Gesundheit

Mehr als nur Placeboeffekt

Warum fühlt man sich in manchen Umgebungen auf Anhieb wohl, während andere eher das Gegenteil bewirken? Dieser Frage geht Esther Sternberg in ihrem Buch „Heilende Räume“ nach und erklärt, wie man die Gesetzmäßigkeiten der äußeren Einflüsse erkennen kann.

Revue: Als Ärztin “heilende Räume” zu erforschen ist eher ungewöhnlich. Wie kam es zu der Studie?
Prof. Dr. Esther Sternberg: Der Forschungsleiter des amerikanischen Instituts für Architektur und jener der US-Regierungsbehörde, die staatliche Gebäude in Amerika baut, fragten mich, ob es eine Möglichkeit gäbe, den Stress zu messen, den ein Gebäude in Menschen auslöst. Sie wollten herausfinden, wie man einen Raum am besten designt, um die Gesundheit, Kreativität und Produktivität zu optimieren. Daraufhin machte ich mir Gedanken, wie Gehirn und Immunsystem auf bebaute Umgebung reagieren.

Inwiefern haben die Gehirnfunktionen Auswirkungen auf das menschliche Immunsystem?
Zwischen Gehirn und Immunsystem bestehen viele Kommunikationslinien. Die hormonale Reaktion des Gehirns auf Stress löst Stresshormone aus, letztlich Cortisol aus den Nebennieren, die im Allgemeinen das Immunsystem schwächen. Adrenalin-ähnliche Neurotransmitter (von den Nebennieren und Adrenalin-ähnlichen Nerven ausgelöste Chemikalien) beeinflussen die Arbeit der Immunzellen ebenfalls. Diese und viele andere nervliche Chemikalien und Hormone, die das Gehirn unter chronischem Stress freigibt, können die Abwehrfähigkeit des Immunsystems gegen Infektionen reduzieren, Antikörper gegen Impfstoffe bilden, die Wundheilung verzögern, die Chromosomenalterung sowie das Wachstum bestimmter Tumore beschleunigen. Chronischer Stress löst diese Krankheiten zwar nicht aus, aber er verschlimmert sie und behindert die Heilungsfähigkeit des Körpers. Umgekehrt werden während der so genannten “Entspannungsreaktion” des Gehirns andere Hormone und nervliche Chemikalien freigesetzt, die die Funktionstüchtigkeit des Immunsystems verstärken. Deshalb kann jede Umgebung, die Stress reduziert und Entspannung steigert, die Heilungsarbeit des Immunsystems unterstützen.

Wie kann man einen „heilenden” von einem “nicht heilenden” Raum unterscheiden?
Ein heilender Raum ist jede beliebige Umgebung, die Stress reduziert und positive Emotionen verstärkt, die dann eine positive Auswirkung auf die Gesundheit haben. Zu nicht heilenden Räumen zählen laute, überfüllte, labyrinthähnliche, schlecht riechende Plätze – sie alle können Stress auslösen.

Wodurch kann man einen unheilsamen zu einem heilsamen Raum umgestalten?
Man kann stressvolle Stimuli bereits mit einfachen Mitteln verringern, indem man störende Geräusche und Gerüche reduziert, angenehme Farben und Lichterquellen sowie entspannende Düfte wählt. Zudem helfen Bilder oder Objekte, die an glückliche Zeiten erinnern, die positiven Effekte eines Raumes zu verstärken. Eine schöne Aussicht sowie schöne Musik können ebenfalls zum Wohlfühlen beitragen. Viele Fengshui-Prinzipien haben diese Effekte ebenfalls, auf sie gehe ich in dem letzten Kapitel ein.

Über welche Sinne verläuft das Heilen?
Alle Sinne sind von heilenden als auch von stressauslösenden Räumen betroffen. Was wir sehen, hören, fühlen, riechen, und sogar was wir schmecken, kann einen Einfluss auf die Entspannung und das Stressempfinden des Gehirns haben. Der Blick, Geräusche und Gerüche können besonders starke Auslöser für Entspannung und Stress sein. In den ersten drei Kapiteln meines Buches gehe ich näher auf die einzelnen Sinne ein.

Welche Krankheiten können durch Räume geheilt werden?
Es gibt sehr viele stressbedingte Krankheiten, die durch chronischen Stress verschlimmert werden können, einschließlich Herzkrankheiten, hoher Blutdruck, Osteoporose und Depression. Diese Krankheiten werden nicht alleine durch Stress ausgelöst, aber durch ihn verschlimmert. Ein Raum kann diese Krankheiten nicht alleine heilen, aber indem man Stress in den Räumen reduziert, kann man die negativen Effekte von Stress auf die Gesundheit verringern und ermöglicht dem Körper somit die besten Heilungschancen. Zudem können heilende Räume positive Stimmungen und Verhalten fördern, die die Heilungsfähigkeit des Immunsystems verbessern.

