Glauben oder nicht? Das ist hier die Frage

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Die gesellschaftliche Relevanz der katholischen Kirche nimmt in Luxemburg seit Jahrzehnten ab. Mit der Politik der aktuellen Regierung, der neuen Konvention zwischen Staat und Glaubensgemeinschaften, dem Werteunterricht und der geplanten Abschaffung der Kirchenfabriken ist ihre Rolle noch einmal geschwunden. Wer glaubt heute noch, und wer entscheidet sich für einen Kirchenaustritt? revue auf Spurensuche.

Fotos: Philippe Reuter

Sonntagmorgen, 9 Uhr. In der sonst eher beschaulichen Rue Zénon Bernard in Esch/Alzette herrscht reges Treiben – vor einem Gebäude, wo in Sachen Besucherzahlen landesweit zurzeit eher eine Flaute herrscht: in der Kirche. Die „Eglise Sacré-Coeur“ wird an diesem Sonntag vor allem von portugiesischen und kapverdianischen Einwanderern aufgesucht – von einem Teil der Bevölkerung, der sich traditionell sehr gläubig gibt.

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Der Mensch braucht etwas Spirituelles: Marie-Paule Graul-Platz, Präsidentin der Action des Femmes Catholiques du Luxembourg (AFCL).

Nach wie vor bekennen sich viele in der Luxemburger Gesellschaft, die zum Teil der Kirche den Rücken kehrt, zum Glauben, der Kirche und dem Christentum. „Ich bin seit meiner Kindheit gläubig“, sagt Marie-Paule Graul-Platz. Die Präsidentin der Action des Femmes Catholiques du Luxembourg (AFCL) entstammt einem katholischen Elternhaus und besuchte die Privatschule Sainte Sophie. „Allerdings praktizierte meine Mutter den Glauben mehr als mein Vater.“ Sie erzählt, wie sie einst von einem Priester gefragt wurde, ob sie Kindergruppen betreuen wolle. Für sie war dies der Beginn eines jahrzehntelangen Engagements. Ihre persönliche Geschichte ist eng mit ihrer Aktivität für die Kirche verbunden – und mit ihrem Glauben. „Er hat mich die Höhen und Tiefen des Lebens besser meistern lassen“, sagt sie. „An den Texten aus der Bibel konnte ich mich wie an einem Geländer festhalten.“ Marie-Paule Graul-Platz zieht ihre Kraft aus der Heiligen Schrift und den Gebeten. Sie weiß: Der Mensch braucht etwas Spirituelles. Anderen Glaubensgemeinschaften sei sie in ehrlicher Freundschaft verbunden, betont die Mutter eines Sohnes und dreifache Großmutter. Was die Trennung von Staat und Kirche angeht, meint sie hingegen: „Es wird sicherlich schwieriger.“

Dass es für die katholische Kirche schwieriger wird und es auch kirchenintern keine Einigkeit über eine festgelegte Marschrichtung gibt, hat das Interview mit dem langjährigen Generalvikar Mathias Schiltz am 5. November bei RTL Radio Lëtzebuerg gezeigt. Er ging mit der aktuellen Führungsriege hart ins Gericht. Schiltz zeigte sich sichtlich erbost darüber, dass die Kirche die Konvention von Januar 2015 zwischen dem Staat und den Glaubensgemeinschaften unterschrieben hat. Schiltz fordert, dass wieder vermehrt in der Kirche über die Kirche diskutiert werden müsse.

„Der Christ muss durch den Atheismus hindurch.“ Jean-Marie Weber

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Glauben als gedanklicher Prozess: Uni-Dozent Jean-Marie Weber.

