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Hauptsache gesund

Vitamine gehören zu den Stars unserer Ernährung. Sie sind unverzichtbar für unseren Körper, weil sie fit und gesund halten. Doch auch für sie gilt eine Obergrenze, denn zu viele Vitamine können Schäden anrichten, wie diverse Studien beweisen.

Skorbut ist eine Krankheit, die es bereits im alten Rom gab. Sie äußert sich durch Müdigkeit und Zahnfleischbluten, schlechte Wundheilung und Gelenkentzündungen, Hautprobleme und Durchfall, Muskelschwund und hohes Fieber. In schweren Fällen kann Skorbut zum Tod durch Herzversagen führen. Im Laufe der Jahrhunderte sind der Krankheit zahlreiche Menschen erlegen. Und viele Ärzte meinten, Skorbut sei eine Infektionskrankheit, übertragen durch Bakterien, man könne nicht viel dagegen tun.

Dabei hätte man sehr viel tun können, zum Beispiel Obst und Gemüse essen, vor allem Zitrusfrüchte und alle Sorten von Kohl. Oder Spinat, Petersilie und schwarze Johannisbeere. Steckt alles voller Vitamin C. Doch den Zusammenhang zwischen dem auch als Ascorbinsäure bekannten Vitamin und den beschriebenen Symptomen entdeckten Forscher erst zu Beginn der 1930er Jahre. Zwar hatte schon Mitte des 18. Jahrhunderts ein englischer Schiffsarzt festgestellt, dass Zitrusfrüchte gegen Skorbut helfen, doch schrieb er die Wirkung eher der Säure zu. Weshalb er nach alternativen Säuren suchte, die leider wirkungslos blieben. Von Vitaminen wusste er damals noch nichts.

Die Entdeckung von Vitaminmangel als Auslöser von Krankheiten war ein Meilenstein in der Medizin.

Die Entdeckung von Vitaminmangel als Auslöser von Krankheiten war ein Meilenstein in der Medizin. Skorbut ist heutzutage kaum noch ein Thema, vor allem nicht in unseren Breitengraden. Genauso wenig wie Rachitis oder einige Arten der Anämie. Auch sie gelten als Vitaminmangelkrankheiten und sind dementsprechend behandelbar. Am besten ist es natürlich, man beugt ihnen gleich vor: mit der richtigen vitaminreichen Ernährung. Große Mengen sind dafür nicht nötig. Rund 100 Milligramm Vitamin C decken den Tagesbedarf eines Erwachsenen völlig ab, Kinder brauchen je nach Alter und Größe weniger. Ein Glas Orangensaft oder eine halbe rote Paprika reichen bereits aus.

Und wer mehr davon zu sich nimmt? Kein Problem, ein Zuviel an Vitaminen gibt es nicht, jedenfalls nicht an denen, die man mit der Nahrung aufnimmt. Anders sieht es mit Vitaminpräparaten aus, die es in Form von Tabletten, Brausetabs oder Pulver in Apotheken oder im Lebensmittelhandel zu kaufen gibt. Durch sie kann es zu Überdosierungen kommen, die zum Teil fatale Folgen haben können.

Knapp 50 Jahre ist es her, dass die ersten synthetischen Vitaminpräparate auf den Markt kamen. Seitdem haben ganze Generationen regelmäßig ihre Pillen eingenommen, um so gesund wie möglich zu bleiben. Vitamine wurden zum Medikamentenersatz, nur dass sie keine Krankheiten kurieren, sondern vor ihnen schützen sollten. Zum Beispiel Vitamin C: Ihm wurde nachgesagt, dass eine regelmäßige Megadosierung über die empfohlene Tagesmenge hinaus vor Erkältungskrankheiten schützt, Belege dafür gab es jedoch nie. In Studien konnte zwar nachgewiesen werden, dass Vitamin C zur Linderung einer bestehenden Erkältung beiträgt, aber völlig verhindern kann es sie nicht.

Prinzipiell raten Ärzte und Wissenschaftler von Vitaminpräparaten ab.

