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Go for it!

Weil die Musikindustrie nach wie vor von Männern dominiert ist, hat die junge Luxemburger Sängerin C’est Karma mit „girls“ eine Single für mehr Frauenpower aufgenommen. Nachahmenswert.

Fluchen wäre unsolidarisch in Zeiten des nationalen Notstands. Schließlich stehen momentan wichtigere Dinge im Fokus als auf Konzerttournee zu gehen. Trotzdem hätte sich Karma Catena gefreut, in den Osterferien Teil der „The Present Is Female“-Tour zu sein und mit Meimuna und Anna Erhard u.a. in Berlin und Zürich auf der Bühne zu stehen. Für Ende April war ein Auftritt auf dem Sharpe Festival in Bratislava geplant, Anfang Mai in der Sound City in Liverpool. Nun bleibt zwar noch die Hoffnung, dass das Echterlive Festival Mitte Juli nicht abgesagt wird, aber die 18-Jährige bleibt gelassen. Die Eindämmung der Coronavirus-Pandemie geht vor. Außerdem gibt es YouTube, Spotify & Co. Die neue Single „girls“, die zum Weltfrauentag erschienen ist, kommt so oder so unter die Leute.

„And if the lightbulb breaks, before the light goes out. If the ground shakes, before you’ve built a house. If the disk stops spinning, before you played the song. If the coffee gets cold, before you take a sip.” Dass eine Sekundarschülerin feststellen muss, dass sie nicht alles erreichen kann, was sie sich wünscht, weil sie weiblich ist, stimmt nachdenklich. Immerhin leben wir im 21. Jahrhundert, und Sexismus dürfte im Luxemburger Alltag kein Thema sein. Doch Karma Catena kann dem nicht zustimmen. Ihr zufolge sind Frauen nicht nur einem größeren Leistungsdruck ausgesetzt, sondern werden darüber hinaus noch diskriminiert. „Et gëtt erwaart, datt mir méi haart schaffen, fir iwwerhaapt eescht geholl ze ginn.“ Mit „girls“ will C’est Karma dem vermeintlich schwächeren Geschlecht indes Mut machen, sich zu behaupten und das Frausein zu feiern.

„girls“ ist eine Hymne für mehr Gleichberechtigung in einer nach wie vor sexistischen Gesellschaft.

Aufmacher-Favorit-KopieAls Vorbilder dienen der jungen Sängerin die eigene Mutter, von welcher sie größtenteils allein erzogen worden ist und die stets alles zu regeln weiß, sowie ihre Oma, die in den 1970er Jahren aus Portugal geflüchtet ist und sich mit vier Kindern in einem fremden Land mit einer unbekannten Sprache und Kultur zurechtfinden musste. „Meng Groussmamm huet hirt Liewe laang gelies an sech op dës Manéier weidergebild. Dat huet mech déif beandrockt.“ Denn für sie selbst sei alles immer selbstverständlich gewesen. Weshalb sie nie darüber nachgedacht hätte, wie viel Mut und Kraft dahinter steckt.

Bereits mit 15 Jahren setzt sich Karma Catena mit politischen Themen auseinander und tritt in den Sommerferien als Straßenmusikerin auf. Das Gitarrespielen bringt sie sich per YouTube bei. Als eine Freundin für ein Schulprojekt ein Video drehen will, schreibt sie ihren ersten Song. Es folgen viele weitere, und plötzlich geht alles ganz schnell. 2017 eröffnet C’est Karma in der Rockhal das Konzert der deutschen Band Milky Chance. 2018 wird ihr der Luxembourg Music Award als Best Upcoming Female Artist verliehen. Im Mai 2019 erscheint die EP „Yellow“. Die vier sehr unterschiedlichen Tracks erzählen von täglichen Konflikten und ernsten Gedanken. Der Song „Gravity“ mahnt beispielsweise zu weniger Materialismus. Anstatt wie blind nach immer mehr Besitz zu streben, sollte man lieber etwas Kreatives schaffen und verstärkt nachdenken – über sich selbst und die Gesellschaft, in der man lebt, sowie über das Leben, das man leben will. Dass Karma Catena eine der Organisatorinnen der Luxemburger Klimastreiks ist, ist angesichts ihres Engagements nicht verwunderlich.

