Home » Home » Großes Kino

Großes Kino

Mit einer entstaubten Inszenierung von Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ kommt Thomas Ostermeier nach Luxemburg. Und verwandelt „Tatort“-Kommissar Jörg Hartmann in einen überraschend gut aussehenden und charmanten Chefarzt.

Fotos: Arno Declair

Seine Markenzeichen in der „Tatort“-Reihe: ein hässlicher Parka und ein Gesicht wie sieben Tage Dauerregen. Und trotzdem liebt man den ungepflegten Dortmunder Kriminalhauptkommissar Peter Faber, der sich pillenschluckend und fluchend von Fall zu Fall quält. In Thomas Ostermeiers Fassung von „Professor Bernhardi“ entdeckt man einen anderen Jörg Hartmann. Zumindest optisch. Er trägt einen strahlend weißen Arztkittel, der Bart ist ab. Lediglich was den Charakter seiner Figur betrifft, bleibt der 2016 mit der Goldenen Kamera als bester deutscher Schauspieler ausgezeichnete Darsteller seinem Image treu.

Jörg Hartmann spielt den Klinikchefarzt als einen drahtigen und herablassenden Querkopf, der sich keinen Deut darum schert, Sympathiepunkte zu sammeln – obwohl er sich in einer ziemlichen Sackgasse befindet. Eine junge Frau ringt zu Beginn des Stückes mit dem Tod. Wegen einer Abtreibung. Ein Priester ist gerufen worden, doch Professor Bernhardi will den Geistlichen nicht ins Krankenzimmer lassen, weil er der Patientin nicht die Illusion rauben möchte, wieder gesund zu werden. Und während sich die beiden Männer vor der Krankenzimmertür streiten, stirbt die Frau. „Ich habe einfach in einem ganz speziellen Fall getan, was ich für das Richtige halte“, sagt der Mediziner später. Doch weil er jüdischer Abstammung ist, wird ihm sein Verhalten als christenfeindlich ausgelegt. Aus dem Vorfall wird schließlich ein Skandal.

Regisseur Thomas Ostermeier und Dramaturg Florian Borchmeyer haben das 100 Jahre alte Ärztedrama von Arthur Schnitzler, das in Österreich verboten war und daher 1912 in Berlin uraufgeführt wurde, entschlossen in die Gegenwart versetzt und auf die aktuellen politischen Verhältnisse getrimmt. Sowohl was die Ausstattung als auch die Sprache betrifft. Das Stück spielt sich in einem zeitlosen White Cube ab, und statt von einer „antisemitisch-klerikalen Partei“ ist von „rechtspopulistisch-völkischen Kräften“ in einem freien Land die Rede. Auch der ursprüngliche 23-köpfige Cast wurde reduziert. Trotzdem geht es arg hin und her. Türen werden auf- und wieder zugestoßen, Krankenbetten hin und her geschoben, Meinungen noch schneller gewechselt als die sterilen Handschuhe. Anfangs schaut Bernhardi dem hinterlistigen Treiben amüsiert zu, und wenngleich es ihm an den Kragen gehen soll, ist er zu keinem Kompromiss bereit.

Zu beobachten, wie Tatsachen verdreht werden und wie leicht es ist, Realität zu fälschen, macht selbstverständlich auch dem Zuschauer Spaß. Bis sich irgendwann die Frage stellt: In was für einer Gesellschaft leben wir überhaupt? In einem Interview vor der Premiere an der Schaubühne Berlin hat Thomas Ostermeier bemerkt, dass viele Dialoge in „Professor Bernhardi“ an heutige Debatten im deutschen Parlament erinnern und das Stück auf sehr komplexe Art und Weise über Rassismus und seine Folgen erzählt. Ähnlichkeiten mit lebenden Politikern sind demnach durchaus vorhanden, aber nicht gewollt. Ölige Karrieristen, die sich blendend auf Provokationen verstehen, oder joviale Kollegen, die im entscheidenden Moment feige den Mund halten, gibt es überall. Männer wie der Titelheld, der fest an die Kraft der Vernunft, des besseren Arguments und des präzisen Denkens glaubt, sind derweil Mangelware.

Dass dieses schmutzige Intrigendrama ausgerechnet in der keimfreien Atmosphäre einer Privatklinik spielt, macht die Ränkeleien unter den Halbgöttern in Weiß noch skurriler als sie eigentlich schon sind. Und wenn Professor Bernhardi zur Desinfektionsmittelpumpe eilt, ist längst jedem klar, dass mit einer bakterientötenden Flüssigkeit nichts wieder ins Lot zu bringen ist. Ekliger Schleim lässt sich nicht ohne weiteres abwischen. Zweieinhalb Stunden lang wird der Zuschauer Zeuge einer perfiden Denunziation. Und muss am Ende entsetzt feststellen, wie einfach Vorurteile gegen Minderheiten funktionieren, wie verlogen die Medien sind und wie wenig von Seiten von Politikern zu erwarten ist. Der Grund, warum dem Chefarzt der Prozess gemacht wird, gerät nämlich immer mehr in den Hintergrund.

In den letzten Minuten ist Jörg Hartmann allein auf der Bühne. Die spärlichen Möbel sind entfernt worden. Man hört Musik und sieht einen Menschen, der plötzlich zerbrochen wirkt. Man denkt unwillkürlich an sein Alter Ego Peter Faber. Beide Männer sind gezeichnet von dem Kampf, den sie gegen das Böse führen. Und von der Aussichtslosigkeit, diesen Kampf zu gewinnen. So sehr sich Professor Bernhardi auch gegen das Unrecht wehrt, das ihm geschieht, er wird für schuldig erklärt und muss ins Gefängnis. Davon, dass er nach zwei Monaten rehabilitiert wird, kriegt die Öffentlichkeit nichts mit.

Jörg Hartmann spielt den Titelheld als einen drahtigen Querkopf, der sich keinen Deut darum schert, Sympathiepunkte zu sammeln.

Um die recht komplexe Darstellung von Vorgängen, die mit Diskriminierung zu tun haben, etwas aufzulockern, arbeitet Thomas Ostermeier mit Kameraleuten, die zwischendurch die Schauspieler auf (und hinter) der Bühne sowie die Dekorationen filmen. Diese Bilder werden vergrößert auf die Rückwand projiziert. Auf dieselbe schreibt die Künstlerin Katharine Ziemke mit bunten Ölkreiden kurze Ortsangaben. Aber an sich hätte das Stück diesen Schnickschnack gar nicht gebraucht. Die Kunst des Hauptdarstellers, das Publikum bei Laune zu halten, reicht vollauf.

Am 26. und 27. Januar um 20 Uhr im GTVL. Eine halbe Stunde vor jeder Vorstellung gibt Simone Beck eine Einführung zum Stück.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: alommel

Login

Lost your password?