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In der Höhle der Löwin

Unbeeindruckt von den jüngsten Rückschlägen für die Rechtspopulisten setzt die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen und ihr Front National ihren Wahlkampf fort. Eindrücke vom „Grand Meeting“ in Metz.

Fotos: Julien Garroy (Editpress)

Die Sicherheitsvorkehrungen könnten kaum besser sein. Vor den Arènes de Metz hat ein Großaufgebot der Polizei Stellung bezogen. Die erste Leibesvisitation erwartet die Besucher etwa 50 Meter vor der Multifunktionshalle. Zwischen den Absperrgittern und dem Eingang haben sich mehrere Warteschlangen gebildet. Zahlreiche Menschen aus dem Umland der Lothringer Metropole haben sich an diesem Samstagnachmittag eingefunden, um dem „Grand Meeting“ von Marine Le Pen beizuwohnen, einer Wahlkampfveranstaltung der Präsidentschaftskandidatin des Front National.

Es wird über Privates und Sport geplaudert, kaum über Politik. Manch einer hat sich herausgeputzt, wie die beiden adrett in Sakkos gekleideten und frisch frisierten jungen Männer, die sich eben gerade eingereiht haben. „Marine ist die einzige Politikerin, die uns überzeugt und der wir glauben können“, sagt einer. „Die anderen sind alle gleich. Politiker der Elite, Vertreter der politischen Klasse. Aber sie hat Courage.“ Ein Mann mit langem Schal unterhält sich mit seiner stark geschminkten Partnerin über einen Kinofilm. Die meisten Leute sind einfach gekleidet. Eine Gruppe von Männern und Frauen diskutieren über die gewachsene Unsicherheit in ihrem Viertel. Aus welcher Stadt sie kommen, ist dem Gespräch nicht zu entnehmen. Einige haben Fahnen mitgebracht. Ein Mann trägt einen Stapel von T-Shirts des Front National (FN) durch einen Seiteneingang.

Marine Le Pen hat die rechtsextreme Partei aus der Schmuddelecke geholt.

Durch die letzte Sicherheitsschleuse am Eingang der Halle und durch den Personenscanner, dann eine weitere Leibesvisitation – der Eintritt ist geschafft. An einem Stand gibt es Devotionalien vom FN-Wimpel und Broschüren bis zu Trikoloren. Ein Mann verteilt blinkende Anstecker mit dem Wahlkampflogo der Kandidatin „Marine Présidente“ und einer blauen Rose. Das Logo ist auf Plakaten zu sehen und auf der großen Leinwand hinter der Bühne, wenn man das Innere der Halle betritt. Die Rose hat keine Dornen – das Motiv stammt von den Sozialisten, das Blau ist den Bürgerlichen entlehnt. Wird die Kandidatin, der Star des Nachmittags, gar durch die Blume sprechen?

Sie wird vor allem kämpfen. „Wie eine Löwin“, sagt eine Verehrerin auf der Treppe der Metzer Arena. Marine Le Pen hat die rechtsextreme Partei aus der Schmuddelecke geholt. Sie hat sie „entdiabolisiert“, wie in den Medien immer wieder behauptet wird. Der Front National ist in der Tat in der Mitte der französischen Gesellschaft angekommen, seit die jüngste von drei Töchtern von Jean-Marie Le Pen 2011 die Nachfolge ihres Vaters an der Parteispitze antrat. Der Parteigründer wurde 2015 nach wiederholten antisemitischen Äußerungen wegen „schwerer Verfehlungen“ aus der Partei ausgeschlossen. Marine, wie sie von ihren Anhängern nur genannt wird, setzt hingegen auf jüdische Unterstützung und auf weniger radikale Parolen. Doch wie viel Rechtsextremismus steckt in ihr? Wie gefährlich ist sie? Ist sie gar staatstragend geworden?

Die Halle füllt sich allmählich bis auf den letzten Platz. Nach den Worten des Sicherheitschefs sind es 3.500 Personen auf den Tribünen und den Stuhlreihen im Parterre. Während zur Dauerbeschallung Maurice Ravels „Bolero“ läuft, ist auf zwei Leinwänden seitlich der Bühne eine Diashow mit Fotos der Kandidatin zu sehen: Marine zu Besuch bei Unternehmen und in Fabriken, zu Gast im Fernsehen und beim Radio, auf Auslandsreisen und in der französischen Provinz, in Guyana und auf Réunion, auf dem Schiff und am Hafen, romantisch und heldenhaft verklärt. Auf einem Foto ist sie mit Geert Wilders zu sehen. Der Chef der niederländischen Rechtspopulisten bekam drei Tage zuvor bei den Parlamentswahlen in seinem Land einen Dämpfer. Der Siegeszug der europäischen Rechtspopulisten sei gestoppt, schrieben einige Zeitungen. Doch auch wenn der große Erfolg für Wilders ausblieb und auch der Kandidat der rechtspopulistischen FPÖ, Norbert Hofer, im Dezember in Österreich bei den Präsidentschaftswahlen den Kürzeren zog: Die Gefahr von rechts ist noch lange nicht gebannt. Auch wenn Marine Le Pens Höhenflug vorerst nachgelassen hat, nachdem der parteilose Emmanuel Macron in den Umfragen zumindest gleichzog und ihr bereits im ersten Wahlgang am 23. April den ersten Platz streitig machen kann – bei der Stichwahl würde er sie klar besiegen. Doch was besagen nach dem Brexit-Referendum und dem Trump-Sieg in den USA noch Meinungsumfragen?

