Editorial

Sich Gehör verschaffen

Quizfrage: Was haben der „arabische Frühling“, die Auflehnung der Massen gegen die Autokraten und Diktatoren auf der anderen Seite des Mittelmeeres, und die Protestaktion von letzter Woche gegen die geplanten Reformen der Unterrichtsministerin Mady Delvaux-Stehres (LSAP) gemeinsam? Richtig! Sie wurden via Facebook entfacht.

Mit Schlagwörtern wie „Géint den neie Schoulrégime“ oder „De neie Schoulrégime ass keng Léisung mee e Problem“ ließen 300 empörte Schüler am Donnerstag vorm Ministerium ihrem Unmut freien Lauf. Auch im Postprimär soll in Zukunft ähnlich wie im Primärschulwesen ein kompetenzorientierter Unterricht eingeführt werden. Doch nicht nur das: Die Arbeitsweise soll grundlegend geändert werden. Die Benotung soll ebenfalls anders werden. Wie die Reform aber letztlich aussehen wird, steht noch auf dem Reißbrett. Sie existiert bislang nur als Gesetzesvorentwurf. Und über den, so die zuständige Ministerin, werde sie noch gemeinsam mit den Schülern reden. Das hört sich ganz nach „Delvaux-Stehres on tour“ an. Noch sei ohnehin nichts entschieden.

Reden. Informieren. Kommunizieren. Es herrscht reichlich Unklarheit. Und genau das ist es, was den Schülern am meisten stinkt. Denn geredet, informiert und kommuniziert wurde in ihren Augen viel zu wenig. Nun haben sie sich zumindest mal Gehör verschafft. Sie wollen nicht, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Schließlich geht es um sie. Die Betroffenen wollen ebenfalls nicht, dass sie vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Das wiederum wollen auch die „Proffen“ nicht. Sie halten sich aber noch bedeckt. Bislang jedenfalls. Aber auch da knirscht es bereits im Gebälk, denn sie fühlen sich ebenfalls irgendwie übergangen. Zumindest die Französischlehrer haben sich bereits mit den Schülern solidarisch erklärt.

Es herrscht reichlich Unklarheit. Und genau das ist es, was den Schülern stinkt.

Nach Kanada zum Studium klingt doch eigentlich ganz verlockend. Oder gar nach Australien? Die klassischen Alternativen England, Deutschland, Belgien und Frankreich haben scheinbar einen Bart gekriegt. Vielleicht auch ganz einfach zu Hause bei Muttern bleiben, sich an der uni.lu einschreiben und die Abnablung vom Elternhaus erst mal noch auf die lange Bank schieben? Auf der „Foire de l’Etudiant“, die dieser Tage stattfindet, gibt es jedenfalls Informationen in Hülle und Fülle. Das ist auch gut so, denn auch da geht es um die Zukunft unserer Jugend. Zunächst um die weitere schulische, und damit verbunden um die spätere, die berufliche. Mit der Krise, deren nicht absehbaren Folgen und der damit einhergehenden steigenden Arbeitslosigkeit wird das mit der Job-Suche nämlich immer heikler. Von den aktuell 16.352 Erwerbslosen (Stand: September 2011), die bei der ADEM eingeschrieben sind, sind 15 (!) Prozent unter 26 Jahren. Das spricht Bände.

Wie auch immer die Delvauxsche Reform später aussehen wird. Sie muss jedenfalls so sein, dass sie nicht an dem vorbeigeht, was dann auf dem Arbeitsmarkt gefordert wird. Und der befindet sich in einem permanenten Wandel. Es kann also gut sein, dass gerade das, was jetzt reformiert werden soll in ein paar Jahren wieder das Maß aller Dinge ist. Aber das wiederum ist nun mal die Crux vieler Reformen.

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