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Grosbous in Aufruhr

Korruption, Verleumdungen und Vetternwirtschaft – mit „De Revisör“ präsentiert „De Schankemännchen“ in diesem Sommer eine fast 200 Jahre alte Groteske, die nach wie vor erschreckend aktuell ist. Regisseur Claude Mangen und Produktionsleiterin Christiane Thommes im Gespräch.

Fotos: Mireille Gereke

IV. Akt, 1. Szene: Sechs Männer in Uniform schleichen sich auf Zehenspitzen auf die Bühne. „Haalt iech riicht!“, befiehlt Stanisoff, und alle gehorchen. Dann wird darüber diskutiert, was zu tun ist, um den Revisor, der inkognito im Dorf weilt und vor dem sämtliche Beamten sich fürchten, gnädig zu stimmen. Zwei Szenen später fliegen Geldscheine durch die Luft, und Rotziwan kann sein Glück kaum fassen. Jeder steckt ihm freiwillig mehrere hundert Rubel in die Tasche. Um die hübsche Tochter des Bürgermeisters muss er gar nicht erst werben, und den Bauch könnte er woanders nicht voller kriegen. Bleibt bloß dieser dumme Haken an der Sache: Er ist nicht derjenige, für den man ihn hält… Was bei den Proben zu Nikolai Gogols Gesellschaftssatire sofort auffällt: Mit einer Ausnahme tragen alle Männer einen Vollbart.

Herr Mangen, war Barttragen etwa eine Bedingung, um in „De Revisör“ mitspielen zu dürfen?
Claude Mangen: Eine von vielen… (lacht) Nein, im Ernst: Als ich vor einem Jahr gefragt wurde, ob ich bereit sei, ein Stück für die „Schankemännchen“-Vereinigung zu inszenieren, habe ich zuerst lange nachgedacht. Aber dann hat es irgendwann klick gemacht: „Der Revisor“ musste es sein. Erstens passt diese Komödie, die in einem kleinen russischen Städtchen spielt, perfekt zur Freilichtbühne in Grosbous und dem immerhin 30-darstellerstarken Team. In einem regionalen Kulturhaus oder in einem der hauptstädtischen Theaterhäuser wäre eine Inszenierung mit derart vielen Haupt- und Nebenfiguren zu aufwändig. Zweitens wollte ich das Stück, das zu den meist gespielten auf den Spielplänen etlicher Theaterhäuser zählt, immer schon ins Luxemburgische übersetzen. Doch jetzt zur Bartfrage: Es wirkt einfach authentischer. Und ehrlich gesagt, den meisten steht der Bart ausgezeichnet. Sogar ich habe mir aus Solidarität einen wachsen lassen.

Wieso wurde – nach Jemp Schuster und Clod Thommes – eigentlich nach einem „neuen“ Regisseur gesucht?
Christiane Thommes: Nachdem Jemp Schuster die ersten sechs Freilichtspektakel inszeniert hatte, war die Zeit reif für einen Wechsel. Er schrieb zwar weiterhin die Stücke, aber Clod Thommes übernahm die Regie. 2013, als der „Schankemännchen“ seinen 20. Geburtstag feierte, wurde mit „Besuch“ (frei nach Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“, Anm.d.R.) erstmals ein Theaterklassiker aufgeführt, der nicht speziell für die Bühne im Prommenhaff geschrieben worden war. 2015 folgte Berthold Brechts „Dreigroschenoper“ und 2017 erneut der Moment für einen weiteren Wechsel in Sachen Regie. Wir möchten als Verein nicht auf der Stelle treten oder in Routine verfallen, sondern wir wollen immer weiterkommen, und das ist nur möglich, wenn wir uns neuen Herausforderungen stellen.

Und wie groß ist nun die Herausforderung, eine Gesellschaftsfarce auf die Bühne zu bringen, bei welcher die Sprachkomik eine wesentliche Rolle spielt?
C.M.: Es hat verhältnismäßig früh eine Art Casting gegeben. Bei diesen Kennenlern-
treffen achtete ich darauf, dass jeder die Rolle bekommt, die zu ihm passt. Es macht nämlich wenig Sinn, eine humoristische Figur mit jemandem zu besetzen, der keinen natürlichen Witz mit sich bringt. Oder umgekehrt. Eine typenhafte Besetzung erleichtert die Arbeit. Die des Regisseurs und die der Darsteller.

