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Hass im Tee des Propheten

MV5BMTIwNzE5ODgzOF5BMl5BanBnXkFtZTYwNDkyMzE5._V1__SX1060_SY1174_1985: Der in Algerien geborene Schriftsteller und Regisseur Mehdi Charef stellt in Cannes seinen ersten Film „Le Thé au Harem d’Archimède“ (Tee im Harem des Archimedes) vor. Der Streifen beschreibt die tiefen Gräben in der französischen Gesellschaft. Es gibt erste Anzeichen einer „Parallelgesellschaft“. Die Banlieues haben ihre eigenen Regeln. „Tee im Harem des Archimedes“ zeigt aber auch, dass die Spaltung nicht ethnisch, sondern sozial bedingt ist. Die gesellschaftliche Realität ist nicht einfach nur schwarz-weiß, sondern heterogen und multikulturell. Der Einwandererjunge Madjid beherrscht das Französische besser als sein Kumpel, der Analphabet Pat. Der Filmtitel spielt auf eine Verwechslung im Schulunterricht an, in dem ein Schüler das Theorem des Archimedes erklären soll. Aus dem Theorem wird „Tee im Harem“. In einer Banlieue von Lyon lese ich am Eingang eines Sportplatzes die Worte „Interdit aux chiens et aux arabes!“

191584711995: Der Schwarz-Weiß-Film „Haine“ von Mathieu Kassovitz, der wie „Le Thé au Harem d’Archimède“ das trostlose Leben in den Banlieues schildert, beginnt mit den Worten: „Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock eines Hochhauses fällt. Während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher ging alles gut, bis hierher ging alles gut, …‘ Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung.“ Wieder wird von einer Freundschaft erzählt – zwischen dem Nordafrikaner Saïd, dem Juden Vinz und dem Schwarzafrikaner Hubert. Unterdessen beherrschen Krawalle zwischen Einwohnern ihres Viertels und der Polizei die Fernsehnachrichten. Ein Junge aus dem Viertel wurde schwer verletzt und liegt im Koma. Während die drei Freunde durch die Pariser Innenstadt ziehen, erliegt der Junge seinen Verletzungen. Am Ende wird Vinz durch eine Polizeikugel getötet. Der Polizist richtet die Waffe auch auf Hubert. Ein zweiter Schuss fällt. Wer getroffen wird, erfährt man nicht. Aber man spürt, dass in den Banlieues eine soziale Zeitbombe tickt. Der Film bezieht sich auf wahre Begebenheiten.

Tausende Autos, zahlreiche Geschäfte und öffentliche Einrichtungen gehen in Flammen auf.

2005: Ende Oktober kommt es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Jugendlichen meist maghrebinischer Herkunft und der Polizei in dem Pariser Vorort Clichy-sur-Bois, nachdem zwei Jugendliche auf der Flucht vor Polizisten ums Leben gekommen sind. Die Ausschreitungen weiten sich auf die Banlieues anderer französischer Städte aus. Die Krawalle entwickeln sich zu einem Flächenbrand der Gewalt. Der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy gießt mit seinen Law-and-Order-Parolen Öl ins Feuer und bezeichnet die Jugendlichen als „racaille“, als „Gesindel“ und „Abschaum“, den man „wegkärchern“ muss. Tausende Autos, zahlreiche Geschäfte und öffentliche Einrichtungen gehen in Flammen auf. Die Regierung verhängt den Ausnahmezustand, verbunden mit Ausgangssperren, und setzt die Armee ein – bis die Unruhen beendet sind.

13. November 2015: Bei den Terroranschlägen von Paris sterben 130 Menschen, etwa 350 werden verletzt. Die Attentäter stammen größtenteils aus den Banlieues. Der Philosoph und Soziologe Geoffroy Lagasnerie vertritt die These, dass der Terror in der französischen Hauptstadt eine Fortsetzung der Krawalle von 2005 sei – und die Folge einer gescheiterten Politik in den Bereichen Integration und Urbanismus, die ganze Bevölkerungsteile ausgegrenzt hat, von hoher Arbeitslosigkeit und einem extrem selektierenden Bildungssystem. Aber auch die Justiz habe versagt, behauptet Lagasnerie. Sie habe dafür gesorgt, dass die Gefängnisse, die meisten in einem erbärmlichen Zustand, voller Muslime sind. Einige Jugendliche werden im Knast von Hasspredigern radikalisiert, andere durch islamistische Foren im Internet, mit denen Kämpfer für den Islamischen Staat rekrutiert werden. Dem Propheten scheint man Hass in den Tee geschüttet zu haben. Die alte Ordnung, der Staat, erscheint machtlos – die Politik hat versagt. Lange Zeit ging alles gut, lange Zeit ging alles mehr oder weniger gut, lange Zeit lief alles ziemlich schlecht. Doch entscheidend ist nicht der Fall, sondern die Landung. War das schon die Landung?

Titelbild: 1995 Gramercy Pictures

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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