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Gut ist, was guttut

Therapeutische Behandlung oder Selbsthilfegruppe? Was bei Problemen die richtige Wahl ist, lässt sich nicht eindeutig sagen, meint Claus Vögele, Professor für Psychologie an der Uni Luxemburg. Es kommt auf die Umstände und die Person an.

Was halten Sie von Selbsthilfegruppen?
Darüber gibt es mittlerweile große Übersichtsarbeiten, sogenannte Metaanalysen, die zeigen, dass Selbsthilfegruppen über verschiedene Problembereiche hinweg sehr wirksam sein können. Ich sage das sehr vorsichtig, weil man immer genau schauen muss, in welchem Format solche Selbsthilfegruppen stattfinden. Da gibt es nämlich durchaus unterschiedliche.

Inwiefern?
Es gibt Selbsthilfegruppen, die tatsächlich Gründungen von Betroffenen sind und dabei auch bleiben wollen. Am anderen Ende des Spektrums gibt es die professionelle Hilfe, die aus Ärzten, Psychotherapeuten und Psychologen besteht. Dazwischen gibt es einen Bereich, in dem Treffen von Betroffenen von einem Therapeuten oder Psychologen moderiert werden.

Was ist das Gute an Selbsthilfegruppen?
Sie können sehr wirksam sein. Dabei gibt es zwei große Faktoren: Erstens hat man nicht mehr das Gefühl, alleine auf der Welt zu sein. Das ist sehr wichtig, denn jeder hat erst einmal das Gefühl, mit seinem Problem alleine zu sein. Da tröstet es, es nicht zu sein, es macht einen weniger schräg. Dieses Gefühl bekommt man in einer Selbsthilfegruppe ganz stark, denn dort trifft man Menschen, denen es genauso geht.

Welcher wäre der andere Faktor?
Es macht einen stärker. Man merkt, dass man etwas tun kann, auch wenn man vorher vielleicht glaubte, dem Problem völlig hilflos gegenüber zu stehen.

Gibt es Bereiche, in denen der Besuch von Selbsthilfegruppen eher nicht empfehlenswert ist?
Es gibt eine Reihe von Störungen, die sicherlich der individuellen Therapie bedürfen. Wenn wir etwa an psychotische Störungen, wie zum Beispiel an Menschen mit Wahnvorstellungen denken, dann brauchen die in der Regel eine medikamentöse Behandlung sowie eine psychotherapeutische Einzeltherapie. Das heißt aber nicht, dass Selbsthilfegruppen in einem späteren Stadium nicht auch hilfreich sein könnten. Aber vielleicht erst dann, wenn es den Patienten besser geht.

Wie sieht das bei Problemen mit Essstörungen aus?
Da bin ich zwiegespalten. Gerade bei Essstörungen kann es passieren, dass in einer Gruppe ein Wettbewerb stattfindet, wer der oder die dünnste ist. Dann kippt das Ganze um.

Könnte man so eine Gruppe überhaupt als Selbsthilfegruppe bezeichnen?
Eigentlich nicht. Selbsthilfegruppen haben oft die Form von eingetragenen Vereinen, das heißt, dass sie eine bestimmte Struktur haben müssen. Natürlich kann es trotzdem passieren, dass sogenannte Selbsthilfegruppen sich zu etwas anderem entwickeln. Wenn eine Gruppe von Menschen zusammenkommt, in der alle das Gefühl haben, zu dick zu sein, wird es zwangsläufig Gespräche darüber geben, was man von den neuesten Diäten hält oder ähnliches. Ist das hilfreich? An diesen Punkten denke ich, ist die Begleitung durch einen Professionellen ratsam.

Betrachten Sie Selbsthilfegruppen als Konkurrenz zur klassischen Therapie?
Auf gar keinen Fall. Ich betrachte sie als eine Möglichkeit, wie sich Menschen selbst helfen können. Aber manchmal bedarf das Finden der richtigen Hilfestrategie einer professionellen Intervention. Da kann es also tatsächlich gut sein, den Kontakt zu einem Psychotherapeuten aufzubauen, auch wenn er nur unregelmäßig stattfindet.

Also in Kombination?
Ja, es gibt inzwischen sehr viel mehr Mischformen als früher, wo man die Dinge gerne fein säuberlich voneinander getrennt hat. Es gibt mittlerweile auch den großen Bereich der internetbasierten Psychotherapie. Eine der vielversprechendsten Formen ist die Kombination aus einem zwei- bis dreimaligem Treffen mit einem Psychotherapeuten und in der Zwischenzeit einer Behandlung durch ein Programm, das man individuell absolviert.

Wie läuft das ab?
Man führt Übungen durch. Im Bereich der Angststörungen zum Beispiel ist eine der erfolgreichsten Behandlungsformen die der sogenannten Exposition. Das bedeutet, dass man sich mit dem auseinandersetzt, wovor man Angst hat. Da macht dann das Programm auch nichts anderes als der Psychotherapeut. Der Patient wird langsam herangeführt an die angstauslösende Situation.

Bei einer Spinnenphobie wird man dann mit Bildern von Spinnen konfrontiert?
Genau. Das ist natürlich nur eine virtuelle Präsentation. Die Konfrontation mit einer echten Spinne muss dann in direktem Kontakt mit dem Therapeuten stattfinden.

