Familie

„Kinder brauchen Menschen mit Zeit“

Warum die Rolle der Großeltern in der Familie heute eine andere ist, weiß Gilbert Pregno, Diplom-Psychologe und Leiter der Elternschule Janusz Korczak.

REVUE: Was macht die Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern so besonders?
Gilbert Pregno: Die Geburt eines Kindes führt zu einer Annäherung zwischen Eltern und Großeltern, ihre Beziehung wird intensiver. So werden Muster, Werte und Traditionen von einer Generation zur anderen überliefert: Ein Teil wird übernommen und ein anderer wird verändert. Wie Großelternschaft gelebt wird, ist unterschiedlich: Oft ist es eine emotionale, unterstützende, wohlwollende, von den Eltern gewünschte Beziehung, die Großeltern den Enkeln gegenüber entwickeln. Großeltern müssen den Spagat zwischen Arbeit und Familie nicht mehr machen. Sie gönnen sich Ruhe, Gelassenheit und mögen ein Stück Lebensweisheit entwickelt haben. Vor allem: Sie haben Zeit. Zeit ist heute Mangelware. Kinder brauchen aber Menschen, die Zeit für sie haben.

Haben Großeltern heute eine aktivere Rolle?
Oma und Opa stehen heute hoch im Kurs. Sie werden von Kindern oft als die wichtigsten Menschen nach den Eltern genannt. Man weiß auch, dass oft die Großeltern, wenn auch nicht mehr im selben Haushalt, dann in der Nähe der Wohnung der Enkel sind. Aus dem früheren Mehrgenerationenhaushalt, der Großfamilie, sind heute kleinere Familienkonstellationen geworden, die auf kurzer Distanz leben. In emotionalen und sozialen Krisenzeiten können Großeltern zum sicheren Hafen werden, wie bei der Scheidung oder beim Tod der Eltern.

Wie wirken sich Konflikte zwischen Eltern und Großeltern auf die Enkelerziehung aus?
Es gibt einige typische Konfliktsituationen, die ein dramatisches Ausmaß annehmen können, zum Beispiel, wenn übermächtige Großeltern die Eltern als inkompetente Erzieher ansehen. Die Kritik wird offen ausgesprochen und Kinder werden in dem Konkurrenzkampf missbraucht. Eltern müssten sich von ihren eigenen Eltern abgrenzen, was ihnen nicht gelingt. Oft wollen Großeltern es mit den Enkeln besser machen als mit den eigenen Kindern. Das klappt meist nicht, nur sind die Eltern so verunsichert, dass sie es nicht hinkriegen, ihrer Elternrolle gerecht zu werden.

Was hat sich im Verhältnis von Enkeln und Großeltern verbessert?
Kinder bekommen ein Mehr an Unbekümmertheitserfahrung und Schonraum, was ein wesentlicher Bestandteil des Erfahrungsschatzes ist, den sie in den jungen Jahren erfahren sollen. Durch die erhöhte Lebenserwartung erstreckt sich die Großeltern-Enkel-Beziehung über einen längeren Zeitraum. Ein Phänomen, das seit den letzten Generationen zu beobachten ist. Das führt auch dazu, dass Kinder heute oft Urgroßeltern kennen.

Was unterscheidet die Beziehung Großeltern-Kind von der Eltern-Kind-Beziehung?
Eltern müssen sich um den Alltag kümmern. Sie allein sind für die Kindererziehung verantwortlich. Kinder brauchen und schätzen Eltern als Autoritätspersonen, die ihnen Sicherheit geben und sie im Leben leiten: So lernen Kinder Grenzen. Großeltern sind mehr auf Distanz, üben sich in Zurückhaltung. Sie können eine andere Form der Autorität entwickeln: die des Gönnens, des Tröstens, des Gebens. Diese Ergänzung wird von allen als eine Bereicherung erlebt, und Kinder genießen diese Unterschiedlichkeit.

Was wünschen sich Enkel von Großeltern und umgekehrt?
Liebevolle Zuwendung, Achtsamkeit, Langsamkeit: Großeltern werden zu Vertrauten, sogar zu Geheimnisträgern, sie bilden eine Art Pufferzone, die hilft, Erlebnisse und Beziehungsverstörungen zu regulieren. Großeltern wiederum wachsen an der Sinnhaftigkeit ihrer Rolle.

Was können beide voneinander lernen?
Wie Jung und Alt miteinander leben: Es gehört zur Schule des Lebens. Oft höre ich, dass aus strengen, abwesenden Vätern später gefühlvolle, witzige Großväter geworden sind. Ängstliche Mütter entwickeln sich zu weisen, lebenserfahrenen Großmüttern.

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