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Hinter dem Garagentor

Wenn sich Kunstschaffende verschiedener Zeiten und Orte in der Gegenwart auf Wänden treffen, sind die „borderlovers“ nicht fern. Eine Begegnung mit Pedro Amaral, einem Teil des Künstlerduos, der hinter einem Garagentor erscheint und in seiner Gedankenwelt verschwindet.

Eine Hälfte der Haustür ist verglast. Mit den Händen an den Schläfen und plattgedrückter Nase an der Scheibe, erspäht man im Inneren eine Schaufensterpuppe im orangefarbenen Astronautenkostüm. Starr, mit leblosen Augen und Kunsthaar-Schnurrbart, unfähig, dem mehrfachen Türklingeln ein Ende zu setzten. Nur das laute Klopfen an das Garagentor der Bonneweger-Stadtvilla verhilft nach zwanzigminütiger Klingelsymphonie zu einem heiseren „Hallo?“.

Unter dem geräuschvoll schabenden Blech, kommt Pedro Amaral in blauer Trainingsjacke aus Ballonseide hervor. Er hat die Klingel nicht gehört, entschuldigt sich. Ivo Bassanti, der zweite Kopf der „borderlovers“, schläft. Das verrät Pedro kommentarlos, ohne ihn zum Interview zu wecken.

Das Atelier der privaten Künstlerresidenz „Canopée“ befindet sich in der Garage, im Kellergeschoss. Die Wände sind mit Stoff abgehängt. Auf dem Boden liegt Serge Tonnar – ein Porträt von ihm. Es riecht nach Farbe und abgestandenem Alkohol. Der leise surrende Projektor wirft ein Bild von Anise Koltz an die hinterste Wand. In seinem Lichtkegel tanzen Staubfusel.

Pedro läuft hinaus auf die kleine Terrasse, vorbei an Waschmaschine und Krimskrams, schüttet sich ein Glas Wein ein. Tracy Chapman lächelt ihn an. Ivos Porträt der Musikerin hängt zum Trocknen draußen. Die poppigen Farben und prominenten Gesichter auf Papier sind das Markenzeichen des portugiesischen Duos, das vom 10. bis zum 15. Juni Farbtupfer in Luxemburg-Stadt und nahem Umkreis hinterließ.

Nationale Persönlichkeiten ermöglichen es, eine ganze Kultur zu feiern. Pedro Amaral

„Nationale Persönlichkeiten ermöglichen es“, Pedro nippt an einem Glas, „eine ganze Kultur zu feiern.“ Er nuschelt, spricht undeutliches Englisch. „Wir überlegen im Vorfeld, welche Persönlichkeiten wir abbilden und sprechen vor Ort mit den Ansässigen. Darüber, wen sie für geeignet halten.“ Schon 2017 setzten sie in Paris, unter dem Titel „La Rue“ und „Cartes de Visite“, portugiesische, nationale und internationale Berühmtheiten bildnerisch in Dialog.

Ihre Arbeiten zelebrieren den Kulturaustausch. Sie sind ein Zeichen der Verbundenheit, die Künste schaffen. Wichtige Erinnerung, wenn die breite Masse Luxemburgs, glaubt man einer rezenten Tageblatt-Umfrage, eine Erhöhung des Kulturbudgets als unnötig empfindet. In Luxemburg kam die Zusammenarbeit durch das hiesige und das Pariser Kulturzentrum Camões sowie durch Ottima ArtWorks und die Stadt Luxemburg zustande.

Die auserwählten Persönlichkeiten (siehe Kasten) bestimmten die „borderlovers“ selbst. Nach Vorliebe, nach Gefühl. „Die Texte von Anise Koltz haben mich tief beeindruckt. Ihre Arbeit ist ein Lebenswerk. Es berührt mich, spirituell.“ Pedro verschränkt die Arme hinter dem Rücken, blickt hoch aufs Überdach. „Ja, es ist ein spirituelles Ding.“ Der Regen klatscht leise Applaus, dem Künstler missfällt er. Eigentlich hatten sie geplant, schon am Vortag Bilder an die Stadtwände zu kleben, doch dafür waren diese zu nass. Das Klebeband, mit dem sie die Werke befestigen, wäre bei dem Dauerregen nicht haften geblieben.

