Editorial

Was für ein Jahr!

Ein Jahr geht zu Ende. Was bleibt, sind Erinnerungen. Es hat 2011 sehr schöne Momente gegeben. Die Hochzeit von Prinz William mit Kate Middleton, zum Beispiel. Oder die Trauung unter freiem Himmel von Fürst Albert von Monaco und Charlene Wittstock sowie die Nobelpreisüberreichung an den gebürtigen Luxemburger Jules Hoffmann.

2011 ist aber auch ein Jahr unheilvoller Unglücksfälle gewesen. In Japan lösen ein Erdbeben, das drei Minuten dauert, und ein Tsunami, der das Atomkraftwerk in Fukushima überflutet, eine nukleare Katastrophe aus, die nicht nur für das Land der aufgehenden Sonne Folgen hat, sondern für die ganze Welt.

Ein anderes Drama findet im Juli in Norwegen statt. Nachdem der Rechtsradikale Anders Behring Breivik in der Osloer Innenstadt eine Autobombe hochgehen lässt, fährt der Mann auf die Ferieninsel Utøya und richtet dort in einem Jugendcamp ein Massaker an. Die Bilder der Attentate, die insgesamt 77 Menschen das Leben kosten, habe ich bis heute nicht vergessen können. 2011 wird allerdings auch von Hoffnung getragen. Es ist das Jahr des arabischen Frühlings. In Tunesien finden die ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes statt. Ägypten befreit sich von seinem Diktator Mubarak. In Libyen stirbt Gaddafi nach monatelangen Kämpfen.

2011 ist nicht nur von der Schuldenkrise, sondern auch von Hoffnung geprägt.

Worüber ich 2011 geschmunzelt habe, ist das Stolpern des deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg über seine Doktorarbeit. Gefreut habe ich mich mit den Italienern, die endlich aufatmen können, als Silvio Berlusconi seinen Hut nimmt. Schockiert haben mich die Bilder der amerikanischen Regierung, die der Tötung von Osama bin Laden am Fernseher in Washington live beiwohnt. Gejubelt habe ich mit dem Fußballverein Déifferdeng 03, der es in der Europa League bis in die vierte Runde schafft. Dass der erst 24-jährige Sebastian Vettel seinen Doppelweltmeistertitel in der Formel 1 feiern darf, hat mich als bekennender Hamilton-Fan hingegen weniger begeistert.

Als positivstes Ereignis des Jahres würde ich persönlich die in der New Yorker Wallstreet geborene Occupy-Bewegung hervorstreichen. Weil es keine Extremisten, keine gewaltbereiten Schläger sind, die gegen die soziale Ungleichheit und den zu starken Einfluss reicher Staatsbürger auf Politik und Wirtschaft protestieren, sondern ganz normale Leute. Studenten, die keine Studiengebühren mehr bezahlen können. Menschen, die aus ihren Wohnungen geworfen wurden. Handwerker, die ihren Job verloren haben. Sie hätten alle Besseres zu tun, als umfassend neu über die Welt nachzudenken, aber stattdessen machen sie mit ihren witzig-intelligenten Aktionen auf existenzielle Fragen und Probleme aufmerksam, die (fast) alle betreffen.

Dass die Protestbewegung keinen Anführer braucht, ist genauso bewundernswert wie die Tatsache, dass über Alternativen zum Kapitalismus nachgedacht wird. Dass es die Vorstellung eines anderen Lebens überhaupt gibt. Camps kann man räumen lassen, Ideen hingegen nicht. Was 2012 in Sachen Schuldenkrise passieren wird, steht noch in den Sternen. Einfache Lösungen gibt es nicht, doch zumindest gibt es gute Ansätze für ein Umdenken. Und das macht Mut für die Zukunft.

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