Altersheim
Wenn es alleine nicht mehr geht
15.02.2012, 09:32
Mit durchschnittlich 84 Jahren geht man hierzulande in ein Altersheim. Meistens erst, wenn ein selbstständiges Leben zu Hause nicht mehr möglich ist. Wie es ist, alt und hilfsbedürftig zu werden, weiß niemand besser als die Menschen, die in den Heimen arbeiten. Revue hat sie einen Tag lang begleitet.
Stefan Haupenthal steht an seinem Medikamentenwagen und stellt das Frühstücksmenü zusammen: Erst die Pille fürs Herz, dann die gegen Bluthochdruck, das Mittelchen gegen Demenz oder Depressionen sowie das Abführmittel zum Dessert, fertig ist die Morgenration einer Bewohnerin. „Es gibt fast niemanden, der nur wenige Tabletten bekommt“, sagt der hagere Saarländer, während er mit einem Spezialgerät noch schnell eine Pille zerstampft, damit sie besser runtergeschluckt werden kann. In seiner Pflege-Dokumentation klebt das Foto der Empfängerin, um eine Verwechslungsgefahr auszuschließen. „Das ist wichtig, wenn neue Mitarbeiter den Dienst übernehmen“, weiß er. Der 47-Jährige hat seinen Dienst in der Cipa in Düdelingen um 6.30 Uhr angetreten. Eine Viertelstunde dauert die Übergabe mit der Nachtschicht, dann werden die Medikamente fertig gemacht. Zwanzig Leute stehen morgens auf seiner Liste. Um 8.30 Uhr startet er seinen Rundgang.
Erst klingelt er, dann öffnet er mit seinem elektronischen Schlüssel die Tür zum Zimmer. „Gudde Moien, wéi geet et“, sagt er munter und lauter als sonst. Die Rollläden sind noch herunter, die ältere Dame sitzt etwas schlaftrunken auf dem Bett. Er beugt sich zu ihr, drückt ihr die Hand. Das Kästchen mit den Tabletten stellt er auf den Nachttisch, den Becher mit dem Wasser daneben. Noch ein Lächeln, dann entschwindet er wieder. „Die alte Dame wartet darauf, dass jemand ihr beim Waschen hilft“, erklärt er. An der nächsten Tür steht schon der ältere Herr, fix und fertig angezogen und auf dem Weg zum Frühstück, das zwischen 8 und 9.30 Uhr bereit steht. Fast begierig nimmt er die Pillenschachtel entgegen. „Wann die Leute aufstehen, ist ganz unterschiedlich“, so Haupenthal. „Kommt darauf an, wie sie es von zu Hause aus gewohnt waren.“ Auf dem Gang kommt uns Clémence Bemtgen entgegen, die energisch ihren Rollator vor sich herschiebt. „Weem et hei net gefält, deem gefält et néirens“, ist ihr Kommentar, wenn man sie fragt, ob sie sich hier wohl fühlt. Seit einem Jahr ist die 84-Jährige hier, nachdem sie zu Hause gestürzt ist.
Trotz der Annehmlichkeiten, die das Haus bietet, soll jeder Bewohner möglichst lange seine Selbstständigkeit behalten.
„Wir wollen hier niemandem einen fremden Rhythmus aufzwingen“, betont der Direktionsbeauftragte Raoul Vinandy. Deshalb gibt es flexible Essenszeiten, mittags zwischen 12 und 13.30 Uhr, abends zwischen 18 und 19.30 Uhr. Trotz dieses Angebots bildet sich bereits kurz vor 12 Uhr eine lange Schlange an Rollstühlen und Rollatoren, deren Besitzer auf Einlass warten. Im Speisesaal, in dem jeder seinen festen Platz hat, gibt es zwei Gruppen: Auf der einen Seite sitzen diejenigen, die beim Essen Hilfe brauchen, unter ihnen die älteste Bewohnerin des Hauses, die 102 Jahre alte Suzanne Flammang. Die Gruppe sitzt gemeinsam mit dem Pflegepersonal. Auf der anderen Seite sitzen an den Tischen die Bewohner, die rüstiger sind. In der Mitte steht das Salatbuffet. „Das soll die Leute motivieren, vom Tisch aufzustehen und sich etwas zu holen“, erläutert Jean-Marie Spies, Chef der hauswirtschaftlichen Abteilung. Mobil bleiben, heißt die Devise, darauf hinwirken, dass die Bewohner noch so viel wie möglich selbst machen, auch bei der Morgentoilette. „Die einen machen das gerne, andere lassen sich jedoch lieber helfen“, sagt Haupenthal und winkt freundlich einem älteren Mann zu, der statt des Lifts die Treppe ansteuert. Dieser scheint begriffen zu haben, dass trotz der Annehmlichkeiten, die das Haus bietet, jeder Bewohner möglichst lange seine Selbstständigkeit behalten sollte. Er gehört zu den 30 Prozent männlichen Bewohnern, die in dem Haus leben. Doppelzimmer für Paare gibt es nur wenige. Zudem gibt es noch einen abgetrennten Pflegebereich, in dem etwa 30 demente Personen in der „Groupe socio-gérontologique“ tagsüber betreut werden. Ein Stockwerk tiefer bereitet das Küchenpersonal bereits das Mittagessen für den nächsten Tag vor. Am Herd brutzelt der Speck für die „Mielkniddelen“, Bestandteil des tradtionellen Menüs am nächsten Tag. Wenn die Zutaten fertig sind, werden die Teller fertig gemacht und schockgefrostet. Das schont die Inhaltsstoffe. „Es stehen immer zwei Menüs zur Auswahl, davon ein traditionell luxemburgisches“, erläutert Jean-Marie Spies. Hinzu kommt noch das Angebot auf einer kleinen Extrakarte. Alle vierzehn Tage trifft sich die Küchenkommission des Heims, die aus Bewohnern besteht, die hier ihre Wünsche vortragen können. „Wenn möglich bemühen wir uns, ihren Anregungen nachzukommen“, bekräftigt Jean-Marie Spies. So stehen schon mal „Schwéngsféiss“ auf der Karte, aber auch Spaghetti als Tribut an die italienstämmigen Bewohner des Heims.
