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Im Sneaker-Rausch!

Schon längst interessieren sich nicht mehr nur Sportler oder Hip-Hopper für Turnschuhe. Nein – auch Sammler und Geldmacher. Das Geschäft mit den Tretern boomt! Sneakers gehören zur Alltagskleidung, werden aber auch zum Statussymbol.
Verschiedene Modelle kosten nämlich ein kleines Vermögen.

Fotos: Anne Lommel

Es ist Samstagmorgen, zehn Uhr, vor einem Basketballshop in Dommeldingen. Bereits 20 Minuten bevor der Geschäftsführer die Türen öffnet, tummeln sich Sneaker-Fans vor dem Eingang und warten ungeduldig auf diesen Moment. Heute wird der „Air Jordan 1 Retro High OG Game Royal“ releast.

Als Nichtkenner der Szene kommt einem der Name chinesisch vor. Verschiedene Schuhe bringen Nike, Adidas und Co. nur in limitierter Auflage heraus. Ein ganz gezielter Marketingcoup, da somit nicht jeder ein Paar davon kaufen kann und die Anfrage dadurch enorm steigt. „Wir veranstalten bei verschiedenen Releases ein sogenanntes Raffle. Jeder kann sich nur für ein Paar und eine Größe auf einer Liste eintragen. Sind mehr Interessenten vorhanden als Schuhe, wird nach einer halben Stunde das Los gezogen. Nike schreibt die Regeln vor, an die wir uns strikt halten müssen“, erklärt Geschäftsführer Louis Lang. „Bei verschiedenen Raffles im Ausland zelten die Sneaker-Fans bereits eine Nacht vor dem Release vor dem Laden. Bei uns war das noch nie der Fall, aber wer weiß, was die Zukunft noch alles bringt“, erzählt Verkäufer Ali Kaci mit einem Lachen.

Wenn das Glück zuschlägt und man bei der Lotterie gezogen wird, gibt es den Schuh nicht als Gewinn, wie man glauben könnte. Nein: Man hat dann nur die Möglichkeit ihn zu kaufen. Solche hippen Teile kosten zwischen 150 und 200 Euro. Ist die angegebene Zeit des Release vorbei, gibt es den Turnschuh nicht mehr im Geschäft zu kaufen. Nirgendwo.

Zu den glücklichen Eigentümern des neuen „Air Jordan 1 Retro High OG Game Royal“ zählt der 17-jährige Paul Lisarelli, der mit seinem Vater beim Raffle mitgespielt hat, um die Chancen zu erhöhen, den Star des Tages mit nach Hause zu nehmen. Schlussendlich kann er ihn sogar zweimal kaufen, jedoch in verschiedenen Größen: „Ich werde die Schuhe nicht tragen, sondern sofort weiterverkaufen. Mit solchen Limited Editions kann man gutes Geld verdienen. Ich biete die Turnschuhe auf meiner Internetseite an“. Beim Sneakerhype steigen und fallen die Preise der begehrten Objekte stetig. Trägt zum Beispiel ein Star während eines Auftritts einen speziellen Schuh, steigt der Wert. Falls man Sneakers im Netz erwerben will, sollte man vorsichtig sein und sich über die Onlineseite und den Verkäufer informieren, denn hier lauern Betrüger.

Mit Schuhwerk nur Geld zu machen, davon wollen die Jungs von „Sneakers Luxembourg“ nichts wissen. Sie organisierten vor Kurzem für Sammler und andere Fans bereits die achte Auflage der „Sneakermess“. Das Event fand in der Rockhal statt und konnte rund 2.500 Besucher anziehen. „Wir sammeln stylische Latschen aus Leidenschaft“, stellt „Sneakermess“-Organisator Ronny Erpelding klar. Er selbst besitzt zwischen 220 und 230 Paar „Jordans“. Ihm geht es um die Geschichte des Schuhs: Der Basketballsuperstar Michael Jordan entwirft zusammen mit Nike Schuhe, die ihm zu seiner eigenen Marke verholfen haben.

„Die meisten Sneaker-Liebhaber sammeln die Schuhe von Stars, weil sie die oder deren Lifestyle gut finden, oder sie interessieren sich für einen speziellen Schuh, den sie dann in allen Variationen besitzen wollen“, erklärt Cedric Steuer, der zusammen mit Ronny vor vier Jahren die a.s.b.l. „Sneakers Luxembourg“ gründete. Dass diese Leidenschaft nicht billig ist, kann sich bei den Preisen jeder vorstellen.

Tom M.* hat vor zehn Jahren mit dem Sammeln von Sneakers angefangen, heute kauft er sich jedes Paar, das der amerikanische Sänger und Rapper Kanye West trägt. Drei bis vier Paar Turnschuhe kauft er sich pro Monat. „Ich kann einfach nicht anders. Ich weiß, dass ich mir die Schuhe nicht leisten kann, doch ich kaufe sie trotzdem. Es fühlt sich so an, als könnte ich ein Stück vom Glamour haben. Mit teuren Schuhen komme ich mir zudem wie ein wohlhabender Mensch vor“, merkt er an. Toms Frau setzt ihm nun das Messer auf die Brust: Die Familie leidet durch seine Einkäufe unter finanziellen Schwierigkeiten. Sie will, dass er sich Hilfe sucht.
„Alles, was schön ist im Leben und was uns glücklich macht, kann süchtig machen“, erklärt Michel Ledoux, Direktor vom „Centre de Prévention des Toxicomanies“. Menschen, die Sneakers kaufen müssen und keine Kontrolle mehr über den Kauf besitzen, leiden seinen Aussagen nach unter Kaufsucht. In solchen Fällen kann man sich unter www.addic.lu Hilfe holen.

Ronny Erpelding muss auch jeden Treter der Jordans-Reihe in die Finger bekommen. „Ich setze alles daran den Sneaker, den ich will, auch zu besitzen. Durch Kontakte gelingt es mir immer, das Objekt der Begierde zu kaufen“, fügt der 35-Jährige hinzu. Von Suchtproblemen will er nichts hören. Für ihn ist es eine Leidenschaft, so wie andere Briefmarken oder sonstige Objekte sammeln. In seinem neuen Haus wurde ein Teil des Kellers allein zur Austellung seiner Sammlung gebaut.

„Den größten Teil der Sammlung ziehe ich nicht an, ich stelle die Sneakers aus. Andere Paare trage ich jedoch manchmal. Getragene Schuhe können nämlich auch von Wert sein“, stellt er fest. Ronny träumt vom eigenen Sneakerladen, doch sein guter Job hält ihn davon ab. Bei ihm dreht sich trotzdem alles um die hippen Turnschuhe. „Ich hätte meine Frau auch nie kennengelernt, wenn sie zum Beispiel Highheels getragen hätte“, erläutert er lachend.

Auch immer mehr Frauen interessieren sich für Sneakers. Wird die Szene noch von Männern dominiert, so verlieben sich auch weibliche Herzen in die sportlichen Treter. Anne Regenwetter besitzt zurzeit 18 Paar Sneakers, die sie nicht alle trägt: „Einige Paare finde ich einfach zu schön, um sie zu tragen“. Sie kauft ihre Sneakers in Kindergröße, da die meisten Marken fast ausschließlich Männer-Sneakers anbieten, was auch ein Grund dafür ist, dass der Boom eher Herren betrifft. Anne wird fündig auf der „Sneakermess“ und denkt sogar darüber nach, dem Team der „Sneakers Luxembourg“ beizutreten, das sich sicherlich über weiblichen Support freut.

* Name von der Redaktion geändert

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Author: alommel

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