Eine Idee, die auch von Jean-Marie Weber geteilt wird. Für ihn ist Glauben nicht zuletzt ein gedanklicher Prozess, der aus Hinterfragen und Diskutieren besteht. „Der Säkularisierungsprozess läuft seit vielen Jahren“, sagt er, „er hat mit der Französischen Revolution begonnen, in einem gewissen Sinn schon mit dem Schöpfungsbericht in Genesis 1+2.“ Für den Dozenten an der Uni Luxemburg, der unter anderem Theologe ist, hat der Glaube eine wichtige Rolle gespielt. Seine Identität entwickelte er durch die Auseinandersetzung mit dem biblischen, also dem jüdisch-christlichen Diskurs, den er trotz mancher Ungereimtheiten als für sich befreiend interpretiert. Für ihn sei aber auch die Konfrontation mit der Moderne „immer etwas sehr Wichtiges“ gewesen, gleich ob mit Kant, Heidegger oder Sartre, erinnert er sich. „Wie Ernst Bloch und Paul Ricoeur sagten: Der Christ muss durch den Atheismus hindurch. Wie auch durch den Tod eines allmächtigen Gottes.“ Säkularisierung ist nach Webers Worten „ein möglicher Reinigungsprozess für die Kirche“. Eine Chance, unter der Bedingung, dass sie sich fragt, warum sie so zögerlich, in manchen Dingen so schrecklich verkrampft, verfangen in theologische Konstrukte argumentiert und nicht mehr innerkirchliche Demokratie wagt. Im Zentrum steht für ihn das Subjekt: „Es kommt auf den einzelnen Menschen an und auf die Freiheit des Subjekts.“ Auf diesen Diskurs der Freiheit müsse sich Webers Worten zufolge auch die Kirche noch angstfreier zurückbesinnen. Er selbst hat mit vier Jahren begonnen, an Gott zu glauben. „Ich kann mich erinnern, wie ich erstaunt feststellte, dass dieses neue Wort, diese Figur Gott auf einmal, wie aus dem Nichts, eine Rolle in meinem Leben spielen sollte“. Heute beteiligt sich Weber, der 14 Jahre lang im Kloster in Freiburg, Louvain-La-Neuve und Luxemburg lebte und einige Zeit Priester und Ordensmann war, nicht mehr oft an Gottesdiensten. Sein Verständnis von Kirche ist, „dass wir dort als Mündige gemeinsam über das Evangelium und andere Texte ins Gespräch kommen sollten.“ Seit seiner Jugend diskutiert Weber mit Atheisten. „Aber ich habe das Gefühl, dass es heute mehr Agnostiker gibt als Atheisten.“

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Bekennender Atheist: Grundschullehrer Lex Thiel.

Dem widersprechen natürlich all diejenigen, die sich klar zum Atheismus bekennen. Wie zum Beispiel Lex Thiel, der schon 2004 im Zuge eines Aufrufs von „Liberté de conscience“ austrat. „Ich hatte einfach gemerkt, dass ich Religion und die Kirche nicht brauche und wollte keine Karteileiche sein“, sagt der 46-Jährige. „Es geht nicht zuletzt darum, die Statistiken, die über Religionszugehörigkeit angefertigt werden, zu berichtigen. Ich fände es wichtig, dass bei diesen Statistiken auch der Prozentsatz der Leute erwähnt wird, die sich zu keiner Religionsgemeinschaft bekennen.“ Es sei deshalb wichtig, dass Menschen, die nichts mit der Kirche am Hut haben, diesen Schritt aktiv unternehmen. Seine Eltern ließen ihn taufen, er machte die Kommunion und die Firmung. „Dabei sind meine Eltern gar nicht gläubig“, sagt er. Der gesellschaftliche Druck sei damals noch viel größer gewesen und die „Was denken die Nachbarn“-Mentalität der Grund für die Vorgehensweise vieler Eltern zu jener Zeit. Heute seien die Leute nicht zuletzt dank der Medien und des Internets besser informiert. Der Grundschullehrer bezeichnet sich als Atheist: „Es gibt einfach keinen Beweis für die Existenz irgendeines Gottes“, sagt er. Thiel findet deshalb die Position von Agnostikern „feige“. In seinem Beruf sieht er, dass die Zahl der Kinder, die den Religionsunterricht belegen, seit Jahren zurückgeht. Er begrüßt es daher, dass mit dem kommenden Schulbeginn der Werteunterricht auch in der Grundschule eingeführt wird. „Ich finde es in Ordnung, dass es Menschen gibt, die eine Religion brauchen. Die sollen nur verstehen, dass es auch Menschen gibt, die keine benötigen.“

„So lange man in dem Taufregister fungiert, wird man von der Kirche als Schäfchen gezählt.“ Tania Herman

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Begräbnis als Stein des Anstoßes: Tania Herman von der „Allianz von Humanisten, Atheisten und Agnostikern“ (AHA).

