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Im Sinne von Charlie

Glanzvolle Hochzeiten, schwere Schicksale, kulturelle Highlights, politische Niederlagen, feierliche Eröffnungen, himmelschreiende Skandale, sportliche Glanzlichter, unmenschliche Tragödien… Eigentlich sollte es in diesem Editorial einzig um das Thema „revue“ gehen und um das 70. Jubiläum, das „de Magazin fir Lëtzebuerg“ in diesem Jahr feiert. Die erste Ausgabe der „Revue – Letzebuerger Illustre’ert“ erschien am 1. September 1945. Für das Konzept hatte sich der Gründer Emile Probst beim amerikanischen „Time Magazine“ inspiriert. Den Namen übernahm er von der Zeitschrift, die die Druckerei Bourg-Bourger bis Kriegsbeginn 1940 fünf Mal herausgab: „T’Revue“.

Wie gesagt, eigentlich sollte es in diesem Editorial einzig darum gehen, dass die „revue“, die längst zu einer Marke geworden ist, seit ihren Anfängen vielleicht DAS Spiegelbild schlechthin der Luxemburger Gesellschaft ist. Gelesen und gekauft von hunderttausenden Menschen. Eigens zum Jubiläum gehen wir ab dieser Ausgabe im Zwei-Wochen-Rhythmus in einer Serie auf 70 Jahre Geschichte unseres Landes ein. Das „Ländchen“ hat viel zu bieten, wobei wir allerdings nicht nur zurückblicken, sondern den Bogen bis in die Gegenwart spannen. Denn auch darum geht es: Nur wer die Geschichte seines Landes kennt, kann die Aktualität auch verstehen und richtig einordnen.

Wenn ein Jubiläum ansteht, ist das an und für sich ein Grund zum Feiern. Dieser Tage ist uns danach aber gar nicht zumute. Seit vergangenem Mittwoch ist irgendwie alles anders. Seit dem blutigen Anschlag auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ ticken die Uhren anders. Ähnlich wie am 11. September 2001. Nach diesem Anschlag auf die Freiheit wird es auch jetzt ein „Vorher“ und ein „Nachher“ geben. Diese barbarische Vorgehensweise und dieser blinder Fanatismus machen Angst. Auch und vor allem, weil sie so nahe sind. Wir haben die Journalisten und Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ zwar nicht persönlich gekannt, aber es sind Berufskollegen. Menschen, die wie wir tagtäglich mit der Aktualität konfrontiert sind, nur dass sie sich in erster Linie Karikaturen bedienen, um ihre Ansichten zum Ausdruck zu bringen. Unsere Gedanken sind bei den Opfern und deren Angehörigen.

Seit dem blutigen Anschlag auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ ticken die Uhren anders.

Karikaturen wird es auch weiterhin geben. Auch bei uns, wo sie seit Jahrzehnten Tradition haben und eng mit der Geschichte des Hauses „revue“ verwurzelt sind. Satire wird ebenfalls weiterhin fester Bestandteil der Presse sein. Gotteslästerungen und Tabubrüche auch. Längst nicht jedem Leser hat letzte Woche die Story über die erste Homo-Ehe in Luxemburg gefallen. Es gab Abbestellungen und eine Reaktion, wo einem die Spucke wegbleibt.

Es gibt Themen, die polarisieren. Es gibt Kommentare, die nicht jedem schmecken. Es gibt Karikaturen, die Menschen ein Dorn im Auge sind. Medien sind dazu verpflichtet zu berichten, zu kommentieren und einzuordnen. Das ist ihre Rolle. Und unsere Gesellschaft muss mit Satire umgehen können. Das hat etwas mit Toleranz zu tun. Über all dem steht die Pressefreiheit, das Fundament jeder demokratischen Gesellschaft. Weil die Meinungsfreiheit ein unschätzbar wertvolles Gut ist. Ganz im Sinne von Charlie…

Author: Georges Noesen

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