Der „Bolero“ ist zu Ende, ein Wahl-Spot wird gezeigt. Ein Sportler, eine junge Frau, die sich um ihre Sicherheit fürchtet, eine Rentnerin, die auf die wenigen Münzen in ihrem Portemonnaie verweist. Alle sagen „J’ai besoin de Marine.“ Und diese sagt zu ihren Wählern: „J’ai besoin de vous.“ Dann in einem zweiten, dem offiziellen Clip der Kampagne: Marine an der Küste, als Anwältin, am Steuerrad eines Schiffs, als starke Frau, die kämpft „au nom du peuple“. Ihr Parteivize und Vertrauter, der Lothringer Florian Philippot, wie sie Europaparlamentarier, der wie sie für die Öffnung der Partei zum Zentrum steht, der sich als Gaullist bezeichnet, heizt die Stimmung mit seiner kaum zehn minütigen Rede weiter auf und kündigt schließlich den Star der perfekt inszenierten Show an: Marine Le Pen tritt, unter dem frenetischen Jubel ihrer fahnenschwingenden Fans aus dem Dunkel der Katakomben ins Rampenlicht der Bühne. Hinter ihr stehen drei Trikoloren – und immer wieder ist zu lesen „im Namen des Volkes“. Der Populismus in seiner Reinform wird gefeiert.

Familien-Event: Mehr als je zuvor sind bei FN-Veranstaltungen Frauen und sogar Kinder dabei.

Die 48-Jährige beginnt ohne zu zögern mit ihrer Rede. Sie spricht von einer Renaissance Frankreichs als unabhängiges Land, wenn sie gegen Brüssel, den Euro und die Europäische Union und für einen Austritt aus der Selbigen polemisiert. Sie kündigt an, den Franzosen „Geld zurückzugeben“. Ein ums andere Mal nennt sie ihren Slogan „Remettre la France en ordre“ – sie verspricht, das Land wieder in Ordnung zu bringen. Sie betont ihre Rolle als Frau, die gegen den islamischen Fundamentalismus und für die laizistische Republik kämpft. Manches wirkt im Vergleich zu sonst üblichen rechtsextremen Parolen wie weichgespült, wenn sie zum Beispiel sagt, dass alle Franzosen für sie gleich seien und wenn sie Solidarität einfordert – die jedoch nur für Franzosen gilt. Dann aber wettert sie gegen die massenhafte Immigration. In ihrer rhetorischen Brillanz warnt sie vor einem „Cocktail des menaces“ wie den Terrorismus, der mit laschen Grenzkontrollen und Sicherheitsvorkehrungen nicht zu bezwingen ist. Marine Le Pen hat vieles von ihren Gegnern gelernt und weiß, was ankommt: Den Staat sieht sie im Dienste des Volkes. Ihre Formel von „une autre politique est possible“ erinnert an den Slogan der Globalisierungskritiker „un autre monde est possible“.

In wenigen ironischen Anwandlungen macht sie sich über das politische System lustig und stellt ihre politischen Gegner wie François Fillon und Emmanuel Macron als deren Repräsentanten bloß. „Et tous les autres“, fügt sie an und zeigt damit noch mehr ihre Geringschätzung. Sie spricht sich für Referenden genauso aus wie für den Protektionismus im Allgemeinen und die Renationalisierung der Autobahn im Besonderen. Und sie stellt das System der Banken an den Pranger. „Rothschild“ ruft einer dazwischen, so wie ein ums andere Mal Zwischenrufe zu hören sind, die sie unterstützen und antreiben. Le Pen geht nicht darauf ein. Sie diktiert das Geschehen. Ihre Autorität ist ein Ausdruck von Stärke. Ihre Rede bestimmt die Saaltemperatur. Diese steigert sich immer mehr bis zum Siedepunkt. Die Arena scheint zu vibrieren, als alles in einem „Vive la République“ und einem „Vive la France“ sowie einem riesigen Fahnenmeer im Publikum kulminiert, als sich die enge Gefolgschaft der Kandidatin unter einem Konfettiregen und begleitet von einer pyrotechnischen Showeinlage hinter ihr auf der Bühne versammelt und die ganze Halle in einem gänsehauterzeugenden Finale die Marseillaise singt.

Am Ende, nach anderthalb Stunden, ziehen die Patrioten mit eingerollten Fahnen von dannen. Ein bärtiger junger Mann nutzt die Gelegenheit, endlich mal ein Interview zu geben. Er spricht von dem „linken Faschismus“, der die Herrschaft innehat und das französische Volk, „die einfachen Leute“ bedroht. Auf seiner Jacke steckt nicht nur das Eiserne Kreuz, sondern prangen ein Sticker mit der alten deutschen Reichskriegsflagge und ein Männchen, das ein Antifa-Zeichen in den Mülleimer wirft. Zum Schluss stellt sich wieder die Frage, wie rechtsextrem der FN ist? Ein Querschnitt der französischen Gesellschaft hat das Publikum jedenfalls nicht geboten. Auch wenn die Trikolore dominiert hat.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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