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Hoch zu Ross

Früher eine Kampfkunst, heute ein Sport. Das berittene Bogenschießen ist auch in Luxemburg dabei, sich als solcher zu etablieren. Wir haben Bogenreiter Nico Thielen beim Training zugeschaut.

Fotos: Philippe Reuter

Sonntagvormittag. Etwas mürrisch mümmelt Kangourou an einem Grasbüschel gleich neben der Piste. „Noch müde?“, fragt Nico Thielen liebevoll, während er sein Pferd am Halsansatz krault. Eine Trense oder Halfter trägt Kangourou nicht. Er läuft frei über die Anlage. Selbst noch als Thielen aufsteigt und entspannt einige Zirkel als Aufwärmübung reitet. Anders als im Reitsport üblich hält der 25-Jährige keine Zügel in der Hand, sondern navigiert den Wallach mit Schenkelhilfe und seiner Stimme. Die kurzen, mündlichen Kommandos wie „Stopp“ oder „Galopp“ sind dabei zwar wichtig, aber nicht nur. Kangourou „gehorcht“ aus freien Stücken. Das zügellose Reiten haben beide über Jahre trainiert. Besonders wichtig dabei, ist das gegenseitige Vertrauen.

Nico Thielen blickt auf fast zwanzig Jahre Reiterfahrung zurück, die meiste davon, hat er mit Kangourou, seinem ersten und einzigen Pferd, gesammelt. Neben dem Reiten spielt das Bogenschießen eine große Rolle im Leben des Studenten. Vor allen Dingen, seit er sich entschieden hat, beide Hobbies miteinander zu kombinieren. Auf einem Seminar in Deutschland hat er das sogenannte berittene Bogenschießen zum ersten Mal entdeckt und es aus Jux ausprobiert. Kurze Zeit später nahm er an internationalen Wettbewerben teil, selbst an Europa- und Weltmeisterschaften in Frankreich, Ungarn und Jordanien. Bei letzterer ist Thielen im vergangenen Jahr fünfter von rund 50 Teilnehmern geworden. Mit dem Ergebnis ist er sichtlich zufrieden. „Der Sport ist noch relativ jung. Er steckt noch in den Kinderschuhen, weshalb es vergleichsweise leicht ist, recht schnell an wichtigen Wettbewerben teilzunehmen“, behauptet er.

„Es ist viel dynamischer als das olympische Bogenschießen.“ Nico Thielen

Was im Altertum und Mittelalter als Kampfkunst galt, ist heute eine Sportart. In den 1980er Jahren wurde das berittene Bogenschießen, das es früher ermöglichte, ganze Reiche zu Pferd zu erobern – man denke dabei an Reitvölker wie die Hunnen, Mongolen usw. –, wiederentdeckt und als Sport neu erfunden. Heute unterschiedet man vor allem zwischen zwei großen Richtungen, der mediterranen und der asiatischen. Thielen folgt der ersten. Er schießt mit einem auf den ersten Blick recht simplen Bogen aus laminiertem Holz, ohne Schussfenster und Pfeilauflagen. Dieser darf nicht zu schwer sein, damit man ihn auch vom Pferderücken aus einsetzen kann. Außerdem besitzen die dazugehörigen Carbonpfeile am Ende Nocken, um zu gewährleisten, dass sie sicher auf der Bogensehne sitzen. Die Nocken haben ebenfalls einen Impakt auf die Schnelligkeit. „Beim Bogenreiten werden die Pfeile nicht etwa in einem Köcher, sondern direkt in der Hand gehalten, damit man sie schneller abfeuern kann.“ Bis zu 15 Stück kann man auf diese Weise bei sich tragen. Thielen variiert zwischen sechs und zwölf Pfeilen. Wie viele man gleichzeitig halten und mobilisieren könne, sei Übungssache.

