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Hoch hinaus

Von der Mosel zum Atlantik fliegt man am besten über München und Berlin. Zumindest hat sich die Route für die luxemburgische Jungarchitektin Jil Bentz aus Remich bewährt. Nach ihrem Studium zur Diplomingenieuren und zahlreichen Zusammenarbeiten mit internationalen Star-Architekten hat sie vor einem Jahr den Sprung nach New York geschafft. Doch sie ist längst nicht am Ziel ihrer Reise.

Fotos: Philippe Reuter

Es herrscht wenig Andrang im kleinen Café in Belval, das mit einer goldenen Kaffeebohne um Kunden wirbt. Eine überschaubare Menge an Gästen nippt an ihrem Heißgetränk, konzentriert auf Laptop- und Handybildschirme. Nur eine junge Dame in grauem Trench wartet noch auf ihren Tee. Es ist Jil Bentz, die zwischen Tassenklirren und dem Rauschen der Kaffeemaschinen lächelnd ihre Tasse entgegennimmt. Auf ihrem Platz türmen sich kuriose Modelle vergangener Projekte. Wichtige Stücke, die von einer bewegten Zeit zeugen. „Dabei war es eher eine Intuition und weniger eine Gewissheit, die mich zum Architekturstudium geführt hat“, verrät die 29-Jährige. „Ich war schon immer gut im Zeichnen und im räumlichen Denken, deshalb war das Studium naheliegend.“

Inzwischen arbeitet die Luxemburgerin als Junior-Architektin im New Yorker Architekturbüro „WORKac“. Zusammen mit einer Kollegin war sie Projektleiterin des Beitrags zur diesjährigen Architektur-Biennale in Chicago. „Dafür habe ich meine bisher größte Zeichnung angefertigt“, merkt sie sichtlich stolz an. Aktuell arbeitet sie an einem Projekt für einen Wettbewerb in Beirut. Bis zum Herbst 2017 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin von Professor Dan Wood an der „Columbia Graduate School of Architecture, Planning and Preservation“ tätig. Zuvor erhielt Bentz an besagter Universität den „William Ware Prize for Excellence in Design“ sowie den „Max Taut-Prize for the most outstanding diploma project 2014“ an der „Universität der Künste Berlin“. Hinzu kommen renommierte Studienförderungen, wie die vom DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) oder das „Fullbright Luxembourg“-Stipendium, die sie beide für ihre akademischen Leistungen erhielt. Andere Studierende betteln um ein Stipendium – Bentz musste das vom DAAD zugunsten des „Fullbright Luxembourg“ sogar ablehnen.

Inzwischen arbeitet die Luxemburgerin als Junior-Architektin im New Yorker Architekturbüro „WORKac“.

Bentz entwarf mit „Singing Bowl“ ein Modell für ein Theta-Zentrum, in dem Körper und Geist durch die Laute der Klangschalen eins werden. Mittelpunkt des Objekts ist die im Inneren verborgene „mother singing bowl“.

Trotz ihres Erfolgs ist sie alles andere als überheblich. Ganz im Gegenteil. Sie rührt schon fast schüchtern in ihrem Tee, freut sich dankbar über das Interesse an ihrer Person. Bei einer derart steilen Karriere drängt sich schnell die Frage auf, ob der Druck nicht zu hoch sei. „Konkurrenz ist für mich ein anregender Impuls. Nicht im verbissenen Sinne“, erzählt sie, „ich finde es spannend, meine Arbeit mit der von anderen zu vergleichen.

Es hilft mir zu verstehen, an welchem Punkt ich stehe.“ Motivierend war auch der Ratschlag ihres Mentors und erfahrenen Architekten Matthias Sauerbruch, sich für ein Stipendium an der „Columbia University“ zu bewerben. Ein Rückhalt, der sie beflügelte. Vor allem als die Zusage für das Postgraduierten-Programm in den USA kam.

In New York entdeckt Bentz neue Wege und Gesichter der Architektur, deren Basis sie an der „Technischen Universität München“ erlernte. „Während meiner späteren Ausbildung in Berlin und in New York bin ich auf interessante Unterschiede zwischen den Baukulturen gestoßen. In Berlin lag der Schwerpunkt meiner Arbeit auf einer präzisen Durchplanung, wohingegen in New York die meisten Probleme auf der Baustelle gelöst werden.“

Es ist nicht der einzige Vergleich, den sie zieht. „Generell wird dort mehr Gewicht auf die Inneneinrichtung gelegt, aus Mangel an freien Flächen. In Berlin und Luxemburg gibt es weitaus mehr Gesamtkonzepte.“ Gesamtkonzepte, die oft wenig mit Ästhetik zu tun haben. Die Neusiedlungen, besonders hierzulande, erinnern immer mehr an einen durchgehenden Plattenbau. Die modernen Wohnblöcke rund um Belval sind mehr Labyrinth als gemütlicher Lebensraum. Eintönige Fassaden, einheitliche Formen – bezahlbarer Wohnraum auf Kosten des Stils? „Tatsächlich ist es immer eine Frage des Budgets. Die meisten Immobilienentwickler setzen auf niedrige Kosten und auf ein bewährtes, massentaugliches Design“, klärt Bentz auf, „Die Devise lautet: Schnell bauen und verkaufen.“