„Gestern Abend waren wir mit Serge Tonnar unterwegs.“ Zigarettenrauch umspielt Pedros kahlen Kopf. „Wenn die Porträtierten noch leben, treffen wir uns mit ihnen.“ Er beugt sich rauchend vor, mit zuckenden Mundwinkeln. „Manchmal ist das nicht möglich, vor allem nicht, mit den Toten.“ Gemeinsames Auflachen. „Es war wirklich toll mit Serge. Er war nur enttäuscht, dass wir das Poster nicht anbringen konnten.“ In den darauffolgenden Tagen wurde es trockener. Die Werke klebten pünktlich zum 15. Juni.

Sie können leicht abgezogen werden, sind somit der Witterung und dem Wohlwollen der Stadtmenschen ausgesetzt. Daran stört sich Pedro nicht: „Das Projekt ist für die Straße gedacht.“ Er hebt die schmalen Schultern an. „Was bis September übrig bleibt, arbeiten wir in ein Gesamtwerk ein, für eine Ausstellung im geschlossenen Raum.“

Pedro, der nur links einen Ohrring trägt, schweift ab, lässt den roten Gesprächsfaden immer wieder mit einem konfusen „okay“ fallen, um den Gedanken über den Sinn und Zweck von Kunst bloß kurz zu umreißen. „Kunst ist alles. Sie kann die Augen nicht vorm Weltgeschehen verschließen“, betont er. „Mir ist viel daran gelegen, mit Kunst eine positive Message zu vermitteln und den Dialog zwischen Menschen und Kulturen voranzutreiben. Aber sie muss gar nichts. Sie ist opportunistisch.“

Er reibt sich die Augen und gesteht, er habe die letzten Tage kaum geschlafen. Die Künstler feilen während der Residenz in Luxemburg täglich rund 16 Stunden an ihren Werken. „Was stecken die Kunstschaffenden in ihre Kunst? Ist sie authentisch? Wenn sie ihre Kunst als politische Kunst konzipieren und empfinden, dann ist sie das“, überlegt er laut und ein wenig zusammenhanglos. „Wenn es ein forcierter Akt ist, dann ist die Kunst unwahr.“

Kunst ist alles. Sie kann die Augen nicht vorm Weltgeschehen verschließen. Aber sie muss gar nichts. Sie ist opportunistisch. Pedro Amaral

Wie der tief schlummernde Bassanti dazu steht, will Pedro nicht beantworten. Auch nicht, ob Straßenkunst für ihn selbst als Gegenwartskunst gilt, und ebenso wenig, inwiefern ihr ein Platz in Museen für moderne Kunst gebührt. Er schüttelt den Kopf und schlägt die Beine übereinander. Darüber will er nicht urteilen, darüber will er nicht reden. Vielleicht, weil er Kunst als natürliches, menschliches Handeln begreift und sich sträubt, sie in eine der vielen Schubladen der Pauschalitäten zu stopfen.

Und so sind auch die Arbeiten der „borderlovers“ schwer einzuordnen. Mal zeigen sie Menschen, mal materielle Wahrzeichen oder Poesie, getunkt in monotones Schwarzweiß oder hell leuchtende Buntfarben. Es hat was von Warhol; auch einen Hauch von Urban Art. Gleichzeitig spielen Bassanti und Amaral mit Collage und Decollage; zeichnen nicht immer detailgetreu. Eine wirre Kombination, die sich in Pedros losen Gedankensprüngen und Wortfetzen wiederfindet.

Er schlurft zwischen den Farbtöpfen zurück ins Atelier, wo er nach einem kurzen Wortwechsel über das grüne Luxemburg um Ruhe bittet. Eine abrupte Verabschiedung, die das Gespräch verstummen lässt. In etwa so, wie die Farbe langsam von Koltz Locken rinnt und als einsamer Tropfen verhärtet, lange bevor sie den Boden berührt.

Fotos: Philippe Reuter (3), Mady Lutgen (1), Tessy Fritz (1)

An der Wand
In Luxemburg stellen „borderlovers“ Serge Tonnar und Sérgio Godinho (rue Notre Dame), Anise Koltz und Sophia De Mello Breyner (Nationalbibliothek), Almada Negreiros und Joseph Kutter (Fischmarkt), Pedro Costa und Pol Cruchten (Monté de Clausen) einander gegenüber. Im „Grund“, am Ausgang des Aufzuges, schmücken unter anderem Claus Cito und die „Gëlle Fra“ eine Wand mit internationalen Persönlichkeiten. Bis zum 30. September ist vor dem Kulturzentrum Camões in Mersch die Ausstellung „Cartes de Visite“ zu sehen.

Isabel Spigarelli

Ressorts: Wissen, Kultur

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Author: Philippe Reuter

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