Editorial
Seniorenteller? Nein, danke!
14.02.2012, 20:30 –
Alter ist irrelevant, es sei denn, du bist eine Flasche Wein.“ Für die 78-jährige Schauspielerin Joan Collins, die mit der Kultserie „Denver Clan“ Fernsehgeschichte schrieb, ist die Sache klar.
Doch so gelassen gehen heutzutage nur wenige Menschen mit dem Thema um. Viele verbinden mit dem Altern in erster Linie die Angst vor Pflegebedürftigkeit, Abhängigkeit und Demenz. Lebensfreude, Humor, Attraktivität oder gar Abenteuerlust stehen kaum im Mittelpunkt. Das Alter als Defizitmodell?
Tatsächlich sind die über 50-Jährigen vitaler, aktiver und engagierter denn je. So ist es derzeit nichts Ungewöhnliches mehr, mit 60 den beruflichen Neustart zu wagen, mit 70 eine ehrenamtliche Initiative zu gründen oder mit 80 noch im Hörsaal der Universität zu sitzen. Auch das Internet und Mobiltelefone erfreuen sich bei älteren Menschen immer größerer Beliebtheit. Hinzu kommt, dass ihr Leben dank des Wohlstands und des medizinischen Fortschritts deutlich länger ist. 65-jährige Männer haben derzeit noch durchschnittlich 17 Lebensjahre vor sich, Frauen statistisch sogar mehr als 20 Jahre. Und dadurch hat sich auch die Lebensplanung gegenüber früheren Generationen deutlich verändert: Die Familienplanung findet oft erst im fortgeschrittenen Alter statt. Viele der „älteren“ Eltern fühlen sich durch ihre Kinder länger jung. Laut einer deutschen Studie empfinden sich 66-Jährige zurzeit im Schnitt zehn Jahre jünger, als sie tatsächlich sind. „Alt“ ist man ihrer Meinung nach erst ab 75 Jahren. Und anstatt den verdienten Ruhestand zu genießen, starten sie als Großeltern oft noch mal richtig durch. Denn jetzt können sie sich endlich ihre lang gehegten Wünsche erfüllen, für die sie vorher keine Zeit und/oder nicht die ausreichenden finanziellen Mittel hatten.
Auch die Werbung hat seit einiger Zeit diese so genannten „Best Agers“ oder „Silver Surfer“ für sich entdeckt. Kein Wunder – schließlich sind sie für die Wirtschaft besonders attraktiv. Viele von ihnen gelten als markenbewusst und äußerst konsumfreudig. Wo genau das „Altsein“ aber beginnt, ist schwammig. Die Werbebranche hat deshalb die Generation 50plus erfunden, auch um den teils negativ behafteten Ausdruck Senioren zu vermeiden.
Die über 50-Jährigen sind vitaler, aktiver und engagierter denn je.
Problematisch ist jedoch, dass in vielen Köpfen ein regelrechtes Schablonendenken vorherrscht, das versucht, die Bedürfnisse und Interessen älterer Menschen in nur wenige Klischeeschubladen zu sortieren. Beispielsweise glauben viele Handy-Anbieter immer noch, dass ein Seniorenhandy mit drei Tasten das ideale Gerät für ältere Menschen sei. Ohne zu bemerken, dass dieses Angebot den Kunden schlichtweg beleidigt und komplett lächerlich wirken lässt. Auch einige Autohersteller sind unfreundlich zu Menschen jenseits der 60. Wie ein 70.000-Euro-Luxusschlitten, der ältere Fahrer beim Ein- und Aussteigen total gebrechlich aussehen lässt. Der Ingenieur denkt beim Entwerfen nur an die Technik oder das schicke Design, aber leider (noch) nicht daran, ob man es auch im Alter noch gut nutzen kann.
Als Vorteil des Alters wird übrigens vor allem die Lebenserfahrung älterer Menschen genannt. Es gibt sogar einen Ausdruck dafür: biographische Intelligenz. Und davon können wir uns alle noch eine Scheibe abschneiden. In diesem Sinne viel Spaß mit unserem Senioren-Spezial.



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