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Hart am Anschlag

Motocross gilt als rauer Sport für harte Männer – und Frauen. Seit Jahren ist Björn Frank hierzulande der schnellste Fahrer auf groben Stollen.

Fotos: Chrëscht Beneké

In Düdelingen steigt auch unter den Hunderten Zuschauern die Anspannung. 24 Motocrosser der Prestigeklasse stehen Ellbogen an Ellbogen aufgereiht. Die Motoren drehen hoch, alle Augen sind auf das metallene Startgatter gerichtet, das die PS-starken Einzylinder an der Startlinie fest hält. Es fällt. Die Motoren heulen los. Gras- und Erdklumpen spritzen weg. „Ich habe den Start am Gatter verkackt“, presst Björn Frank selbstkritisch hervor.

Er jagt seine dumpf ballernde 450er Honda CRF den Ersten hinterher. Der Gasgriff steht durchweg auf Anschlag. Bei voller Last zieht er den Kupplungshebel kurz an, der Motor heult auf. Er reißt mit dem Stiefel den nächsten Gang ins Getriebe. Sein rund 110 Kilogramm leichter und 55 PS-starker Viertakter schießt auf die erste, enge Kurve zu. „Ich bremse einfach später als die anderen“, grinst er nach dem kurzen Lauf verschmitzt. Der erfahrene 30-Jährige presst sich innen am gesamten Feld vorbei und geht als Erster auf die mit profanem Flatterband abgesteckte Runde im Steinbruch Cloos nahe Düdelingen.

Erfrischend rustikal, dreckig und ehrlich

Der Start ist die entscheidende Phase im Motocross, adrenalinreicher Auftakt zu einem rauen, schmutzigen und nicht ganz ungefährlichen Motorsportspektakel mit meterhohen, teils 30 Meter weiten Sprüngen, gewaltigen Drifts und atemberaubenden Überholmanövern. Mit dem Belgier William Devillet liefert sich Björn Frank rund 20 Minuten ein enges Duell, ständig wechselt die Führung. „Das hat richtig Spaß gemacht“, erklärt er und fügt hinzu: „International hätte ich nach diesem Start aber nichts mehr zu Melden und müsste mich hinten einreihen.“

img_4046Es liegen Welten zwischen den großen internationalen Wettkämpfen und dem familiären Wiesenspektakel in Düdelingen. Das weiß Björn Frank nur zu gut: Er sitzt bereits mit vier Jahren das erste Mal auf einem Motocrosser und tritt ganz natürlich in die Fußstapfen des Vaters und des älteren Bruders. Als dieser sich auf einer 85er das Bein bricht, schiesst er vorbei und lässt sich von Yves nie wieder einholen. „Er denkt schon immer zu viel nach“, urteilt Björn Frank. „Ich beginne erst jetzt, mehr mit dem Kopf zu fahren.“ Früher biss er sich oft unter Schmerzen durch, ließ sich auch von heftigeren Stürzen kaum aufhalten. Als der 17-jährige Nachwuchsfahrer zwei Jahre lang unter professionellen Bedingungen den Sprung in den Profibereich versuchte, bremsten allerdings Verletzungen die Karriere aus. Kreuzbänder, langwierige Probleme mit ausgekugelten Schultern, komprimierte Wirbel, gebrochene Rippen, aus dem Sattelgelenk gerissener Daumen, die Liste seiner Verletzungen in 26 Jahren Motorradsport ist lang.

Am vorigen Wochenende liess er es jedoch vorsichtiger angehen: „Ich wollte sauber ins Ziel kommen. Da hat man auf ein Mal Respekt und es macht keinen Sinn, sich neben den dreifachen Weltmeister zu stellen und voll in die erste Kurve zu halten.“ Zwar trainiert er fünf bis sechsmal pro Woche Kraft und Ausdauer, doch auch als ambitionierter Hobbysportler hat er gegen die besten Profis beim traditionsreichen Motorcross der Nationen nichts zu melden. Deren Maschinen sind fünfzehn Kilogramm leichter, die Motoren ein Dutzend PS stärker, die Federungen feinfühliger und ja, die Fahrer auch noch einmal eine ganze Klasse besser. Die drei luxemburgischen Fahrer sind mittendrin, doch stellen sie sich schon beim Start außen auf und halten sich im italienischen Maggiora aus den Gröbsten raus. Sie sind mit Platz 33 von 37 Open-Fahrern für Björn, 36 von 38 der Klasse MX2 für Yves Frank und 31 von 36 der MX GP für Eric Tabouraing in den Qualifikationsläufen zufrieden. Auch wenn es nicht fürs sonntägliche Showdown der Besten reicht.