„Gogols Gesellschaftsfarce, die in einem kleinen russischen Städtchen spielt, passt perfekt auf die Freilichtbühne in Grosbous.“ Claude Mangen, Regisseur

Und an welchem Punkt ist diese Arbeit angekommen? In einer Woche wird Premiere gefeiert…
C.M.: Lassen Sie mich das Ganze mit einer Kochshow vergleichen. Sämtliche Zutaten sind längst eingekauft und verarbeitet worden. Als Koch, der am Herd steht, weiß ich ganz genau, dass ein Salat nicht nur anders schmeckt als ein Wiener Schnitzel, sondern dass er auch ganz anders abgeschmeckt werden muss. Im Moment geht es also vor allem darum, Soßen zu binden, vielleicht noch mehr Eischnee zu schlagen, damit der Kuchen lockerer und luftiger wird, das Fleisch perfekt zu würzen, die Karotten nicht zu weich zu kochen… Es sind Kleinigkeiten, aber genau diese Kleinigkeiten werden am Ende entscheiden, ob die Gäste, die zum Essen kommen, gesättigt nach Hause gehen.

Claude Mangen

Jahrgang 1963, besuchte die Primärschule in Eschdorf/Heiderscheid und anschließend das Lycée technique Ettelbruck sowie die École de Commerce et de Gestion in Luxemburg, die er mit einem Wirtschaftsfachabitur abschloss. Von 1985 bis 1990 absolvierte er eine Theaterausbildung am Luxemburger Musikkonservatorium in Sprecherziehung und Rollenstudium sowie Dramaturgie und Regieunterricht. Zwischen 1989 und1993 war er als Schauspieler in Wien und Zürich engagiert. Seit 1993 ist er Programmkoordinator des soziokulturellen Radios 100,7 und arbeitet als Schauspieler und Regisseur in Luxemburg. 1995 gründete er zusammen mit Serge Tonnar die Theatergruppe MASKéNADA. Claude Mangen ist Mitglied des Institut Grand-Ducal, Sektion Kunst und Literatur. Als Theaterregisseur schreibt er Textcollagen und freie Adaptierungen von bekannten luxemburgischen und ausländischen Theaterstücken, die er auf eigenständige Weise verfremdet und neu interpretiert. Neben der Mehrsprachigkeit dieser Collagen als Ausdruck der Multikulturalität Luxemburgs, wählt er zudem oft ausgefallene Spiel- und Aufführungsorte, die zu seinem Regiekonzept passen. (Quelle: Luxemburger Autorenlexikon)

Apropos Gäste: Ist die Tatsache, dass bislang sämtliche Aufführungen stets ausverkauft waren, nicht der beste Beweis dafür, dass das Dorfgasthaus in Grosbous einen Stern verdient hätte?
C.T.: So professionell unser Team auch umgeben ist, so sehr sich Claude Mangen um Perfektion bemüht – er würde niemals etwas aus der Küche zum Gast rausschicken, was seinen Ansprüchen nicht genügt –, wir sind und bleiben ein Amateur-Ensemble. Einen Stern zu bekommen, interessiert uns in diesem Sinne gar nicht. Weil wir dann Dinge tun müssten, die wir eigentlich nicht tun wollen. Es wäre jedenfalls nicht mehr dasselbe. Darüber hinaus haben wir als Verein auch eine soziale Funktion, die uns sehr wichtig ist. Um im Küchenjargon zu bleiben: Ich bin zufrieden, wenn es uns gelingt, Leute an den Tisch zu locken, die gerne mit anderen Menschen gemeinsam an einer Tafel sitzen und sich dabei gut unterhalten.

„Wir möchten als Verein nicht auf der Stelle treten oder in Routine verfallen, sondern wir wollen immer weiterkommen, und das ist nur möglich, wenn wir uns neuen Herausforderungen stellen.“ Christiane Thommes, Produktionsleiterin

Womit sind oder wären Sie zufrieden, Herr Mangen?
C.M.: Da ich in Grosbous wie ein „falscher“ Revisor behandelt werde und jeder Wunsch mir von den Augen abgelesen wird (lacht), kann ich nur höchst zufrieden sein. Also: Wenn Kostüme in Handarbeit maßgeschneidert werden, wenn die Bühne, die wegen Bauarbeiten im Prommenhaff verlegt werden musste, von einem Architekten konzipiert wird, wenn man mit Leuten zusammenarbeitet, die nach Feierabend mit Herz, Lust und Leidenschaft das tun, was sie tun, und wenn man eine Produktionsleiterin an seiner Seite hat, die einem den Rücken frei hält und sämtliche Vorarbeit bereits erledigt hat, ist Jammern fehl am Platz. Kurzgesagt: Ich kann dem „Schankemännchen“-Team vertrauen. Das ist schon ziemlicher Luxus.

Auch in künstlerischer Hinsicht?
C.M.: „De Revisör“ ist ein Textstück. Es gibt wenig „Action“. Alles, was passiert, wird gewissermaßen erzählt. Die Sprache steht im Mittelpunkt. Was nicht einfach, aber spannend ist. Während den Proben kommt es schon vor, dass ich „Los, Leute! Mehr Einsatz! Mehr Temperament!“ rufe, aber ich hüte mich davor, Druck auszuüben. Mit Fingerspitzengefühl erreicht man durchaus mehr.

