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Heldenepos

Jeder kennt das Foto des weinenden Josy Barthel auf dem Siegertreppchen im Olympiastadion in Helsinki. Trotzdem ist es immer wieder spannend, die Geschichte des über Nacht weltberühmt gewordenen Mittelstrecken-läufers nachzulesen. Das dachte sich wohl auch Pierre Gricius.

Fotos: Editions Saint-Paul, Archiv Sportministerium

Als Josy Barthel bei den Olympischen Sommerspielen 1952 den 1500-Meter-Endlauf gewann, war Pierre Gricius fünf Jahre alt, doch er kann sich noch gut an den Moment erinnern, als sein Vater die Nachricht im Radio hörte. Zwölf Jahre später, bei der Preisverleihung der „Route du Vin“, bekam der junge Läufer und heutige Sportjournalist seine Silbermedaille von dem damaligen Vorsitzenden des Leichtathletikverbandes überreicht. Jetzt hat er eine Biografie über den Ausnahmeathleten geschrieben, der ihm nicht nur in sportlicher Hinsicht ein Vorbild gewesen ist, sondern auch als Mensch und Politiker.

Das Werk ist keine literarische Meisterleistung. Eher eine gewissenhaft recherchierte Zusammenfassung der wichtigsten Momente im Leben des Mannes, der sein erstes dokumentiertes Rennen im Februar 1943 lief und während seiner gesamten Karriere sorgfältig Buch führte über seine Trainingseinheiten und die gelaufenen Zeiten. Und so findet man auch in Pierre Gricius‘ Sport- und Lebensgeschichte des wohl bekanntesten Luxemburger Athleten viele Namen und noch mehr Kilometerangaben. Dazwischen höchst aufschlussreiche Auszüge aus Artikel, die Josy Barthels Werdegang vom Nachwuchsspieler des FC Mamer 32 zum Minister in der Regierung von Gaston Thorn begleitet haben.

Vieles ist zwar bekannt, aber manches mag doch überraschen. Dass der aus Meißen stammende Trainer Woldemar Gerschler das so genannte Intervalltraining zuerst an Rudolf Harbig und dann an Josy Barthel entwickelte, habe ich jedenfalls nicht gewusst. Kurze Erklärung für Nicht-Spezialisten: Diese Art Training besteht aus Wiederholungsläufen, bei denen die Belastung des Pulses 180 Schläge pro Minute erreichen und sich in den Pausen bei 120 Schlägen einpendeln soll. Vor Wettkämpfen wird diese Zahl der Wiederholungen verringert, die Intensität jedoch gesteigert. 1952 waren Gerschler und Barthel so sehr davon überzeugt, dass ihr Trainingsprogramm Früchte tragen würde, dass darauf verzichtet wurde, die Norm zu laufen. Kein Wunder demnach, dass der Spora-Athlet zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Liste der Favoriten für Helsinki zu finden war.

Bei den Olympischen Spielen in der finnischen Hauptstadt gab es beim 1500 Meter-Lauf übrigens eine Premiere. Erstmals wurde der Olympia-Sieger nach drei Runden ermittelt: den Serien, dem Halbfinale und dem Endlauf. Josy Barthel gewann alle drei Rennen, und die ganze Welt verneigte sich vor dem krassen Außenseiter mit dem gelichteten Haupthaar, der bei der Siegerehrung wie ein kleiner Junge weinte. Und während Zehntausende Menschen den Medaillenträger bei seiner Rückkehr bejubelten, ging Woldemar Gerschler (ebenfalls eine sehr interessante Figur) als „Verräter“ an der deutschen Mannschaft in die Sportgeschichte ein. Die beiden Männer verloren sich anschließend aus den Augen. Um 2006 in einem Artikel des Journalisten Erik Eggers in dem Berliner „Tagesspiegel“ wieder aufzutauchen. Der Luxemburger Mittelstreckenläufer soll 1952 gedopt gewesen sein. Von „Panzerschokolade“ ist die Rede sowie davon, dass die Mannschaftsbetreuer mehrerer Länder mit geheimnisvollen Mittelchen angereist waren. Es blieb allerdings bei Spekulationen und Unterstellungen. Der Verdacht des Dopings wurde nie bestätigt.

„Wie Nicolas Frantz vor ihm und Charly Gaul in den 1950er Jahren war Josy Barthel ein harter Arbeiter des Sports.“ Pierre Gricius

Folglich bleibt Josy Barthel der Sportler, den Pierre Gricius in Erinnerung hat. Ein Mann, dem Mittelmaß und Mittelmäßigkeit stets ein Gräuel waren. Ein Familienmensch. Ein Perfektionist mit einem Hang zum Pädagogischen. Ein Wasserschutzkommissar im Staatslabor und ein Minister für Transport, Energie und Tourismus, dem vor allem die Gesunderhaltung des Stausees am Herzen lag. Neben seinem Olympia-Sieg ist das Engagement des Ausnahmesportlers als Präsident des Leichtathletikverbandes sein größter Verdienst. Josy Barthel rief die „Route du Vin“ ins Leben, baute solide Strukturen innerhalb der FLA auf, schuf Leistungsklassen mit festen Kriterien, aufgrund derer die Athleten unterstützt wurden, organisierte Lehrgänge für Trainer und offizielle Mitglieder des Verbands und sorgte dafür, dass die seit 1948 fast von der Bildfläche verschwundene Frauen-Leichtathletik wieder begeisterte.

Es gab aber auch weniger erfreuliche Momente im Leben des Mittelstreckenläufers. Nach Helsinki fühlte sich Josy Barthel ziemlich allein gelassen. Mitunter zweifelte er daran, ob die Schinderei sich überhaupt lohne. In einem „Revue“-Interview vom 17. November 1956 sprach er ungehalten und verbittert über das Fehlen jeder Unterstützung seitens des Leichtathletikverbandes. „Es sei höchste Zeit, dass in dieser Hinsicht etwas unternommen wird.“ Diese Kritik brachte das Fass zum Überlaufen. Sechs Jahre später wurden endlich Reformen eingeleitet – dank Josy Barthel und seinem Mitstreiter Gérard Rasquin.

Josy Barthel nahm seine Goldmedaille aus den Händen von Erbgroßherzog Jean entgegen.

In seinem Heimatort Mamer sind eine Straße und ein Lyzeum nach ihm benannt. Das Stadion, die Maison des Sports in Strassen und eine Stiftung trägt seinen Namen. Doch auch ohne diese Ehrungen wird der vor 25 Jahren verstorbene Josy Barthel – wie Pierre Gricius festhält – ein einzigartiger Held in der nationalen Sportgeschichte bleiben.

Erschienen bei den Editions Saint-Paul, broschiert, 136 Seiten, zahlreiche Illustrationen,
19 Euro, ISBN: 978-99959-2-021-0.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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