Die Architektin will unbedingt weg von „der Kiste“, wie sie sagt: „Ich möchte meinen Gebäuden eine Persönlichkeit geben.“ Im Vordergrund ihrer Arbeiten steht nicht die bloße Funktionalität des Raumes, sondern die freie Entfaltung unterschiedlicher Formen, gemäß dem post-modernistischen Leitsatz „form follows fiction“. Für sie ist es wichtig, das Tragwerk von Beginn an mitzudenken, es räumlich erfahrbar zu machen. Zu ihren großen Vorbildern zählen unter anderem die Architekten Lina Bo Bardi und Paulo Mendes Da Rocha, die in ihren brutalistischen Bauten Statik und Ästhetik miteinander verbinden. Der Brutalismus zeichnet sich durch die Zurschaustellung der Konstruktion, die Wertschätzung der Materialien und die Lesbarkeit beziehungsweise Sichtbarkeit der Formen aus.

„Ich war schon immer gut im Zeichnen und im räumlichen Denken, deshalb war das Studium naheliegend.“ Jil Bentz

In ihre Modelle steckt Jil Bentz viel Arbeit und auch Liebe zum Detail.

In ihren Entwürfen sucht Jil Bentz nach dieser Autonomie der Form. Ihr Interesse daran entwickelte sich hauptsächlich durch die intensive Beschäftigung mit dem Postmodernismus an der „Columbia University“. Eine architektonische Strömung, die historische Baustile zitiert, ohne sie zwingend zum Leitmotiv zu machen. Mittlerweile bestimmt diese Denkrichtung Bentz Verständnis für Proportion und Ausdruck. Bedeutende Inspiration sind für sie des Weiteren die Filme von David Lynch und das Gesamtwerk von Lars von Trier. Die Filmemacher begeistern sie mit der Atmosphäre, die ihre Räume verbreiten, sowie mit ihren Schatten- und Lichtspielen, die auch sie architektonisch umzusetzen versucht.

Zwischen den Zeilen hört man heraus, dass für Bentz Kunst mit Architektur einhergeht. Eine Ansicht, die sie weitergeben will. „Bauunternehmer könnten andere Wege wählen und nicht nur Ideen umsetzen, die schnelles Geld bringen“, betont sie, „wirtschaftliche Nachhaltigkeit zahlt sich anhand von innovativen und inspirierenden Bauten aus.“ Unter nachhaltigem Bau versteht sie vielmehr die Aufwertung der Städte durch ansprechende Architektur als nur dreifachverglaste Fenster. Ersteres macht Städte und Ortschaften attraktiv. Es ist eine Investition, die sich langfristig lohnt, mehr als das jetzige Geschäft mit den Immobilien. „An der Columbia stehen die Architektur-Studenten im engen Kontakt mit den Studenten der Immobilienwirtschaft. Die Architekturfakultät bietet nämlich neben der Architekturlehre ebenfalls ein Real-Estate-Programm an. Das halte ich für äußerst sinnvoll“, lobt die Expertin das Konzept, „es ist ein guter Ansatz, um zukünftige Entwickler für die Wirkungskraft der Architektur zu sensibilisieren.“ Ein luxemburgisches Beispiel hierfür sieht sie in den Bauten von François Valentiny in der Moselgegend. „Das sind fantastische Gebäude, die die Region enorm aufwerten“, fügt sie dem hinzu.

Beim Spaziergang über den Universitäts-Campus in Belval wirkt die eloquente Senkrechtstarterin für einen kurzen Moment nachdenklich. Am nächsten Tag steigt sie wieder in den Flieger nach New York. Zurück in einen Alltag ohne Mittagspause, eine Stadt ohne feste Arbeitsverträge, dafür aber mit nur zehn Tagen Urlaub im Jahr. „Es ist wahrscheinlich, dass ich New York nächsten Sommer verlasse“, gesteht sie. „Die Stadt übt einen gewissen Reiz aus. Sie verführt einen. Ich muss Acht geben, der Versuchung zu widerstehen.“ Für manch einen gibt es schlimmere Vorstellungen als in einer Weltstadt zu leben und zu arbeiten, doch Bentz erklärt sich: „Als junge Architektin mit dem Wunsch nach Selbstständigkeit fasst man nur sehr schwer Fuß in dieser Stadt. Außerdem beschäftigt sich ein Großteil der New Yorker Büros nur mit Innenarchitektur und Innenausbau.“

In Luxemburg erhofft sie sich Projekte zu finden, die es ihr ermöglichen, die gesamte Komplexität der Architektur auszuschöpfen. Am liebsten würde sie ihr eigenes Büro gründen, zehn, fünfzehn Mitarbeiter einstellen und nebenbei an einer Universität arbeiten. Gerne auch in der Heimat, wo sie einen akademischen Diskurs vermisst. Sie wäre dann nur noch zu Kongressen oder vergleichbaren Veranstaltungen in New York, genauso wie überall anders auf der Welt, wo ihre Kompetenzen gefragt sind.

Isabel Spigarelli

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Author: Philippe Reuter

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