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Hoffnungsträgerinnen

Geräteturnen sieht kinderleicht aus, doch dahinter steckt jahrelanges mühsames Training. Nur wer echte Leidenschaft entwickeln kann, ist in diesem Sport richtig. So wie Lola Schleich und Céleste Mordenti.

Turner und Turnerinnen müssen verrückt sein. Sie trainieren voller Ausdauer, immer und immer wieder dieselben Elemente und Übungen. Sie fallen von den Geräten, haben Blasen und Schwielen an den Händen, blaue Flecken, verrenken sich Knochen und Gelenke und haben trotzdem nie genug. Ganz nach dem Motto: Fall down six times, stand up seven. Dabei kann man mit Turnen nicht mal viel Geld verdienen, wenn man nicht gerade Simone Biles oder Fabian Hambüchen heißt. Und selbst dann. Warum schinden sie sich so? Vielleicht, weil es eine große Belohnung ist, ein Element irgendwann sauber hinzubekommen und es dann aufzunehmen in sein Repertoire. Und anschließend Zeit für das nächste zu haben.

„Ich kenne kein anderes Leben“, sagt Lola Schleich und zuckt mit den Schultern. „Turnen ist meine Leidenschaft.“ Die gerade 15-Jährige ist eine der Turnhoffnungen Luxemburgs. Gemeinsam mit Céleste Mordenti gehört sie zum Kader des COSL. Sie werden ganz besonders auf die größten internationalen Turniere vorbereitet.

Sechsmal die Woche für fünf bis sechs Stunden trainieren Lola und Céleste in der Halle des Institut National des Sports (INS).

Gleich wird Lola ihren Aufgang am Schwebebalken üben. Dazu steht sie in etwa einem Meter Entfernung mit dem Rücken zum Balken auf einem Sprungbrett. Sie sammelt und konzentriert sich, dann springt sie – rückwärts in den gestreckten Salto. Auf halbem Weg verkeilt sie sich mit den Armen am Schwebebalken, der Kopf ganz nah am Holz, der Körper nach oben gestreckt. Jeder Mutter bleibt hier das Herz stehen, jedem Vater wahrscheinlich auch. Die Trainerin Domenica Camardella lächelt amüsiert und sagt: „Dieser Aufgang bringt viele Punkte, und sie macht ihn wirklich gut.“

Der Geruch in der Halle ist untrüglich. Jeder, der ihn schon mal in der Nase hatte, wird auch mit geschlossenen Augen wissen, wo er sich gerade befindet. Eine Mischung aus muffigen Teppichdünsten, Leder, Magnesiumcarbonat und sehr viel harter Arbeit liegt in der Luft. Für passionierte Sportler ein so vertrauter Duft wie der des eigenen Zimmers, denn hier verbringen sie Stunden um Stunden ihrer Zeit.

Sechsmal die Woche für fünf bis sechs Stunden trainieren Lola und Céleste in der Halle des Institut National des Sports (INS). Beide besuchen das Sportgymnasium nebenan, an manchen Tagen findet das Training auch vor dem Unterricht statt. Als Lola vor drei Jahren in den Nationalkader aufgenommen wurde, blieb sie zunächst auf ihrer alten Schule. Das war ihr aber zu anstrengend, erzählt sie, weil sie oft bis spät in den Abend hinein ihre Hausaufgaben erledigen musste. Nach einem Jahr wechselte sie die Schule, seitdem ist ihr Wochenplan zwar noch immer randvoll, aber durchaus machbar. Die gut 30 Stunden Training pro Woche gehören für sie einfach dazu, meistens merkt sie während des Trainings gar nicht, wie die Zeit vergeht.