Trotz ihres kometenhaften Erfolgs steht die Künstlerin weiterhin mit beiden Beinen auf der Erde. Sie will mit ihrer Musik keine Revolution anzetteln, stattdessen würde es sie schon freuen, wenn ihre Zuhörer aufhorchen und kurz innehalten. Während sie auf „Yellow“ noch mit verschiedenen Genres herumexperimentiert und melancholischen Folk mit industriellen Klangwelten vermischt, schlägt C’est Karma mit „girls“ einen neue musikalische Richtung ein. Die Stimme erinnert an Björk, die Stimmung an deren Album „Vulnicura“, das von Schmerz und Heilung handelt. „I take my pen to turn my tears into art”, heißt es in „Ufo“. „Wann ech traureg sinn oder wann eppes mech beschäftegt, schreiwen ech dat op. Dacks a Form vun engem Gedicht. Duerno sichen ech op der Gitar dann déi Téin, déi bäi meng Wieder passen.“

Die Stimme erinnert an Björk. Optisch sieht Karma Catena eher Billie Eilish ähnlich.

Optisch sieht die junge Sängerin eher Billie Eilish ähnlich. Sie trägt Turnschuhe, T-Shirts und eine große Brille. Sie macht keine sexy Posen, sondern zeigt das von sich, was sie zeigen möchte. Obwohl C’est Karma erst am Anfang ihrer Reise steht, weiß sie ziemlich genau, wohin diese Reise führen soll. Begleitet wird sie dabei von einem professionellen Management. Was überaus wichtig ist, wenn man auf internationalem Parkett Fuß fassen will. Als ihre schönste Zeit als Musikerin bezeichnet Karma Catena ihre Deutschland-Tournee mit der Band Carnival Youth aus Lettland. Darüber, dass alles kulturelle Leben durch das Coronavirus derzeit überall lahm liegt und sämtliche Konzerte auf ungewisse Zeit verschoben werden müssen, kann sie sich allerdings nicht im Geringsten ärgern. Da sie noch zur Schule geht, steht sie sowieso nur an Wochenenden und in den Ferien für Auftritte zur Verfügung. Was sie nach dem Abitur im kommenden Jahr studieren will oder ob sie sich aufs Musikmachen konzentrieren wird, steht noch nicht fest. Einen Masterplan in Krisenzeiten aufzustellen, ist schwierig. Daher bleibt auch ihr nichts anderes übrig, als abzuwarten. „Ech sinn nach jonk. Ech wëll nach Erfahrunge sammelen.“ Klingt vernünftig.

Cover-girls-KopieWas mir persönlich an der Einstellung und auch an der Musik der 18-Jährigen gefällt, ist die Tatsache, dass eine neue Art von politischem Pop möglich ist. Gegen Krieg und Rassismus oder die Machenschaften von Herrschenden zu singen, ist eine alte Tradition, die sich Jahrhunderte zurückverfolgen lässt, von Folksängern wie Bob Dylan oder Joan Baez in den 1960er und 1970er Jahren zelebriert wurde und heute im Hip Hop zum Ausdruck kommt. C’est Karma gehört in eine andere Kategorie. Ihr könnte es gelingen, Menschen zu verbinden, um für eine gemeinsame Sache zu kämpfen. Noch hat sie keine rein weibliche Band, weil es anscheinend nicht genug Schlagzeugerinnen und Bassistinnen in Luxemburg gibt, aber irgendwann wird sich diese Situation vielleicht ändern. Fest steht indes, dass in schwierigen Zeiten Musik ein wunderbares Kommunikationsmittel ist. „Pop kann die Welt nicht retten, aber wir können Pop einsetzen, um die Welt zu retten“, schreibt Rolling Stone-Redakteur Maik Brüggemeyer in seiner „Gebrauchsanweisung für Pop“. Bleibt demnach zu hoffen, dass sich Karma Catena als Langstreckenläuferin entpuppt, sich selbst treu bleibt und noch mehr Songs wie „girls“ schreibt. Denn tot ist die Zukunft noch lange nicht.

C’est Karma
Jahrgang 2001, lebt in Lintgen. Besucht in Diekirch das Gymnasium. 2018 wird C’est Karma mit dem Luxembourg Music Award als Best Upcoming Female Artist ausgezeichnet. Im gleichen Jahr erscheint ihre Debüt-EP „Yellow“. Die aktuelle Single „girls“ ist ein Liebeslied an das weibliche Geschlecht.

Fotos: Martins Goldbergs

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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