Schlagen Sie zusätzlich Meditation, Yoga oder andere Entspannungsmethoden vor?
Ja, unbedingt. Alle diese Aktivitäten können das Gehirn von einem Stressreaktionsmodus in einen Entspannungsreaktionsmodus umschalten und dadurch die negativen Effekte von Stress reduzieren und den positiven Effekt von Entspannung auf das Immunsystem und andere Systeme im Körper erhöhen. Diese Punkte behandele ich in dem Kapitel Hoffnungs- und Heilungshormone.

Richtet sich Ihr Buch auch an Patienten, die an unheilbaren Krankheiten erkrankt sind? Ohne falsche Hoffnungen zu wecken?
Mein Buch richtet sich an jeden, der einen heilenden Raum kreieren möchte. Ich mache keine falschen Hoffnungen, da ich betone, dass heilen nicht das Gleiche ist wie kurieren. Die physikalische Umgebung kann, indem sie Stress verringert, Aktivitäten wie Meditation und Gebete fördert und schöne Aussichten sowie einen angenehmen Raum für Familienmitglieder anbietet, positive Emotionen und Erinnerungen verstärken. Dadurch wird die Lebensqualität verbessert und diese ist besonders bei unheilbaren Krankheiten von großer Bedeutung. Dabei hebe ich jedoch hervor, dass das Verstärken der positiven Aspekte von Räumen keinen Ersatz für konventionelle medizinische, sprich medikamentöse Therapie darstellt. Es sollte als Ergänzung betrachtet werden, die dem Körper hilft, seinen Heilungsjob bestmöglich zu machen.

Was entgegnen Sie den Vorwürfen, dass der heilende Effekt nur ein „Placeboeffekt” sei?
Der Placeboeffekt ist ein sehr realer Effekt – nicht “nur” der Placeboeffekt. Während des Placeboeffekts passieren sehr viele Veränderungen im Gehirn, die die Stressreaktion abschwächen und die positiven Emotio-nen verstärken, welche wiederum positive nervliche Chemikalien und Gehirnhormone ausstoßen, die dem Immunsystem beim Heilen helfen. Die Placeboreaktion ist die eigene Art des Gehirns, den Heilungsprozess des Körpers zu unterstützen.

Was ist Ihr heilender Raum?
Meine heilenden Räume sind in der Natur. Ich liebe Spaziergänge oder Skifahren – Wälder, Berge. Mein Garten ist ebenfalls ein heilender Raum. Als ich in mein Haus zog, baute ich eine neue Terrasse mit Wintergarten, so kann ich die Sonne im Sommer draußen und im Winter drinnen genießen. Dieser Raum erinnert mich an die Terrasse im Haus meiner Mutter in Montreal, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe Gewürze sowie duftende Pflanzen (Jasmin, Gardenien) in Blumentöpfen angebaut, deren Gerüche mich an das Mittelmeer erinnern. In dem Kapitel zu Gärten und meinem Friedensplatz gehe ich auf diese persönliche Ebene näher ein.

ISBN: 978-3-861-91020-6, Crotona Verlag, Gebundene Ausgabe, 300 Seiten, ca. 20 Euro.

 

Prof. Dr. Esther Sternberg, 1951 in Montreal geboren, hat Rheumatologie studiert und an der Washington University in St. Louis gelehrt, bevor sie eine führende Position im amerikanischen Gesundheitswesen übernahm. Für ihre international anerkannte Forschung, die sich auf die Interaktion zwischen Gehirn und Immunsystem spezialisiert, hat sie bereits mehrere Auszeichnungen erhalten.

Gesundheit

Mehr als nur Placeboeffekt

Gesundheits-News

Elternabend

„Aus Kanner gi Leit!“

Forschung

Ansteckendes Gähnen

Vortrag

Alltag mit Demenzkranken

Neuerscheinung

Baby-Info

Forschung

Hoffnung für Gelähmte

Nachgehakt

Nachgehakt

„Traurig warst du lange genug“

Nachgehakt

Informationstag Borreliose

Nachgehakt

Glutenintoleranz

Nachgehakt

Heilende Aloe Vera

Nachgehakt

Gesundheit am Arbeitsplatz

Kommentare