Porträt
Freche hundert
15.02.2012, 10:15 –
Die Firma Simon ist in Luxemburg und über seine Grenzen hinaus bekannt. Noch bekannter als das Unternehmen ist aber der Senior-Chef des Familienbetriebes, Hubert Simon, der letzten Monat stolze hundert Jahre wurde.
Geboren bin ich am selben Tag wie unser ehemaliger Großherzog Jean“, lacht Hubert Simon, „Nur ist er um 9 Jahre jünger als ich.“ Hundert Kerzen hat der Leiter vom Simon-Imperium am 5. Januar dieses Jahres ausgeblasen und ist fitter denn je. Der gebürtige Diekircher arbeitet noch täglich in seinem eigenen Betrieb, der schon seit mehreren Generatio-nen den Namen Simon trägt. Mal kommt er mit dem Auto zur Arbeit, mal zu Fuß. „Den Führerschein muss ich jedes Jahr auf ein Neues verlängern lassen“, erzählt er. Hubert Simon ist nicht nur in Diekirch bekannt wie ein bunter Hund. Oft wird er auf der Straße erkannt, was er sehr genießt.
Wer ihn kennt oder kennen lernt, wundert sich, wie energisch er noch in diesem hohen Alter ist. Aber schon sein Hausarzt hat ihm vor Jahren gesagt, er solle so wenig wie möglich Alkohol trinken und das Rauchen lassen. Und das tut er auch. „Nur hie und da ein kleines Gläschen Rotwein zum Verdauen“, gesteht er. „Kaffee trinke ich keinen. Morgens gibt es Milch zum Frühstück.“ Dann geht’s zur Arbeit. Zweimal am Tag geht er zur Bank und zur Post, um die Rechnungen zu unterschreiben und sich um den Papierkram zu kümmern. „Ech weess net wéi-vill Ënnerschrëften ech schonns gemaach hunn an all de Joeren“, grinst er. Den Rest des Tages pendelt er zwischen der Reiseagentur in Diekirch und der Garage in Ingeldorf. Wo er auch auftaucht wird er von seinen Angestellten gegrüßt. „Moie Meeschter“, schallt es durch die Garage, als er stolz seine Busse zeigt. „Heute haben wir mehr als hundert Busse, zu Zeiten meines Vaters waren es um die 30“, plaudert er aus dem Nähkästchen.
„ Den richtigen Führerschein besaß ich damals noch nicht. Aber mein Vater sagte ‚Fuer nëmmen. Et ass schonn an der Rei‘.“
Sein Großvater Bernard, der von Beruf Schmied war, hat das Unternehmen gegründet. Sein Vater Nicolas ging im Alter von 18 Jahren auf Wanderschaft nach Lüttich, Paris und Trier und erlernte das Schlosser- und Schmiedehandwerk. Nach seiner Rückkehr hat er 1904 ein Darlehen von 4.000 Franken aufgenommen und davon Postkutschen gekauft, die sowohl für den Waren- als auch den Personentransport eingesetzt wurden. 1910 kam dann der erste Bus dazu. Von 1914 bis 1920 mussten wieder die Postkutschen eingesetzt werden, weil wegen des Krieges kein Brennstoff mehr verfügbar war. Nach dem Krieg hat die Familie Simon den Amerikanern Wagen abgekauft, um den Transport wieder aufleben zu lassen.
Langsam erholten sich dann der Streckenverkehr und der Tourismus. 1933 fuhr der junge Hubert Simon, der eine Ausbildung zum technischen Ingenieur absolviert hat, dann nach Budapest mit einem Reisebus. „Den richtigen Führerschein besaß ich damals noch nicht. Aber mein Vater sagte, ‚Fuer nëmmen. Et ass schonn an der Rei‘.“ Und so hat der heute Hundertjährige Millionen von Kilometern hinter sich. „Damals sind wir mit nur 55-PS-Bussen rund um die Welt gefahren“, lacht er. Lang lang ist’s her. Seine Spezialität waren die Holländer. In den 30er Jahren fuhr er oft nach Maastricht, um eine holländische Reisegruppe abzuholen und nach Echternach zu bringen, wo sie eine Woche blieben. Das Ganze wurde von der Niederländischen Reisevereinigung organisiert. „Es handelte sich meistens um junge Frauen“, erzählt er mit blitzenden Augen. Schelmisch lacht er, wenn es um das Thema Frauen geht. „Alles kann ech net méi, mä kucke geet nach“, hat er vor kurzem in einer Radio-Sendung verraten. Er ist immer zu Scherzen aufgelegt und um keine Antwort verlegen. Als die Fotografin ihm dann während des Interviews Anweisungen gibt, wie er für das Foto posieren soll, lacht er: „Wenn ich mit Ihnen verheiratet gewesen wäre, wäre ich keine hundert Jahre alt geworden.“ Das sagt alles. Dann zieht er aus seiner Jackentasche ein Foto seiner 1998 verstorbenen Frau hervor und sieht es liebevoll an. Mit Justine Molitor war er ganze 60 Jahre verheiratet. Schöne Erinnerungen hat er an seine Ehe und stolz ist er auf seine fünf Kinder, seine 12 Enkel und zahlreichen Urenkel.
Eine wichtige Person in Hubert Simons Leben war auch sein Vater Nicolas, denn seine Mutter verstarb früh. Als 1965 dann auch sein Vater starb, erbte Hubert den Familienbetrieb. Vieles hat sich in den Jahren danach verändert. Der nationale Tourismus nach dem Krieg kam nicht mehr so richtig auf. 1969 wurde Voyages Simon gegründet und Ende der 80er Jahre übernahm die Gesellschaft den Busbetrieb von Nicolas Koob aus Bettborn. Zum Imperium gehören nun zahlreiche Busse, eine Reiseagentur und mehrere Peugeot-Garagen.
An den Ruhestand denkt Hubert Simon nicht. Er liebt seine Arbeit und es gibt immer genug zu tun im Familienunternehmen. Ohne Handy und Computer kommt er gut aus, denn laut Hubert Simon bereiten die einem nur unnütze Kosten. „Déi Aarbecht läit mir zënter 100 Joer“, scherzt er gut gelaunt und versichert sich, ob noch genug leere Seiten im Notizblock der Journalistin vorhanden sind, denn er hat noch viel zu erzählen.



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