Editorial

Pommerland am Abbrennen

Nun ist es also soweit. Dänemark hat als erstes Land der Welt eine Steuer auf gesättigte Fettsäuren eingeführt. Nachdem die Raucher inzwischen nahezu überall an die je nach Jahreszeit allzu frische Luft gesetzt, besser: verbannt wurden, geht es nun bildlich und wörtlich ans Eingemachte.

Wobei nicht nur Fertiggerichte, Pizzen, Tiefkühlkost und Konserven ins Visier des allgegenwärtigen Gesundheitswahns geraten, sondern alles, vom Ei über die Milch bis hin zum Fleisch, was den fiesen Cholesterinspiegel in die Höhe zu treiben drohen könnte. Unter dem Vorwand, der Fettleibigkeit auf ebenjenen Leib zu rücken, wird der einst mündige Bürger erneut in seiner freien Entscheidungskraft beschnitten, oder zumindest, via den subtilen Griff ins Portmonee, dafür bestraft, nicht dem Idealweltbild zu entsprechen, in das langfristig einzig sportlich durchtrainierte, kerngesunde, sprich makellose Menschenklone mit möglichst wenig eigener Meinung, dafür aber einer ernährungstechnisch einwandfrei gefüllten Salatschüssel passen. Und da nicht nur im Staate Dänemark etwas faul ist, exerzieren die Skandinavier bestenfalls vor, was auch in den Schubladen anderer Gesundheitsminister und EU-Bürokraten bereits längst als Zukunftsmusik schlummern dürfte.

Nicht nur im Staate Dänemark ist was faul.

Faul ist derzeit so einiges, auch hierzulande. Und wenngleich so mancher Skandal durch den in der Endphase vielerorts doch noch zur Schlammschlacht mutierten Gemeindewahlkampf früher als von den jeweils Implizierten befürchtet an die Öffentlichkeit geriet, so bleibt doch das mulmige Gefühl, dass längst nur die Spitze manchen Eisbergs aus dem Morast hervor lugt. ProActif, LCGB und Robert Weber auf der einen, Flavio Becca, das Megaprojekt Liwingen inklusive aller erdenklichen Verstrickungen, die ebenso viele mal mehr, mal weniger glaubwürdige Dementis bis hin zu Regierungschef Jean-Claude Juncker vonnöten machen, auf der anderen Seite, sind die derzeit spektakulärsten Geschwüre, welche das einst so pseudo-friedliche Schlaraffenland in seinen Grundfesten erschüttern. Und letztlich auch die eigentlich bislang mit dem samstäglichen Waschen des Drittwagens und dem gutmütig blökenden Schafsherdentrott ausreichend beschäftigte „vox populi“ aus ihrer lethargischen Leichtgläubigkeit herauszusprengen drohen, der multinationale Sumpf aus Korruption, Machtgeilheit, Vetternwirtschaft und Interessenvermischung, gepaart mit Schuldenkrise und Spekulationsmonopoly mache vor den Landesgrenzen an Mosel, Sauer und Our Halt. Oder käme diesseits der Wasserläufe bestenfalls im kleinen, feinen Stil vor, jenem, über den man geflissentlich hinwegzusehen bereit ist, solange der eigene Rubel rollt. Oder eben der Euro, solange es ihn noch geben möge.

Doch irgendwann dürfte sich selbst der verwöhnteste Feierabendrasenmäher des Sands im Getriebe des Uhrwerks Luxemburg bewusst werden. Und statt wortlos zur Kenntnis zu nehmen, dass eine Dexia-Bank fast auf den Tag genau nach drei Jahren erneut gerettet werden muss, zumindest was es aus heimischer Sicht noch zu retten gibt, während ArcelorMittal nach pompöser Jubiläumsfeier schrittweise das Weite sucht und Asylanten in Zelten zwischengelagert werden, dann doch Stéphane Hessels Aufruf folgen: „Indignez-vous!“ Unsere heile Welt ist am Untergehen, da hilft wohl auch keine Fettsäurensteuer mehr…

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