Auf dem Boden übt sie ihre neue Kür, die langen Sprungkombinationen mit Flic-Flacs, Saltos und einem Doppelsalto macht sie ein, zwei Mal. Doch die gymnastischen Sprünge, bei denen die Turnerinnen die Beine in der Luft bis in den Spagat spreizen, soll sie öfter üben, sagt die Trainerin. Dafür wickelt sie sich zusätzliche Gewichte um die Knöchel, so gewöhnen sich die Muskeln daran, noch mehr zu leisten, die Beine noch weiter in die Höhe zu schleudern. Woran Lola unbedingt arbeiten möchte, ist ihr Doppelsalto, den will sie bald mit einer zusätzlichen Schraube kombinieren. Dass sie ihn irgendwann mit drei Schrauben macht, so wie die Weltmeisterin Simone Biles, bezweifelt sie. „Aber das kann wahrscheinlich niemand“, sagt sie. „Simone Biles ist die erste Frau, die diesen Sprung jemals gemacht und gestanden hat.“ Die Amerikanerin ist ein seltenes Ausnahmetalent, ein Muskelpaket mit einer Größe von nur 1,42 Metern.

„Wenn ich turne, blende ich die Zuschauer völlig aus.“ Céleste Mordenti

Auf Wettkämpfen zeigt Lola bisweilen Nerven. Sie sagt selbst, dass sie manchmal Angst hat. Aber klar, sie ist gerade 15 geworden, da nimmt man sich jeden Patzer wahrscheinlich doppelt zu Herzen. Gerade erst war sie in Belgien bei einem Wettkampf, so ganz zufrieden war sie mit ihrer Balkenübung nicht. Jetzt turnt sie sie ohne Fehler und mit viel Eleganz. Ihr großer Traum wäre es, einmal an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen, vielleicht sogar an den Olympischen Spielen. Ganz unwahrscheinlich ist das nicht.

Die Erfahrung einer Weltmeisterschaft hat Céleste Mordenti gerade erst gemacht. Sie war Anfang Oktober in Stuttgart dabei. „Ein tolles Erlebnis“, erzählt sie. Ob sie auch Angst hatte? Bei so einem Event, vor so vielen Menschen? Sie überlegt. „Eigentlich nicht“, sagt sie dann. „Wenn ich turne, blende ich die Zuschauer völlig aus, die sehe ich gar nicht.“ Es war das erste Mal seit 2005, dass wieder eine luxemburgische Turnerin an einer WM teilgenommen hat. Céleste war sich zwar bewusst, dass sie keine Chance hatte, in die Finals zu kommen oder sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, aber darum ging es auch nicht. Mit ihren 16 Jahren ist sie noch ein Küken unter den Teilnehmerinnen, sie hat viel Zeit sich zu entwickeln. Doch bei einer WM kann sie wertvolle Erfahrungen sammeln, wie beispielsweise die, dass eine Top-Athletin wie Simone Biles auch einfach nur eine leidenschaftliche Sportlerin ist, genau wie sie. „Die ist ganz normal, und sie liebt das Turnen wie ich.“

„Ich kenne kein anderes Leben.“ Lola Schleich

Wenn Céleste gefragt wird, in welcher Disziplin sie am meisten dazulernen muss, überlegt sie gar nicht lange. „Am Barren, da fehlen mir Flugelemente“, sagt sie sofort. Und fügt gleich hinzu: „Aber ich brauche prinzipiell überall Elemente mit größeren Schwierigkeitsstufen, wenn ich mehr Punkte bekommen will.“ Die Leidenschaft für das Turnen entdeckte Céleste als ganz kleines Mädchen, als sie mit ihrer Mutter am Eltern-Kind-Turnen teilnahm. „Ich wollte nie aufhören“, erzählt sie. Noch immer ist sie von ihrer Sportart fasziniert. „Es wird nie langweilig, weil man immer neue Sachen lernen und machen kann.“

Céleste sei eine Perfektionistin, sagt ihre Trainerin. Man kann es sehen, wenn sie minutenlang dieselben Sprungkombinationen am Boden oder auf dem Balken übt. Für den Laien sehen sie alle perfekt aus, die Trainerin macht freundlich kleine Verbesserungsvorschläge. Diese auch anzunehmen und anschließend umzusetzen, zeichnet die besten Turner aus. Wer das nicht kann oder meint, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, hat im Turnen nichts zu suchen. Céleste und Lola können es. Ob sie dafür mit internationalen Medaillen ausgezeichnet werden, wird sich zeigen. Wirklich wichtig ist es nicht. Denn schon jetzt gehören sie zu den besten der Welt.

Fotos: Georges Noesen

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Martine Decker

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