„Unter der nächsten Generation an Heimbewohnern werden wohl auch einige Portugiesen sein, die hierzulande gelebt und gearbeitet haben“, vermutet Raoul Vinandy. „Wenn die Eltern in Portugal gestorben sind, und die Kinder hier leben, werden wohl auch viele hier bleiben“, sagt er. Schwierig werde es, wenn die Leute bisher in einer geschlossenen Gemeinschaft gelebt haben. Dann sei es schon wegen der Sprache schwer, im Heim Anschluss zu finden. Aber noch stellt sich das Problem nicht, nur zwei der 204 Bewohner stammen aus Portugal. Nach dem Mittagessen setzen sich noch ein paar Grüppchen in der Cafeteria im sonnendurchfluteten Foyer zusammen, während sich die Mehrheit zur Siesta zurückzieht. Ein paar kaufen noch Kekse bei Marie-Jeanne Sabbatini, Chefin der „Buttik“ des Hauses. Dort gibt es vom Kamm bis zum Waschmittel alles zu kaufen, was man für den täglichen Bedarf so braucht. Die 62-Jährige kassiert und eilt danach zur Theke in der Cafeteria, um den Espresso zu servieren. Sie hat gerne hier gearbeitet, ist aber auch froh, dass sie in einer Woche in Rente gehen kann. Der Gedanke ans Heim liegt ihr selbst noch fern, erst möchte sie ihren Ruhestand zu Hause genießen. Die jüngste Bewohnerin ist so alt wie sie, aber gesundheitlich weitaus schlechter dran als die Hausälteste. „Das ist oft so, dass die Jüngeren das größte gesundheitliche Handicap haben“, sagt Raoul Vinandy.
“Man muss nur rechtzeitig den Absprung schaffen, denn sonst wird es zu spät, um sich hier einzugewöhnen“, ist die Erfahrung von Stefan Haupenthal, dem Krankenpfleger. Der gelernte Binnenschiffer hat vor zwanzig Jahren selbst nochmal den Neustart gewagt und die Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht. Nach Stationen im Krankenhaus und in der ambulanten Pflege ist er nach Luxemburg gekommen. „Hier ist die Anerkennung der Pflegeleistung, auch durch die Angehörigen, höher als in Deutschland“, ist sein Eindruck. Ihn interessiert der medizinische Aspekt, aber auch der menschliche: “Ich habe hier schon einige Bewohner bis zum Ende ihres Wegs begleitet“, erzählt er. Das waren Gänsehauterlebnisse, wenn ein Abschied geglückt ist. „Beide Seiten müssen loslassen, und wenn das gelingt, kann das schon sehr bewegend sein“, erzählt er. Es sei keine Belastung für ihn, auf diese Weise auch an die eigene Vergänglichkeit erinnert zu werden. „Ich begleite die Menschen, kann mich aber abgrenzen“, sagt er. Um 14.30 Uhr ist sein Dienst zu Ende. Dann zieht er seine Pflegerklamotten aus und fährt nach Hause.
Zahlen zur Pflege
Laut einer Studie des CRP Santé ist die Zufriedenheit der Heimbewohner hierzulande groß, 89 Prozent von ihnen fühlen sich gut versorgt. Wobei es immer wieder Problemfälle gibt, über die vereinzelt auch in der Tagespresse berichtet wird. Etwa 7.200 Pflegekräfte arbeiten hierzulande, etwa 40 Prozent kommen aus dem benachbarten Ausland. Rund 5.100 Betten sind verfügbar. Etwa 7.500 ältere Menschen werden zu Hause betreut. Übernommen werden die Kosten der Pflege zum Teil von der Pflegeversicherung. Ein Heimplatz im von Servior betriebenen Cipa Düdelingen kostet beispielsweise zwischen 2.200 und 2.500 Euro. Der Beitrag der Pflegeversicherung wird dabei je nach Pflegebedarf individuell berechnet. Falls die Rente fürs Heim nicht ausreicht, springt der Fonds national de solidarité mit einem Zuschuss ein. Dem Bewohner selbst steht nach Abzug aller Kosten ein Taschengeld von 410 Euro im Monat zu. Der parastaatliche Anbieter Servior betreibt neben Düdelingen auch noch 15 weitere Häuser in Luxemburg, darunter zwölf Altenheime, drei Pflegeheime und eine Seniorenresidenz.



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