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Great Expectations

Was die EP „Sleepwalker“ des Luxemburger Rappers Maz mit Charles Dickens‘ Roman verbindet? Poetische Geschlossenheit und Konzentration.

Foto: Benjamin Benaïcha

„My tears are not like water. My mind is full of seeds. So when I’m planting flowers, they turn black. I miss the greens. Yeah while I’m waiting for a sign, love decays with time. Leaving me with the only thing I got and that is my rhyme. Feeling like I’m falling in the darkness and I’m losing my way. All these people, all these thoughts and flowers are just fading away.” So lautet der Refrain von „Black Flowers”. Ein sehr schöner Text. Geschrieben von Maz, dem neuen Stern am Rapperhimmel Luxemburgs.

Rückblende: Anfang 2018 veröffentlicht der erst 18-jährige Thomas Faber mit „Immortalisation“ sein erstes Album und löst (fast) sogleich einen wahren Hype aus – obwohl er auf diesem Debüt eigentlich noch am Experimentieren ist, musikalisch wie auch gesanglich. Was seine Zukunft betrifft, weiß der junge Mann indes schon damals ganz genau, was er erreichen will. Als Rapper ernst genommen werden. Karriere machen. Im Ausland auftreten. Daher schreibt er seine Texte auf Englisch und nicht auf Luxemburgisch. Zudem ist Ocean Wisdom sein Vorbild. Mit sagenhaften 4,45 Wörtern pro Sekunde hat der britische Rapper in „Walkin“ bewiesen, dass er es mit den ganz Großen aufnehmen kann. Seitdem hat er die Hip-Hop-Szene gehörig aufgemischt, spielt auf bekannten Festivals und ist in der Hall of Fame verewigt. Maz will es ihm gleichtun. Derselbe fette Flow, dieselbe Schnelligkeit beim Reimen, die kaum Zeit zum Atemholen lässt.

„Maz ist der Motor einer unverfälschten, tiefgründigen Hiphop-Generation.” Luc Spada

Inhaltlich erzählen seine Stück viel über den Künstler selbst. Dass er als 15-Jähriger am Computer seines Vaters zu rappen begonnen hat. Dass er nicht nur davon träumt, von seiner Musik anständig leben zu können, sondern dass er alles dafür geben will. „If I can’t live this music then I better be dead.“ Im Begleittext zu „Sleepwalker” spricht Poetryslammer Luc Spada von einem Hang zur Düsterheit und davon, dass Maz auf brutal ungeschminkte Weise Wunden aufreißt. „Kein Leben ohne Tod. Kein Tod ohne Krankheit. Kein Leiden ohne offenes Herz. Keine Heilung ohne Verletzlichkeit.“ Die neue EP sei „der Traum einer unverfälschten Wirklichkeit, der Alptraum des komatösen Wachzustandes und die Wiederfindung im puren und ehrlichen Dasein“. Oha! Klingt schon ziemlich abgehoben. Dabei verarbeitet Maz ganz normale Gedanken und Gefühle in seinen Tracks.
Es geht um Liebe und Schmerz. „I don’t want to leave you, but I had enough of the bleeding, I’m ready to heal today. Don’t you remember? I can’t exist when you have a smile on your face.” Und es geht auch darum, nicht zu schnell nach den Sternen zu greifen. „Everybody wanna be a rapper. Everybody wanne be bigger and better. Everybody wanna climb up the ladder. But everybody stoppin’ with the head in the clouds.” Gilt das etwa auch für ihn? Nein, er steht (immer noch) mit beiden Füßen auf dem Boden. Obwohl er beim Screaming Fields-Festival 2017, seinem ersten großen Bühnenauftritt, sogleich als bester Performer ausgezeichnet wird, obwohl er bei den Luxembourg Music Awards 2018 in der Kategorie Best Upcoming Artist nominiert ist, das Release-Konzert seines Debütalbums Wochen im Voraus ausverkauft ist, die Kritiken ausnahmslos positiv sind, zahlreiche bekannte Festivals in unter anderem Frankreich, Estland und Finnland auf ihn warten, einer Traumkarriere nichts im Weg zu stehen scheint…

„Today I woke up from a bad dream. It was nothing like what before I had seen”, heißt es in “Wake Up”, dem wohl eindringlichsten Rap der EP. Das Lied dauert keine Ewigkeit, doch mit dem, was Maz in wenigen Minuten zur Sprache bringt, hätte man genug Material für einen ganzen Roman. Auch was die tief pochenden Beats und das Sampling betrifft, ist dieser Track ein Juwel.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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