Editorial
Verfallsdatum eingeplant
31.01.2012, 11:16 –
Ganz ehrlich, haben Sie sich nicht auch schon mal geärgert, als Ihre halbwegs neue Kamera den Geist aufgab? Und Sie feststellen mussten, dass die Reparatur fast so teuer war wie eine neue zu kaufen? Oder als Sie sahen, dass Ihr Schrank nach dem zweiten Umzug nur noch windschief an der Wand stand? Oder der Drucker im Büro den Geist aufgab, kurz nach dem Ende der Garantiezeit?
Wer vergangene Woche die Dokumentation “Prêt à jeter“ auf Arte gesehen hat, weiß, dass das kein Zufall ist, sondern dass in vielen Fällen das Kalkül von Herstellern dahintersteckt, die gar kein Interesse daran haben, dass ihr Produkt länger hält. „Jeder Artikel, der sich nicht abnutzt, ist eine Tragödie fürs Geschäft“, steht schon in einer Werbezeitschrift aus dem Jahr 1928.
Damit eine solche Tragödie erst gar nicht eintritt, hat sich die Industrie allerhand einfallen lassen, um die Lebensdauer ihrer Produkte gewollt zu verkürzen. Die Glühbirne ist so ein Beispiel: Weihnachten 1924 beschlossen die Vertreter großer Leuchtmittel-Hersteller in einem Genfer Hinterzimmer, ein weltweites Kartell zu gründen. Dieses so genannte Phoebus-Kartell einigte sich darauf, die maximale Brenndauer einer Glühlampe unter Laborbedingungen auf 1.000 Stunden zu begrenzen. Damit wurde die Glühbirne das erste Opfer der „geplanten Obsoleszenz“, wie das künstliche Veralten eines Produktes auch genannt wird. Sei es auf funktioneller Ebene, wenn es durch neue Anforderungen unbrauchbar geworden ist, sei es auf ästhetischer Ebene, weil es dem aktuellen Design nicht mehr entspricht. Ob die allerneueste Version eines Produkts aber wirklich mehr Nutzen bringt oder nicht mehr ist als ein überflüssiges Facelifting, danach wird oft gar nicht mehr gefragt. Reparieren statt Wegwerfen ist aus der Mode gekommen.
Reparieren statt Wegwerfen ist gänzlich aus der Mode gekommen.
Mit immer kürzeren Lebenszyklen von Produkten à la iPhone & Co. ist die geplante Obsoleszenz zu unserem Alltag geworden. Sogar bei Lebensmitteln führt sie in Form des Mindesthaltbarkeitsdatums dazu, dass Berge von eigentlich noch genießbaren Nudeln oder Konserven im Container landen, Letztere zu einem Drittel ungeöffnet. 20 Mio. Tonnen jährlich sind es im Nachbarland Deutschland. Das Mindesthaltbarkeitsdatum wird zur Lizenz zum Wegwerfen, obwohl viele Produkte noch Tage später einwandfrei und unbedenklich zu genießen wären. Die Kehrseite dieses Phänomens sind zum einen die Hungersnöte in der Dritten Welt, die sich selbst nicht mehr die Bananen leisten kann, die wir wegwerfen. Oder andererseits als Entsorgungsstätte für unseren Elektroschrott dient. Zum Beispiel in Ghana, wo Menschen unter lebensgefährlichen Umständen in riesigen Elektroschrottdeponien nach verwertbarem Material suchen.
Auf der anderen Seite dient der Druck, immer bessere, schnellere und nützlichere Produkte zu erzeugen, natürlich auch der Entwicklung von Innovationen. Ohne sie wären unsere Autos heute noch Sprit schluckende Ungeheuer, gäbe es keinen Hybridantrieb, kein Handy. Zu erkennen, welche Innovationen uns wirklich nützen und welche wir nicht wirklich brauchen, wird die Herausforderung der Zukunft sein.



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