Bei Beta-Carotin, einer Vorstufe von Vitamin A, weshalb es auch als Provitamin A bezeichnet wird, wurde beobachtet, dass es das Risiko für Darm- und Lungenkrebs senkt. In mehreren Studien stellte sich allerdings heraus, dass dies nur auf Nichtraucher zutrifft. Bei Rauchern hingegen tritt die gegenteilige Wirkung ein: Beta-Carotin erhöht das Risiko für Krebs, warum, weiß die Wissenschaft nicht. Doch alle Studien mussten vorzeitig abgebrochen werden, um die Gesundheit der teilnehmenden Raucher nicht zusätzlich zu gefährden.

Es gibt zwei Arten von Vitaminen: die wasserlöslichen und die fettlöslichen. Vitamine A, D, E und K gelten als fettlöslich, sie brauchen also Fett, um vom Körper aufgenommen zu werden. Das besondere an fettlöslichen Vitaminen ist, dass der Mensch sie speichern kann, um sie im Bedarfsfall vorrätig zu haben. Zu viele Reserven können jedoch nachweislich schaden. Es kommt zu Verkalkungen der Gefäße, schweren Vergiftungserscheinungen, Erbrechen, Kopfschmerzen und Übelkeit. Zudem können sie Schlaganfälle und Herzinfarkte begünstigen sowie das Risiko für Tumore erhöhen. Zu viel Vitamin A kann zu Osteoporose führen und damit die Anfälligkeit für Knochenbrüche signifikant erhöhen.

Lange ging die Forschung davon aus, dass es ein Zuviel an wasserlöslichen Vitaminen (die Vitamine B und C) hingegen gar nicht gibt. Es galt: Wer zu viele intus hat, scheidet sie einfach über den Urin wieder aus. Doch so ganz scheint das nicht zuzutreffen, wie eine aktuelle Studie vermuten lässt. Sie beweist nämlich, dass auch Vitamin B12 das Risiko für Lungenkrebs erhöht. Was zwar nicht weiter besorgniserregend ist, weil dafür große Mengen nötig sind, aber trotzdem einen weiteren Hinweis dafür liefert, dass man es nicht übertreiben sollte mit der Zufuhr an Vitaminpräparaten.

Prinzipiell raten Ärzte und Wissenschaftler von Vitaminen als Nahrungsergänzungsmittel aus zweierlei Gründen ab: Einerseits wegen der zahlreichen und nicht einschätzbaren Nebenwirkungen, andererseits wegen der Substanzen an sich. Synthetisch hergestellte Vitamine mögen vielleicht eine hohe Dosis an Vitaminen mit sich bringen, beinhalten dafür aber keine anderen Nährstoffe. Wer also seinen täglichen Vitaminbedarf decken will, sollte auf natürliche Lebensmittel zurückgreifen. In ihnen stecken viele lebenswichtige und gesundheitsfördernde Stoffe, nicht nur Vitamine. Und die empfohlenen Tagesrationen für Vitamine sind so gering, dass sie bei ausgewogener Ernährung ohne Probleme erreicht werden. Wer hingegen einen ungesunden Lebensstil mit viel Alkohol, Zigaretten und wenig Bewegung durch synthetische Vitamine wettzumachen versucht, läuft in Gefahr, sein Risiko für lebensbedrohliche Krankheiten stattdessen zu erhöhen.

Auf Vitaminpräparate sollte nur zurückgreifen, wer einen vom Arzt festgestellten Mangel aufweist, dieser ist durch ein Blutbild zu ermitteln. Vor allem Babys, Kleinkindern und älteren Menschen werden regelmäßig Vitamine verschrieben. Den einen, weil ihr Organismus noch zu klein ist, um ausreichende Mengen an Vitamin D und K zu speichern, den anderen, weil sie mit zunehmendem Alter oft die Tendenz haben, weniger zu essen. Und wer weniger isst, nimmt auch weniger Vitamine zu sich. Für alle anderen gilt sich gesund und ausgewogen zu ernähren und sich das Geld für teure Vitaminpräparate für sinnvollere Dinge aufzuheben.

Fotos: Pixabay

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Martine Decker

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