Bistrot

Die etwas andere Zeitreise

Eine Gaststätte, die mit allen Möbeln und Dekorationen umzieht, das passiert nicht alle Tage. Wenn der Kneipenumzug in ein Altenheim erfolgt, kann von einer außergewöhnlichen Begebenheit gesprochen werden, doch genau dies wurde in der Gemeinde Redange gemacht.

 Die kleine Kneipe in unserer Straße, da wo das Leben noch lebenswert ist“, trällerte vor Jahren der erfolgreiche Peter Alexander und beschrieb in seinem Lied eine kleine Dorfkneipe mit „Postkarten dort an der Wand und in der Ecke das Foto vom Fußballverein“. Das Lied des österreichischen Schnulzensängers könnte eigentlich auch einen Raum im 2. Stockwerk des Altenheims in Redange beschreiben. Ein Raum in einem Altenheim? Richtig!

„Im Januar 2011 kontaktierte mich die Gemeindeverwaltung und bat mich darum, zwei ältere Damen aufzunehmen, die zu dem Zeitpunkt in einer alten und baufälligen Gaststätte wohnten, die sie auch noch betrieben“, erklärt Christian Ensch. Wie bei jeder Aufnahme begab sich der Direktor des Altenheims vor Ort, um sich einen persönlichen Überblick der Lage und der Lebensumstände zu machen. Sein erster Eindruck: „Ich glaubte auf einer Reise in die Vergangenheit zu sein.“ Die Zeit schien in der Gaststätte von Anna und Milly, so die Namen der beiden Damen, irgendwie stehen geblieben zu sein und seit Jahren schien es hier keine größeren Veränderungen gegeben zu haben. Das Wirtshaus in Holtz, das sich seit rund 140 Jahren im Besitz der Familie befindet, war ein Umfeld, in dem sich die beiden Damen sichtlich wohl fühlten, doch der gesundheitliche Zustand von Anna und Milly sowie die Probleme mit der Bausubstanz der Gaststätte zwangen den Direktor zum Handeln. Als Verfechter des psychobiografischen Pflegekonzepts von Professor Erwin Böhm, ein Konzept, welches einen differenzierten Umgang mit alten Menschen durch die Auseinandersetzung mit ihrer Biographie beinhaltet, fasste Christian Ensch kurzerhand den Entschluss, die beiden Wirtinnen mit ihrem geliebten Umfeld bei sich im Heim aufzunehmen. Er unterbreitete seine Idee Liliane, der Tochter von Anna und Nichte von Milly, welche sich für die Idee begeistern konnte. Nachdem im Altenheim in Redange mit einem selten genutzten Gruppenraum ein geeigneter Raum für die Kneipe gefunden wurde, und nachdem Anna und Milly ins Heim gezogen waren, begann der Umzug der Gaststätte.

„ Es ging mir lediglich um das Wohl der beiden Damen.“ Christian Ensch

„Der Tresen stellte die größte Herausforderung dar“, klärt der Direktor mit einem leichten Schmunzeln auf. In der Tat musste ein Bauunternehmer mit einem Teleskoplader her, um die Theke ins zweite Stockwerk zu manövrieren. Die Schränke, Pokale, Postkarten und Bierwerbungen wurden ebenfalls ins Altenheim verfrachtet und im Mai 2011 konnte die Gaststätte an ihrer neuen Stelle eröffnet werden. „Mein Ziel war es nie, der hauseigenen Cafeteria oder den Kneipen im Dorf Konkurrenz zu machen, es ging mir lediglich um das Wohl der beiden Damen“, unterstreicht der Direktor.

„Ich war bei der Eröffnung extrem froh, diese Idee mit unterstützt zu haben“, gesteht Liliane, die sich stark mit der Kneipe in Holtz verbunden fühlte, nicht zuletzt weil sie dort über Jahre abends den Service übernahm. Sie ließ sich auch von Christian Ensch dazu motivieren, den Ausschank nach dem Umzug zu übernehmen. „Ich habe die Entscheidung noch keine Minute bereut. Ich besuche meine Mutter, verbringe Zeit mit ihr und zugleich bin ich auf angenehme Art und Weise beschäftigt. Die Kneipe ermöglicht es mir, die Bewohner des Altenheims besser kennen zu lernen und gleichzeitig, dadurch, dass die Gaststätte für jeden offen ist, auch den Kontakt mit der alten Stammkundschaft des Bistrots zu pflegen. Ich habe hier schon schöne Stunden erlebt“, führt sie aus, und ihr Lächeln und das Funkeln in ihren Augen verraten eindeutig, wie ernst ihr diese Aussage gemeint ist. Wer geglaubt hat, Zeitreisen seien immer nur in Hollywood-Streifen wie „Back to the future“ möglich, der sollte ruhig einmal zu den Öffnungszeiten (dienstags und donnerstags zwischen 19.00 und 20.00 Uhr) vorbeischauen, denn ein richtiger „Bopebistrot“ besitzt immer einen ganz eigenen urigen Charme. Irgendwie ist es wie bei Peter Alexander, es ist ein Ort „wo das Leben noch lebenswert ist“.

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Die etwas andere Zeitreise

Ute Metzger

Netter Treffpunkt: Die Bewohner des Altenheims fühlen sich sichtlich in der Gaststätte wohl.

Ute Metzger

Pur: Die Gaststätte strahlt die urige Gemütlichkeit der Originalkneipe aus.

Ute Metzger

Ein Plausch in Ehren: Jeweils dienstags und donnerstags ist die Kneipe im Altenheim geöffnet.

Ute Metzger

Gemischt: Zu den Kunden gehören auch Leute, die nicht im Altenheim wohnen.

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