Weihe gesagt, dass er sich „auf eine dynamische Kirche freue“. Wie dynamisch sie sein wird und ob es viel mehr als nur eine minimale Imagekorrektur sein wird, bleibt abzuwarten. In Zeiten, in denen ein Kirchenaustritt längst kein Tabu mehr ist, laut dem Internetportal fraiheet.lu sind es in Luxemburg deren 3.000 in rund drei Jahren, könnte eine moderne Kirche in dieser Hinsicht eventuell noch Schadensbegrenzung betreiben. Die aus dem Vatikan gesendeten Zeichen sind von progressivem Denken allerdings soweit entfernt wie die Weltkugel von einer Scheibe.

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