Eine Selbsthilfegruppe kann nicht alles. Gerade bei fortschreitenden Erkrankungen, wie zum Beispiel Alzheimer.

Forschen Sie auch in diesem Bereich?
Wir entwickeln gerade ein internetbasiertes Programm, um Menschen mit sexuell unbefriedigenden Partnerschaften zu helfen oder mit sexuellen Dysfunktionen. Ich sage das jetzt, weil viele Menschen denken, Psychotherapie sei etwas sehr persönliches, das man keiner Maschine anvertrauen kann. Ich sage: Ganz im Gegenteil! Psychische Probleme, gerade im Bereich Sexualität, sind oft mit so viel Scham behaftet, dass eine persönliche Interaktion mit einem Therapeuten eine große Hemmschwelle darstellt.

Am Computer ist das einfacher?
Man sieht das ja an den sozialen Netzwerken, dass Menschen bereit sind, ihre intimsten Einzelheiten einer großen anonymen Masse mitzuteilen, aber nicht einer Person, der man gegenüber sitzt. Eine der erfolgreichsten Methoden scheint tatsächlich eine Mischform zu sein: Der persönliche Kontakt zu einem Therapeuten wird unterfüttert von einem – eventuell – internetbasiertem Programm.

Wie funktioniert das? Wie richten Sie Ihr Programm aus?
Unser spezifisches Programm hat die sogenannte Emotionsregulation zum Ziel. Wenn ich zu viel Angst, zu viel Wut, zu viel Trauer erfahre, ohne das auf ein Maß zu reduzieren, das mir guttut, wird das negative Konsequenzen auf mein Sexualleben haben. Sexualität ist integraler Bestandteil unseres Menschseins, aber sie ist hoch anfällig. Wenn ich emotional nicht gut drauf bin, klappt es mit dem Sex nicht.

Wo sind die Grenzen von Selbsthilfegruppen?
Eine Selbsthilfegruppe kann nicht alles. Gerade bei fortschreitenden Erkrankungen, wie zum Beispiel Alzheimer. Da hat man dann Leute in der Gruppe, denen es immer schlechter geht, das kann gut sein, kann aber auch das Gegenteil bewirken, weil man immer vor Augen hat, was einem selbst bevorsteht. Das kann sehr deprimierend sein und muss gemanagt werden.Viele Menschen scheuen sich davor, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Das ist vollkommen akzeptabel. Es gibt Menschen, die keinen Trost aus der Vergemeinschaftung ziehen würden, die ja gerade Bestandteil einer Selbsthilfegruppe ist. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Man kann natürlich hingehen, um zu gucken, ob es etwas für einen ist. Aber es kann auch sein, dass der Zeitpunkt gerade nicht der richtige ist.

Worauf sollte man achten?
Ich würde mir die Organisationsstruktur anschauen und auch, ob Kontakt zu professionellen Helfern besteht. Eine seriöse Informationsquelle sind natürlich Ärzte und Psychologen, die in der Regel Kontakte zu Selbsthilfegruppen haben. Oft gehört nach einer durchlaufenen Therapie der Besuch einer Selbsthilfegruppe ohnehin zum empfohlenen Gesamtkonzept. Und dann hingehen und ausprobieren.

Und mit Gruppen im Internet lieber vorsichtig sein?
Auf jeden Fall. Im Internet sind Informationen nicht reguliert, das wissen wir ja.

Fotos: Pixabay, Hervé Montaigu (Editpress)

Als Marie-Jeanne Schons Sohn vor 23 Jahren im Alter von 13 Jahren an Krebs starb, fanden sie und ihr Mann Hilfe bei den „Weesen Elteren“, einer Selbsthilfegruppe des Roten Kreuzes. Einmal im Monat treffen sich dort Eltern, die ein oder mehrere Kinder verloren haben. Die Gruppenabende finden in einem geschützten und vertraulichen Rahmen statt, geleitet werden sie von selbst Betroffenen. Auch von Marie-Jeanne Schon und ihrem Mann. Die Grundvoraussetzung für die Begleitung von Trauernden sei die eigene Betroffenheit, meint Schon. Auch wenn die Trauerbegleiterausbildung, die sie am Institut für Trauerarbeit in Hamburg absolviert hat, ihr in Bezug auf die Vorbereitung der Abende und der Interaktion innerhalb der Gruppe sehr geholfen hat, stellt sie fest, dass es für viele betroffene Eltern noch wichtiger sei, sich mit anderen betroffenen Eltern auszutauschen. Die gemeinsame Erfahrung, ein Kind verloren zu haben, schafft gegenseitiges Vertrauen und Verständnis. Zudem könnten Eltern in der Gruppe Dinge ansprechen, die sie in anderen Kontexten eher für sich behalten. Natürlich gäbe es Eltern, die sich zusätzlich zu ihrem eigenen Leid, nicht auch mit dem Leid anderer auseinandersetzen können. Für die sei eine Selbsthilfegruppe nicht geeignet. Sie selbst bräuchte die Gruppe nicht mehr, betont sie. „Wir kommen, weil wir vor langer Zeit dort selbst Hilfe erfahren haben, und wir wollen frisch betroffenen Eltern dieselbe Hilfe anbieten.“

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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