Von Letzteren scheint es in Luxemburg immer mehr zu geben. Das belegen zumindest die Zahlen des letzten Berichts der Katholischen Kirche aus dem Jahr 2013. Zwischen 2005 und 2013 ging die Zahl der Taufen, Kommunionen, Konfirmationen, kirchlichen Trauungen und kirchlichen Begräbnisse zurück. Die Zahl der Austritte hat laut Eigenaussagen der Kirche vor 2009 kaum eine Rolle gespielt. Doch zwischen 2009 und 2013 seien 2.821 Menschen offiziell ausgetreten. Die „Allianz von Humanisten, Atheisten und Agnostikern“ (AHA) gibt allerdings an, inzwischen rund 6.500 Austrittsanfragen weitergeleitet zu haben, und erklärt, dass die Kirche, seit sie 2.500 bis 3.000 Anfragen erhalten habe, die Austrittswilligen mit zusätzlichem Papierkram belasten würde. Das wird allerdings kaum jemanden ausbremsen. Denn jemand, der den Entschluss gefasst hat, wird sich auch nicht von unnötigem Papierkram aufhalten lassen. „Bei mir war ein Begräbnis Stein des Anstoßes. Was der Pfarrer damals sagte, hat mich dermaßen gestört, dass ich mich entschied auszutreten“, erzählt Tania Herman, die 2013 austrat. Dabei sei sie vorher keineswegs gläubig gewesen, sondern eine der Karteileichen, wie es viele in der Luxemburger katholischen Kirche gibt. „So lange man im Taufregister fungiert, wird man von der Kirche als Schäfchen gezählt“, sagt das AHA-Verwaltungsratsmitglied, das sich seit ihrer Gründung bei der Vereinigung engagiert, auch weil es eine wichtige Arbeit sei, und es gelte, „den Einfluss der katholischen Kirch einzudämmen“. Dabei habe dieser in der Gesellschaft sowieso stark abgenommen: „Die Kirche weiß selbst, wie schlecht es um sie bestellt ist, außer vielleicht in Südamerika.“ Die überzeugte Atheistin ist getauft, „wahrscheinlich, weil es in den 70er Jahren noch einen gewissen sozialen Druck gab“, denn sie würde ihre Eltern selbst nicht als gläubig betiteln. Wichtig sei es ihr, dass sie Gläubige respektiere, auch wenn sie deren Glaube nicht nachvollziehen könne.

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Kritisch und engagiert: Monique Hermes ist eine bekennende Christin.

„Was Du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Das Zitat aus Goethes Faust sei für sie bezeichnend, sagt Monique Hermes. Sie gibt an, aus einer gläubigen Familie zu kommen, und sei gewissermaßen in den Glauben hineingeboren. Die heute 66-jährige Schöffin der Gemeinde Grevenmacher besuchte einst die hauptstädtische Privatschule Fieldgen. „Es war eine gute Schule, aber ich musste später auch etwas Ballast abwerfen“, sagt sie und erklärt, was sie damit meint: „Die Schule war damals noch strenger. Es kam selten vor, dass etwas hinterfragt wurde. Immerhin ging es später in den oberen Klassen dann kritischer zu.“ Aufgewachsen in Redingen, lebt Monique Hermes seit 45 Jahren in Grevenmacher, wo sie 40 Jahre lang als Grundschullehrerin tätig war. Seit fünf Jahren ist sie Schöffin in der Mosel-Gemeinde. Zu ihrer frühen kritischen Haltung auch der Kirche gegenüber sagt sie: „Ich konnte damals die Einstellung der Kirche bezüglich der Empfängnisverhütung nicht teilen. Auch in puncto Frauen war nicht alles nachvollziehbar, und mit der unbefleckten Empfängnis habe ich ein Problem.“ Andererseits lehnt sie nach eigenen Worten das Priesteramt für Frauen ab. „Und ich bin für den Schutz des ungeborenen Lebens“, betont Hermes. „Außerdem bin ich für die Familie und glaube, dass ein Kind die Erziehung durch zwei Elternteile braucht, stehe aber allen anderen Partnerschaften offen gegenüber, auch der Homoehe, lediglich die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare bereitet mir Kopfzerbrechen.“ Monique Hermes engagiert sich nach wie vor in der Kirche und ist Mitglied der Lektorengruppe. „Ich versuche, mit den christlichen Werten auf die anderen Menschen zuzugehen“, erklärt sie. „Ich könnte nicht leben, ohne mich auf Gott zurückzubesinnen. Ohne aber frömmelnd zu sein.“

„Sie stellten mir viele Fragen über meinen Glauben, die ich nicht beantworten konnte.“ Fabienne Michaux

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Sehnsucht im Glauben erfüllt: Fabienne Michaux bedauert das Fehlen des Religionsunterrichts.