opm-img_4100Für Eric Tabouraing war es der zweite Nationen-Grand Prix: „Es war wunderschön, eine tolle Stimmung mit Tausenden Zuschauern.“ Er verrät: „Man kann den Start mitfahren, aber kommt eh nicht hinterher. Ich versuche nicht nachzudenken, stur geradeaus zu schauen und die Zehntausenden Zuschauer auszublenden.“ Bei den drei nationalen Läufen und im ADAC-Südwestcup, der voll zur luxemburgischen Meisterschaft zählt, fährt er jedoch vorne mit. Allerdings mit Respektabstand zu Björn Frank: „Er ist einfach überall schneller, nimmt mir je nach Strecke zwischen drei und fünf Sekunden pro Runde ab.“ Der Metallgießer aus der Province de Luxembourg ist nicht nur hierzulande eine Klasse für sich; Björn Frank sichert sich 2016 mit konstanten Podiumsplatzierungen und etlichen Laufsiegen auch den Meistertitel im deutschen Südwestcup.

img_4163Statt mit „Broken Bone“ Frank behackt sich Eric „Long Leg“ Tabouraing so im ersten Lauf lieber mit Altmeister Dany „Bushido“ Casoli. Obwohl, oder gerade weil er im harten Zweikampf zu Boden geht, geht das Duell gegen Casoli mit dessen furchterregenden, dunklen Vollbart zwischen den Läufen weiter. Die ebenso derben wie freundschaftlichen Sprüche verraten viel über die Atmosphäre beim luxemburgischen Cross: Man ist eine Familie mit einer großen gemeinsamen Leidenschaft, die mit lauten Motoren und dem Duft von verbranntem Zweitaktöl wie aus der Zeit gefallen wirkt. Vor knapp 90 Jahren fand in Düdelingen das erste luxemburgische Motorcross-Rennen statt, ältere Semester erinnern sich noch mit Begeisterung an die Hochphase des Sports in den Sechziger- und Siebzigerjahren vor Zehntausenden Zuschauern in Warken. Bis zur Jahrtausendwende gab es hierzulande ziemlich regelmäßig Weltmeisterschaftsläufe. Der Sport hat sich seither international ziemlich gewandelt, und für die WM bedarf es heutzutage aufwändiger Infrastruktur mit einem edlen VIP-Bereich. In Zeiten sanfter Mobilität passt das benzingeschwängerte Spektakel jedoch nicht mehr so recht ins Großherzogtum.

„Ich bremse einfach später.“ Björn Frank

opm_-img_4063In Düdelingen verkauft die gut 80 Jahre alte Motor Union Schifflingen die Tickets für Pommes, Mettwurst und Bier aus einem ausrangierten alten Wohnwagen. Zwar ist die Zeitnahme professionell, doch die weitere Atmosphäre ist erfrischend rustikal, dreckig und ehrlich. Die hautnah an der Strecke stehenden Zuschauer spotten jedes moderne Sicherheitskonzept unserer heutigen Vollkaskozeit Lügen. Der grimmige „Bushido“ Casoli ist dabei die gute Seele des luxemburgischen Cross: „Ich wurde in diesen Sport geboren, er macht einfach Spaß. Auch wenn ich nicht genau weiß warum, ein Leben ohne Cross kann ich mir einfach nicht vorstellen.“ Für die Siegerehrung übernimmt er das Mikrofon, sein Verein TC Motorsport Promotion ist an der Organisation der drei nationalen Rennen beteiligt und voriges Wochenende verzichtete er in Bockholtz für den notwendigen Job als Renndirektor sogar auf einen eigenen Start. Motorcross kennt heutzutage einen schweren Stand, das Umweltministerium hat zum Schutz eines seltenen Vogels den fast ganzjährigen Betrieb der einzigen nationalen Strecke in Bockholtz auf zweieinhalb Monate am Ende der Saison eingedampft und so freut sich der Familienvater, dass eine sympathische Truppe mit portugiesischem Migrationshintergrund frischen Wind und ihren obligatorischen Grill mit ins Fahrerlager bringt.

img_4168Obwohl für Björn Frank die luxemburgischen Rennen bessere Trainingsläufe sind, geht er das Rennen im eingespielten Team von einem Dutzend Personen und eigenem Mechaniker dagegen überaus konzentriert an und er ist nach dem zweiten Lauf auf 180. In der letzten Runde passt ein Überrundeter nicht auf, fährt ihm ins Vorderrad und er wird nach Sturz nur Dritter. Er beruhigt sich jedoch schnell: „Ich will immer mein Bestes geben“, erklärt der mit einem Sieg im ersten Lauf alte und neue luxemburgische Meister. Bis 35 Jahre will er noch fahren, nächste Saison noch einmal schneller werden und anschließend sein Können und seine Erfahrung an Fahrer der nächsten Generation und warum nicht den eigenen, anderthalbjährigen Sohn weiter geben.

Im Team unschlagbar: Yves Frank, die Mechaniker Thibeault Theisen und Sven Kohnen, Team Manager Michel Ury, Vater und Chefmechaniker Eddy, sowie Björn Frank fahren gut miteinander.

Im Team unschlagbar: Yves Frank, die Mechaniker Thibeault Theisen und Sven Kohnen, Team Manager Michel Ury, Vater und Chefmechaniker Eddy, sowie Björn Frank fahren gut miteinander.

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

Philippe Reuter

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