Christiane Thommes

Jahrgang 1961, arbeitet als Technische Medizinische Assistentin im OP-Bereich im Centre Hospitalier du Nord in Ettelbrück. Die Mutter von Schauspieler Max Thommes ist seit 1993 in der Schankemännchen asbl engagiert und zudem – zusammen mit ihrem Mann Clod Thommes – im „Kabarä Feierstëppler“ aktiv.

Das Stück wurde 1836 in Sankt-Petersburg uraufgeführt und ist heute immer noch sehr beliebt…
C.M.: Weil es nach wie vor topaktuell ist. Korruptionsaffären, Bestechungsgelder, Steuerhinterziehungen sind Themen, die fast täglich in den Nachrichten vorkommen. Dazu kommt, dass 2017 ein „Wahljahr“ ist. Im Oktober finden hierzulande Gemeindewahlen statt. In den USA und in Frankreich haben die Bürger bereits über ihren jeweiligen Präsidenten abgestimmt. „De Revisör“ ist gleichzeitig eine amüsante Verwechslungskomödie und eine boshafte Satire über korrupte Politiker und die Gier als Antrieb menschlichen Handelns. In diesem Stück hat jeder Dreck am Stecken.

Und einen Hocker zum Nachschleppen.
C.M.: Der Hocker ist das Symbol für die Macht des Einzelnen. Mal fliegt er durch die Luft, mal wird er bloß hingestellt, aber am liebsten würden der Richter, der Briefträger, der Arzt und alle weiteren Komplizen ständig drauf sitzen. Keiner will auch nur ein Gramm seiner Autorität aufgeben.

Einen Bezug auf aktuelle oder rezente Skandale gibt es in Ihrer Inszenierung indes nicht, oder?
C.M.: Nein, denn ich habe Gogols Stück nicht ins Luxemburgische übertragen, sondern quasi Wort für Wort aus dem Deutschen übersetzt. Freiheiten habe ich mir lediglich bei den Namen erlaubt. So heißt der käufliche Bürgermeister Boris Drecksakow, der Schulinspektor Viktor Guttschmir, der Leiter des Armenhospizes Nikotin Krätzdiwwi, das Kammermädchen Swetlana Zerwisski und so weiter. Dass aus den Geschäftsmännern Geschäftsfrauen wurden, hat einzig und allein damit zu tun, dass andernfalls so gut wie keine weiblichen Rollen zu vergeben gewesen wären.

Frau Thommes, Sie haben jede „Schankemännchen“-Produktion von A bis Z begleitet. Worin unterscheidet sich die 13. von den vorherigen Freilichtspektakeln – abgesehen davon, dass es einen neuen Regisseur und einen neuen Bühnenplatz gibt?
C.T.: Der Probenplan ist anders organisiert. Früher wurde ab Mai gewöhnlich jeden zweiten Tag geprobt. Claude Mangen probt lieber an drei oder vier aufeinanderfolgenden Tagen, und den Rest der Woche haben die Darsteller dann frei. Der Vorteil eines solchen Plans ist, dass man intensiver etwas aufbauen kann. Wegen der Verlegung der Bühne sitzt das Publikum diesmal recht nahe am Geschehen. Auf Requisiten wie Traktoren musste verzichtet werden. Zudem spielt sich nahezu alles auf einem eher kleinen Raum ab. Trotzdem gibt es ein paar schöne Überraschungen.

Premiere ist am 20. Juli um 20.30 Uhr im Prommenhaff in Grosbous. Weitere Vorstellungen am 21., 22., 25., 26., 27., 28. & 29. Juli, www.schankemaennchen.lu

Eingeschworenes Dreiergespann: Produktionsleiterin Christiane Thommes, Regisseur Claude Mangen und Regieassistentin Viv Meintz.

De Schankemännchen asbl

1993 gegründet, taufte man den Verein nach dem Titel des ersten Theaterstücks, das in Grosbous aufgeführt wurde. Beim „Schankemännchen“ handelt es sich um eine Sagenfigur, die vor langer Zeit ihr Unwesen in der Umgebung getrieben haben soll. Die Initiative eines Freilichtspektakels geht derweil auf den damaligen Schöffenrat zurück, der für die Einweihung des restaurierten und umgebauten „Prommenhaff“ einen besonderen kulturellen Rahmen schaffen wollte. Seitdem wird alle zwei Jahre ein Theaterstück im Hof eines der ältesten Gebäude des Ortes inszeniert. Zehn der bislang 13 Produktionen wurden von Jemp Schuster nach zum Teil historischen Vorlagen geschrieben. Seit 2013 wird auch Kindertheater gespielt.

Mehr Infos: www.schankemaennchen.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressorts: Kultur, Kunst, Land & Leute

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Author: Martine Decker

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