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Ghettos von heute

Sechs Monate reiste Jan Zychlinski durch den Südkaukasus, um die Schicksale und Lebensbedingungen von Flüchtlingen aus den Konflikten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu dokumentieren: „Jenseits der Grenzen“ gibt diesen Menschen eine Stimme.

Sopo und Nina sind als Kinder aus Abchasien geflohen. Ihr Vater ist im Krieg gefallen. Am Tag der Heiligen Barbara haben die beiden Frauen Jan Zychlinski und zwei Freundinnen zum Essen eingeladen. Es gibt „Lobiani“. Ein mit Bohnen gefülltes Brot. Dazu Tee und sauer eingelegtes Gemüse. Eines der Hauptthemen am Tisch: Korruption und die Veruntreuung von Geldern, die eigentlich für die Flüchtlinge gedacht waren. Der 94-jährige Karashak, der im Zweiten Weltkrieg an der Befreiung einiger Konzentrationslager beteiligt gewesen ist, verrät dem Fotografen indes seinen Traum. Wenn jeder Mensch in Jerewan nur einen Baum pflanzt, wäre die Stadt die grünste der Welt. Und dann noch Meri, die seit 15 Jahren mit ihrer Tochter in einem knapp neun Quadratmeter großen Raum ohne fließendes Wasser, ohne Toilette und ohne den obligatorischen Ofen wohnt und dennoch kaum klagt.

Die Begegnungen, die der 1961 in Chemitz geborene Jan Zychlinski in den Lagern, Sammelunterkünften und auch neu gebauten Siedlungen abseits der restlichen Gesellschaft macht, sind in doppelter Hinsicht erschütternd. Erstens weil die wenigsten Gebäude, in denen die Vertriebenen untergekommen sind, die Bezeichnung Wohnhaus verdienen. Zweitens weil man von diesen Menschen, die stellvertretend für Millionen anderer „vergessener“ Flüchtlinge stehen, so gut wie nichts weiß. Auch der Fotograf hat den Kaukasus lange Zeit lediglich aus abenteuerlichen Jagdgeschichten gekannt. In diesen Büchern steht kein Wort über die Einverleibung der jungen Republiken durch die Sowjetmacht in den 1920er Jahren oder die „Minen“, die überall vergraben liegen. Gemeint sind die systematisch angelegten ethnischen Konflikte, welche die ganze Region nach dem Untergang der Sowjetunion erschüttert haben.

Erst als der Deutsche ein erstes Mal nach Armenien reist, erwachen seine Neugier und sein (berufliches) Interesse an der sich verändernden Gesellschaft in den sogenannten Transformationsländern mit den exotischen Namen. Dass die meisten West- und Mitteleuropäer weder genau wissen, wo Südossetien und Berg-Karabach liegen, noch worum es bei den Kriegen dort ging, hat nichts mit Desinteresse, sondern vielmehr damit zu tun, dass das Leiden an anderen Schauplätzen das Flüchtlingsproblem im Südkaukasus aus den Schlagzeilen verdrängt hat. Wie dem auch sei, Jan Zychlinski ist von der Gastfreundschaft der Armenier und der Natur und Kultur ihres Landes derart begeistert, dass er mehr erfahren möchte über die lange Geschichte von Tod und Vertreibung, die immer wieder in den Gesprächen auftaucht.

Im September 2014 packt er seine Koffer für eine sechsmonatige Dokumentationsreise. Mit einem Mietwagen und ohne genaues Ziel fährt er in die armenischen Berge, fotografiert alte Kirchen und leere Hotels, den ersten Schnee auf den Gipfeln und nebelüberzogene Landschaften. Er spricht mit vielen Leuten, aber um die Flüchtlinge zu finden, um die es ihm bei seiner Reise geht, ist er auf die Hilfe von Freunden vor Ort als Übersetzer und Brückenbauer angewiesen. Die erste Station: Kasakh. Eine Siedlung am Stadtrand von Jerewan. Im „Prisoners District“ leben etwa tausend Menschen teils in umgebauten Gefängnissen, teils in neuen Wohnhäusern, teils aber auch in temporären und inzwischen zu permanenten Unterkünften mutierten Bleiben. Dieses Phänomen der Wandlung von etwas Provisorischem zu etwas Dauerhaftem wird den Fotografen in den kommenden Wochen begleiten – und vieles von dem in Frage stellen, was offiziell berichtet wird.

