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Grooming und andere Gefahren

Die Gefahr der sexuellen Gewalt, der Kinder ausgesetzt sind, hat vor allem durch das Internet zugenommen. ECPAT-Direktor Thomas Kaufmann über den Kampf seiner Organisation.

Foto: Anne Lommel

Wie sieht die Arbeit von ECPAT aus? Und was sind die Ziele Ihrer Vereinigung?

ECPAT kämpft gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern zu kommerziellen Zwecken. Wir sind die einzige Vereinigung in Luxemburg in dieser Hinsicht. Die sexuelle Ausbeutung betrifft alle Formen der Prostitution, aber auch pornographisches Material. Hinzu kommen Kinderhandel und Zwangsheiraten von Minderjährigen gegen eine Gegenleistung.

Ihrer Organisation geht es also nicht um sexuellen Missbrauch von Kindern innerhalb einer Familie?

Richtig, denn bei diesem handelt es sich nicht um kommerzielle Zwecke. Allerdings sind viele Kinder, die innerhalb der Familie missbraucht wurden, besonders verletzlich. Viele verlassen ihre Familien, sind isoliert und geraten leicht in ein Netzwerk der Prostitution.

Sie sind in afrikanischen Ländern wie Mali und Burkina Faso aktiv. Wo noch?

Wir haben insgesamt drei Zonen, in die wir unsere Arbeit eingeteilt haben: außer dem Westen Afrikas auch Südasien und Europa. In jedem Land, wo wir einen Sitz haben, sind wir mit drei Personen vertreten, so zum Beispiel in Bamako (Mali) und in Katmandu (Nepal). In Luxemburg sind wir zu fünft. Wir arbeiten dort mit den lokalen Organisationen zusammen. Und wir kümmern uns unter anderem darum, ihre Kompetenzen zu stärken. Konkret haben viele unserer Partner eine Anlaufstelle für Kinder, die Opfer verschiedener Formen von Gewalt wurden. Es gibt zwei Arten von Anlaufstellen: Sogenannte Dropping Center, wohin die Kinder tagsüber für bestimmte Aktivitäten gehen, sowie klassische Heime, wo die Kinder wohnen, weil sie Opfer von Gewalt wurden. Wir bilden das örtliche Personal aus, das sich diesen Kindern annimmt. Letztere haben spezielle Bedürfnisse. Sie brauchen in der Regel medizinische, psychologische und juristische Unterstützung. Und wir bezahlen ihnen eine berufliche Ausbildung.

Wer finanziert diese Hilfe?

Wir übernehmen die Finanzierung und achten dabei darauf, dass das entsprechende Personal selbst aus den jeweiligen Ländern kommt. Es ist immer besser, die Strukturen dieser Länder zu verbessern. Zudem kennen diese Personen die Eigenheiten ihres Landes besser als jemand aus dem Ausland. In Mali zum Beispiel haben wir einen Vertrag mit einem Anwalt abgeschlossen. Wenn ein Kind Klage einreichen möchte gegen jemanden, kann es dies mit Hilfe des Anwalts tun, um seine Rechte geltend zu machen. Bezahlt wird das Ganze von ECPAT Luxembourg, und wir wiederum werden mitfinanziert vom Außenministerium, mit dem wir ein Rahmenabkommen über drei Jahre haben. Dem Außenministerium gegenüber müssen wir Rechenschaft darüber ablegen, was unsere Arbeit über diesen Zeitraum ist. In Luxemburg gibt es etwa 90 Nichtregierungsorganisationen, die vom Ministerium zugelassen sind. Darüber hinaus gibt es etwa 20, die ein Rahmenabkommen getroffen haben. Letzteres ist für uns neu. Vorher präsentierten wir dem Ministerium Projekt für Projekt. Jetzt finanziert es uns für drei Jahre zu 80 Prozent. Die restlichen 20 Prozent stammen aus den Fonds, die wir hierzulande finden müssen.

In welchen Ländern ist ECPAT noch vertreten?

