Home » Entertainment » Grotesk, aber gut

Grotesk, aber gut

Mit der neuen Serie „The Boys“ hat sich Amazon einen Gefallen getan. Denn auch wenn sie wie ein Rambo daherkommt, ist sie kluge Unterhaltung.

„Lasst uns einen Fehler nach dem anderen machen“, sagt Billy Butcher irgendwann, während „The Boys“ ihre nächsten Schritte planen. Was klingt wie ein nebenbei hingeworfenes Augenzwinkern, ist pure Realität. Sie wissen, dass sie keine Chance haben, und nehmen trotzdem den Kampf auf. Weil sie nicht anders können, der Durst nach Rache ist einfach zu groß.

Die neue Prime Video-Serie „The Boys“ (läuft seit Ende Juli) ist Satire und Parabel in einem. Entstanden ist sie nach einem Comic des Iren Garth Ennis. Es geht den Superhelden an den Kragen, diesen Gutmenschen und Alleskönnern, deren Job es ist, jeden Tag Welt und Menschen vor vermeintlichen Bösewichten zu retten. Doch die eigentlichen Bösewichte sind sie selbst, ein verkommenes narzisstisches und machthungriges Pack, von denen jeder seiner eigenen kleinen Perversität nachgeht, ohne Rücksicht auf andere, mit dem größtmöglichen Nutzen für sich selbst.

Natürlich sind es die Marvel-Helden, die hier aufs Korn genommen werden. Und mit ihnen eine Unterhaltungsindustrie, die seit Jahren boomt und einen Film nach dem anderen auf die Kinoleinwände wirft. Doch Marvel heißt bei „The Boys“ Vaught, es ist ein riesiger Konzern, dessen einzige Aufgabe es zu sein scheint, die sieben besten Superhelden in einer Art Tafelrunde um sich zu scharen. Und langfristig dafür zu sorgen, dass die „Seven“ als Elitekämpfer in die US Army aufgenommen werden.

In „The Boys“ geht es um mehr als um die pure Rache und deren Befriedigung. „The Boys“ zeigt, wie die Welt funktioniert.

Die unbedeutenden Kollateralschäden, die bei den Heldentaten der „Seven“ entstehen, haben Auswirkungen, denn es scheint durchaus Menschen zu geben, die der Tod Unbeteiligter nicht kalt lässt. Wie Hughie (Jack Quaid, ja, genau: der Sohn von Meg Ryan und Dennis Quaid), ein schlaksiger Elektrofachverkäufer, der gerade mitansehen musste, wie seine Freundin von A-Train, dem schnellsten Mann der Welt und Mitglied der „Seven“, im wahrsten Sinne des Wortes zu Brei gerannt wurde. Von Billy Butcher (Karl Urban), der selbst noch eine Rechnung mit den „Seven“ offen hat, lässt er sich gemeinsam mit zwei anderen zu einem Rachefeldzug gegen die Superhelden überreden.

Doch in „The Boys“ geht es um mehr als um die pure Rache und deren Befriedigung. „The Boys“ zeigt, wie die Welt funktioniert. Und wie eng die Mächtigen miteinander verknüpft sind, wie sie sich untereinander bekriegen und sich trotzdem gegenseitig schützen. Wie sie ihre Macht missbrauchen, um andere zu in die Pfanne zu hauen, sie zu belästigen, zu vergewaltigen, zu hintergehen, zu bestehlen und zu bevormunden.

„The Boys“ greift MeToo, Donald Trump, Rassismus, Doppelmoral und Religionskritik auf, ohne auch nur eins davon explizit beim Namen zu nennen. Dafür gehen Bilder und Sprache in die Vollen. Bereits im Vorspann wird darauf verwiesen: Die Serie richtet sich ausschließlich an Erwachsene, weil sie exzessive Gewalt, vulgäre Sprache und Nacktheit enthalte. USA wie sie leibt und lebt, könnte man sagen, aber eben nicht so hübsch verpackt.

Für den jungen Jack Quaid könnte die Serie der Sprung in eine große Karriere sein. Und Karl Urban, den man aus „Herr der Ringe“, „Star Trek“ und dem Marvel-Klassiker „Thor“ kennt, kann hier voll auf die Pauke hauen, als lässiges lederbemanteltes Arschloch mit Herz und manchmal mehr Glück als Verstand. Das klingt nach Klischee, ist aber das einzige. Denn so einen Typen wie ihn braucht eigentlich niemand mehr, auch die wenigen Frauen nicht, die in der Serie auftauchen. Sie kommen alleine klar, meist sind sie es sogar, die in brenzligen Situationen den Überblick behalten.

Leider ist auch diese Serie wieder einmal auf unendlich angelegt. War die Hoffnung nach den ersten beiden Folgen der achtteiligen Staffel noch groß, dass „The Boys“ ihren Auftrag im Laufe der ersten Staffel erledigen, schwand sie danach Folge für Folge dahin. Am Ende muss man gar hinnehmen, dass sich die Schicksale der beiden gegnerischen Gruppen miteinander verknüpfen, was darauf hinweist, dass die nächsten Staffeln bereits fest geplant sind. Trotzdem lohnt sich „The Boys“, allein deshalb, weil die Serie mal wieder die Augen öffnet für Strukturen, die wir oft einfach so hinnehmen. Und weil sie wirklich sehr, sehr unterhaltend ist. Und keine Angst: Die dargestellte Gewalt ist dermaßen grotesk, dass sie schon wieder komisch ist. Außer die Szene, in der der Delfin draufgeht. Da sollte man sich wirklich die Augen zuhalten.

Fotos: Amazon

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Teilen ...Email this to someoneShare on Google+Print this pageTweet about this on TwitterShare on Facebook
Author: Philippe Reuter

Login

Lost your password?