Da eine Hand mit dem Festhalten von Pfeilen und Bogen und die andere mit dem Spannen der Sehne beschäftigt ist, ist das freie Reiten unabdingbar. Zudem muss das Reittier erst an Bogen und Co. gewöhnt werden. „Ein Pferd ist eigentlich ein Fluchttier.“ Das mache die Verbindung zwischen Mensch und Tier umso relevanter. „Das Pferd ist das Wichtigste bei dieser Sportart“, betont der mobile Bogenschütze, „es muss sich damit wohlfühlen und ihm Spaß machen.“ Mit Kangourou ist er auf derselben Wellenlänge. Die beiden sind langwierige Freund, fast „Brüder“. Zwischen den Durchgängen tätschelt der Sportler seinen pelzigen Gefährten immer wieder am Hals, lobt in, sticht ihm Leckerlis zu.

Neben der Harmonie zwischen Reiter und Pferd liebt Thielen den Sport vor allem aufgrund seiner Vitalität. „Es ist viel dynamischer als das olympische Bogenschießen.“ Dafür sei es aber etwas weniger akkurat. „Auf dem Pferderücken wackelt alles. Man muss die Fixpunkte am Körper nutzen, um dennoch präzise schießen zu können“, verrät der Reiter. Beim berittenen Bogenschießen gilt es idealerweise, den Augenblick zu nutzen, indem sich das Pferd in der Schwebephase (in der keiner der vier Hufe den Boden berührt) befindet, um abzuschießen. Abgefeuert werden die Pfeile in der langen Bahn. Knapp 18 Sekunden hat man pro Durchgang – um zu laden, anzuvisieren und abzufeuern. Die Zielscheiben sind dabei in der Regel bis zu 45 Meter entfernt. Neben dem Ziel muss man sich ebenfalls auf das Pferd konzentrieren. „Man darf nicht verkrampfen, das spürt es sofort.“

„Auf dem Pferderücken wackelt alles. Man muss die Fixpunkte am Körper nutzen, um dennoch präzise schießen zu können.“ Nico Thielen

Rhythmus, Balance, Schnelligkeit und Zielgenauigkeit sind Komponenten, die eine unabdingbare Rolle spielen. „Es gibt keine vergleichbare Sportart“, ist sich Thielen sicher. Der 25-Jährige, der derzeit Hotel- und Tourismusmanagement studiert, trainiert am Wochenende. Durch das Studium wird die Zeit natürlich knapper. Meist mit im Schlepptau sind seine Freundin Sarah und sein Cousin Laurent, der den Sport mit ihm gemeinsam entdeckte. Während unseres Termins auf einem Privathof in Angelsberg sind die beiden auch dabei. Laurent schleppt einige Wurfscheiben vom Stall zur Piste. Er läuft über die lange Bahn, parallel neben Cousin Nico und Kangourou her, und wirft die Scheiben dabei hoch in die Luft. Thielen versucht sie, während des Fluges, zu treffen. „Das ist das schwierigste“, offenbart er, „aber es macht eine Menge Spaß.“

Dass es sich um ein sehr anspruchsvolles und, durch die Pferdehaltung, sehr aufwändiges Hobby handelt, ist sich Thielen bewusst. Als er das berittene Bogenschießen entdeckte, gab es nur eine Person, die es hierzulande ausübte. Mittlerweile gibt es ein Dutzend Bogenreiter in Luxemburg. Untereinander kennen sich alle. Innerhalb der Community herrsche eine gute Stimmung, erklärt er. Der Konkurrenzkampf sei nicht so hoch wie bei anderen Sportarten. „Der Sport ist dabei, sich aufzubauen. Es gibt noch viel Potenzial“, ist sich Nico Thielen sicher. Insbesondere internationale Filme würden zu einem positiven Image beitragen. Für Einsteiger oder Interessierte hat er übrigens ein offenes Ohr und vermittelt gerne – die müssen allerdings ein wenig Talent mitbringen, im Reiten und im Bogenschießen.

Weitere Infos über die „Boureider Lëtzebuerg“ (BRL) und die „D’Arc Angels Lëtzebuerg“ gibt es auf Facebook und Instagram.

Françoise Stoll

Journalistin

Ressorts: Lifestyle, Multimedia

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Author: Martine Decker

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