Insgesamt haben wir 90 Mitgliederorganisationen im ECPAT-Netzwerk. Jede ist unabhängig. Es gibt also keine Zentrale, keinen Hauptsitz, der uns vorschreibt, was wir zu tun haben. Es gibt zum Beispiel ECPAT Deutschland, das in Freiburg beheimatet ist, oder ECPAT Frankreich in Paris, ebenso unter anderem in Belgien, Schweden, Spanien und den Niederlanden. Und es gibt ECPAT Burkina Faso, ECPAT Brasilien und ECPAT Nepal und mehr.

Inwiefern gibt es in Luxemburg sexuellen Kindesmissbrauch zu kommerziellen Zwecken?

Wie in vielen Entwicklungsländern, wo die Armut und der Mangel an gesellschaftlichen Perspektiven eine Rolle spielen, gilt dies auch in mehreren osteuropäischen Ländern. Sie sind die Herkunftsländer von Kindern, die Opfer von Prostitution und Kinderhandel werden und die nach Westeuropa gebracht werden, zum Beispiel minderjährige Frauen, die im Westen als Prostituierte arbeiten. Es ist kein Phänomen, das nur auf andere Länder begrenzt ist. Allerdings kommt die Prostitution von Minderjährigen in Luxemburg nur selten vor. Das Land liegt vielmehr auf der Route des Kinderhandels vom Osten Europas bis nach Brüssel oder in die Niederlande. Es kommt also vor, dass Kriminelle mit minderjährigen Prostituierten über Luxemburg weiter in diese Länder reisen. Was aber eine viel größere Rolle spielt, ist der Sextourismus von Einwohnern Luxemburgs in andere Länder. Es geht uns um die Sensibilisierung von Leuten, die in andere Länder reisen und dort eventuell etwas beobachten, was Sextourismus oder die sexuelle Ausbeutung von Kindern sein könnte. „Don‘t look away“ heißt unsere Kampagne für Reisende, die wir in Europa gestartet haben.

Welche Rolle spielt die Internetkriminalität?

In der Tat stellen die Risiken, die vom Internet ausgehen, ein weiteres Problem dar. Hier gibt es keinerlei Grenzen. Mehr und mehr Minderjährige in Luxemburg werden im Netz Opfer von sogenanntem Grooming: Ein Erwachsener nimmt in sozialen Netzwerken die Identität eines Jugendlichen an und versucht, zu den jungen Leuten sexuellen Kontakt herzustellen. Er baut zunächst Vertrauen zu einem Minderjährigen auf, um dann pornografische Aufnahmen anzufertigen oder den Minderjährigen sexuell zu missbrauchen. Uns geht es darum, die Kinder zu sensibilisieren und sie auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Dafür geben wir Workshops in mehreren Schulen. Darüber hinaus haben wir eine Gruppe von Jugendlichen unter dem Namen „ECPAT Youth together“ gebildet, die von uns darauf vorbereitet wurden, um mit anderen Jugendlichen zu sprechen. Die Sensibilisierung, sowohl in den Entwicklungsländern als auch in Europa, hat eine herausragende Bedeutung.

Haben Ihnen Minderjährige schon von Erfahrungen mit dem Grooming berichtet?

Ja. Man sollte nicht glauben, dass es so etwas in Luxemburg nicht gebe. Auch Fälle von Kinderpornographie. Schließlich kommen immer wieder viele vor Gericht. 2016 hatten wir zwölf Fälle von Grooming, 2015 waren es nur zwei oder drei. Die Dunkelziffer liegt natürlich um ein Vielfaches höher und liegt in einer riesigen Grauzone. Und sie steigt weiter an. Es werden immer mehr Fälle. Während „Bee secure“ eine Initiative ist, die sich der Sicherheit im Internet allgemein widmet, was zum Beispiel das Verhalten in den sozialen Netzwerken oder die Nutzung von Passwörtern betrifft, sind wir auf Fälle spezialisiert, in denen es um sexuelle Gewalt geht.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: alommel

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