Ähnlich ergeht es auch Fabienne Michaux. Die Mutter von zwei Kindern ging bereits während ihrer eigenen Kindheit immer zur Messe. „Ich bin ein Kind von Taizé“, sagt Fabienne Michaux. Die 39-Jährige besuchte rund 20 Mal die Treffen der ökumenischen Brudergemeinschaft in Burgund. Ihre Sehnsucht werde in ihrem Glauben erfüllt, sie finde ihren Ursprung in Gott, sagt Michaux, die mit ihren beiden Kindern und ihrem Ehemann in Bettemburg lebt. Zwei Jahre hat die Hebamme im Senegal verbracht, in einem muslimischen Umfeld. „Ich bin zufällig im Christentum geboren, aber verankert im Glauben“, sagt sie. In dem westafrikanischen Land führte sie Diskussionen mit Muslimen. „Sie stellten mir viele Fragen über meinen Glauben, die ich nicht beantworten konnte. Ich fühlte mich oft wie mit dem Rücken zur Wand“. Im Senegal habe sie sich intensiv damit auseinander gesetzt, weshalb sie Christin sei. „Meine Liebe zur Schönheit und Tiefe des Islam konnte sich erst entwickeln, nachdem ich mich bewusst noch einmal – nach langer und schmerzhafter Zerrissenheit – für das Christentum entschied und, nachdem ich mir das Wissen angeeignet hatte, um die Grundlage meines Glaubens zu erklären.“ Fabienne Michaux bedauert das Fehlen des Religionsunterrichts in den Schulen: „Zudem ist es intellektuell schade. Es gibt kaum mehr ein Hintergrundwissen. Der Religionsunterricht erlaubt vielen Kindern, auch aus nichtgläubigen Familien, einen ersten Kontakt zum Christentum.“

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Glaube in der DNA: Für Marc Jeck könnte die Kirche eine noch bedeutendere Stellung in der Gesellschaft einnehmen.

Seinen ersten Kontakt mit dem Christentum hatte Marc Jeck als kleiner Junge. Schon früh sei er von der Muttergottes und der Muttergottesoktave fasziniert gewesen, fügt der 43-Jährige hinzu. „Sie war mein erster Bezug, sie gehört zu meiner DNA. Der Vater von drei Kindern geht seit seiner Kindheit in die Kirche. „Ich ging ohne meine Eltern zur Messe“, erzählt Marc Jeck. „Die Kirche war wie ein Treffpunkt für die Jungen aus dem Dorf.“ Jeck wuchs in Hamm auf. Er war Messdiener und gestaltete den Jugendgottesdienst mit, ging in den Kirchenchor und engagierte sich in katholischen Vereinen. „Wir fühlten uns geborgen“, erinnert sich Jeck, der sich als Homo Religiosus bezeichnet und sich immer „im Magnetfeld der Kirche“ engagiert habe, „um mit den anderen das religiöse Erlebnis zu haben“. Jeck will das christliche Erbe pflegen. Das Religiöse solle seinen Stellenwert behalten. „Es gibt dem Leben Fülle und Tiefe“, so Jeck. Andererseits möchte Marc Jeck niemandem seinen Glauben aufdrängen. „Wir haben keine Monopolstellung“, weiß er, „und wir können von den anderen etwas lernen.“ Dass Anhänger anderer Religionen heute engagiertere Gläubige seien als viele Christen, bedauert er: „Das finde ich schade.“ Die Trennung von Staat und Kirche betrachtet Marc Jeck skeptisch. „Man kann die 2.000 Jahre nicht einfach über Bord werfen.“ Die Kirche solle demnach „im Dorf bleiben“. Ihm zufolge könnte sie sogar eine noch bedeutendere Stellung in der Gesellschaft einnehmen. „Die Bibel hat viel Potenzial, wie wir unser Leben gestalten können“, sagt Jeck. Die Säkularisierung hingegen bedeute das Schrumpfen der Kirche. Doch er bleibt optimistisch: „Es gab schon schwierigere Zeiten für die Kirche.“

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Persönliche Geste: Für Luc Caregari war der Austritt aus der Kirche ein überfälliger Schritt.