In dem Bildband wie auch in der Ausstellung im Centre de Documentation sur les Migrations humaines in Düdelingen hält Jan Zychlinski die Geschichten der Binnenflüchtlinge nicht allein mit seiner Kamera fest. Die sehr ausdrucksstarken Schwarzweißaufnahmen werden von Texten untermalt, die gleichermaßen unter die Haut gehen. Vom Warten als Dauerzustand ist die Rede. Von laut tickenden Uhren, die in jedem Raum überdeutlich angebracht sind. Von Zeit, die als Schmerz bewahrt wird. Von nach innen gekehrten Blicken und einer großen Leere, die das Erzählen unmöglich macht. Und schließlich auch von einer blinden Gesellschaft. Von absolutem Vergessen.

Trotz des Elends und der ungeheuerlichen Tatsache, dass die Verhältnisse, in denen die Flüchtlinge im Südkaukasus leben, schon lange kaum jemanden noch rühren, stimmt „Jenseits der Grenzen“ hoffnungsvoll. Weil es Menschen wie Jan Zychlinski gibt. Weil die Perspektive auf seiner Reise gewechselt hat. Aus dem Vertriebenen ist ein Gastgeber geworden. Aus dem Fremden ein Gast. Aus dem Fluchtort ein Ort des Willkommenseins und des Austauschs. Ob in einem alten Sanatorium oder in einer kleinen Hütte in den Bergen, Teewasser ist immer am Köcheln. Als würde in jedem Moment Besuch eintreffen. Ob türkischen oder einfach nur Kaffee, er wird süß und frisch im Kupferkännchen gebraut. Und natürlich fließt viel Wodka oder Chacha. Denn einen Grund für ein „Kenats’y“ oder „Gaumardschoss“ findet sich immer. Er habe als Gast eine kleine Tür zu einer weiten Welt geöffnet, hält der Fotograf fest. Und selbstverständlich wünscht er sich, dass andere dasselbe tun.

Das letzte Kapitel seiner fotografischen Dokumentation ist den Kindern gewidmet, die in den Flüchtlingslagern geboren und aufgewachsen sind. Die Heimat ihrer Eltern und Großeltern kennen sie lediglich aus Erzählungen und Bildern. Sie spielen ebenso wie andere Jungen und Mädchen. Sie gehen in die Schule, treiben Sport. Die Welt entdecken sie auf den Bildschirmen von Computern und TV-Geräten, die Namen ihrer Freunde und Freundinnen sind auf den Displays ihrer Mobiltelefone abzulesen. Es ist eine eigene Art von Normalität. Anna, zum Beispiel. Die Eltern der 17-Jährigen sind tot. Nun wohnt sie mit ihrer 74-jährigen Großmutter in einem Collective House in Jerewan. Mit einem Kühlschrank und einem in die Jahre gekommenen Computer als einziger Luxus neben zwei Betten, einem kleinen Tisch und einem Schrank. Mehr passt auch nicht in den winzigen Raum. Allerdings hat Anna ein Stipendium für ein Mathematikstudium. Und somit einen Weg nach draußen.

Andere haben weitaus weniger Perspektiven. Die junge Mutter Eka glaubt nur noch an Gott. Eine ehemalige Literaturlehrerin hat inzwischen eine Herde Kühe, verkauft den aus der Milch gewonnenen Käse und ist froh, wenigstens einen Platz zum Leben zu haben. Soviel Demut beschämt. Es ist etwas schade, dass die Bildbeschreibungen auf den letzten Seiten des Buches und nicht bei den Aufnahmen abgedruckt sind. Denn die mitunter unglaublich tragischen und grausamen Geschichten hätten den Fotos, die während oder nach den Gesprächen entstanden sind, noch mehr Intensität verliehen. Ob sich seit Februar 2015 etwas verändert hat? Für Jan Zychlinski war das Ende seiner rund 20.000 Kilometer langen Reise jedenfalls nicht das Ende seines Engagements.

Fotos: Jan Zychlinski

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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