Auch wenn diese Aussage auf eine Institution, die schon mehr als 2.000 Jahre Geschichte durchlebt hat, zutreffen mag, so ist es doch eindeutig, dass heute immer weniger, vor allem jüngere Menschen mit der Institution Kirche etwas anfangen können. Wie zum Beispiel Luc Caregari, der 2009 aus der Kirche austrat. Nach langer Überlegung und einem spirituellen Prozess, wie er selbst sagt, und keinesfalls aus einer Trotzreaktion heraus. Er sei kein Atheist und würde auch keine Lobbyarbeit in Sachen Austritt machen, es sei eine persönliche Geste gewesen, und jeder müsse in dieser Frage selbst für sich entscheiden. Der woxx-Journalist ist getauft, hat die Kommunion und die Firmung gemacht, teils wahrscheinlich aus Traditionsgründen. Sein Vater sei eher nicht gläubig, seine Mutter aber, ohne allerdings Anhängerin der Institution Kirche zu sein. Für ihn sei es ein überfälliger Schritt gewesen, dabei könne man sich, so Caregari, durchaus die Frage stellen, was der Austritt in Luxemburg eigentlich bedeuten würde, die katholische Kirche würde sich nämlich kaum bis gar nicht mit dem Phänomen beschäftigen. Er findet in Zeiten, in denen die katholische Kirchen unter anderem wegen der Kirchenfabriken auf die Barrikaden geht, sollen alle die, die nicht in die Kirche gehen, den Schritt des Austrittes tun. „Die Leute sollen konsequent mit sich selbst sein und ein politisches Zeichen gegenüber der katholischen Kirche setzen. Diese führt schließlich immer noch ihre Mitgliederzahl als Argument ins Feld. Würde sie dies nicht tun, wäre es egal, ob man aktiv austritt oder nicht.“ Was Carigari gegen den Strich geht, „sind die Arroganz und Ignoranz, die manche Gläubige gegenüber Menschen, die ausgetreten sind, an den Tag legen. Der Austritt wird von diesen oft als persönliche Trotzreaktion abgestempelt.“ Das würde jede Art von Dialog erschweren.

„Seit knapp 60 Jahren habe ich keine Bindung mehr zur katholischen Kirche.“ André Hoffmann

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Nie ausgetreten: Für André Hoffmann wäre ein Austritt eine Anerkennung der Kirche als Institution.

Austreten ist zwar ein deutliches Signal, doch ist es nicht auch eine Anerkennung der Kirche als Institution? So sieht es jedenfalls André Hoffmann, der mit der Kirche und Glauben nichts anfangen kann, allerdings nie den Schritt des Austretens unternahm. „Seit knapp 60 Jahren habe ich keine Bindung mehr zur katholischen Kirche“, sagt André Hoffmann. Der 75-Jährige gibt an, in seiner Jugend gläubig gewesen zu sein, bis er von einem Moment zum anderen – nach entsprechenden Überlegungen – zum Atheisten wurde. Ausgetreten ist er allerdings nie. „Ich müsste einer kirchlichen Autorität einen Brief schreiben, dass ich nicht länger zu ihrem Verein gehören möchte. Ich sehe dies aus zwei Gründen nicht ein. Erstens bin ich getauft, das ist Fakt, und ich sehe nicht ein, wieso ich diese Tatsache leugnen sollte. Zweitens, und das ist noch um einiges wichtiger, ist es doch so, dass das Verfassen eines Briefes der Anerkennung einer kirchlichen Autorität über meine persönlichen Überzeugungen gleichkommt.“ Ein Brief an die katholische Kirche zu schreiben, wäre für ihn, wie einer Frau, mit der er nicht verheiratet sei, zu schreiben, dass er sich von ihr scheiden lassen wolle. Das Problem sei, sagt der ehemalige Abgeordnete, dass die katholische Kirche die Taufe als unauslöschliches Sakrament ansehe, er aber nicht. Er sei sich aber durchaus bewusst, dass die Kirche nicht anders könne, dies würde schließlich gegen ihre eigene Überzeugung gehen.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

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Author: Philippe Reuter

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