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In Ruhe allein sein

Den Traum vom Fliegen haben viele Menschen. Doch fliegen ganz ohne Motor, völlig abhängig von Wolken und Winden? Für Guy Bechtold gibt es nichts schöneres, Segelfliegen ist seine Leidenschaft. Und ganz nebenbei stellt er Rekorde auf.

Fotos: Holger Weitzel

Als er die Liebe zum Fliegen entdeckt hat, war er noch ein kleiner Junge. Und wollte es wie Ikarus gleich selbst ausprobieren, zuerst mit dem Regenschirm seiner Mutter, danach mit selbstgebauten Flügeln aus Pappe und Holz. Die Landung nach dem Sprung aus zwei Metern Höhe war hart, aufgeben wollte er trotzdem nicht. Ein paar Jahre später dann, so mit 15, machte er den Segelflugschein im Useldinger Segelflugverein. Mit dem Rad fuhr er die 30 Kilometer von seinem Wohnort Rodange bis Useldingen – und wieder zurück. Guy Bechtold lacht. Fliegen hatte für ihn schon damals Suchtpotential, gibt er zu. Wieso sonst sollte ein 15-Jähriger derartige Strapazen auf sich nehmen?

Seitdem ist viel Zeit vergangen. Und Guy Bechtold führt ein solides Leben, hat eine Familie gegründet und eine Firma aufgebaut. Trotzdem bezeichnet er sich als Verrückten, denn seine Liebe zum Fliegen ist über die Jahre nicht weniger geworden. Im Gegenteil. „Das Fliegen steckt mir im Blut“, sagt der mittlerweile 56-Jährige. Und: „Ich brauche es. Ohne Fliegen könnte ich nicht leben.“ Was ihn daran so fasziniert? „Die Ruhe, das Alleinsein. Hier unten sind immer Leute um einen rum, da oben bin ich alleine und muss meine Probleme selbstständig lösen.“

Über tausend Kilometer mit einem Segelflugzeug? Klingt unvorstellbar.

Das hört sich bedrohlicher an als es ist. Denn ernsthafte Probleme hat Guy Bechtold beim Fliegen kaum gehabt. Nur einmal in den Alpen kam es fast zu einem Zusammenstoß zwischen seinem und einem anderen Segelflugzeug. Doch das ist auch schon über zwanzig Jahre her, da hatte es noch kein Radar oder Antikollisionssystem gegeben. Rund fünfzig Mal kam er beim Fliegen nicht dort an, wo er wollte. Statt auf dem anvisierten Heimatflugplatz hatte er auf irgendeinem Feld oder Acker landen und sich dort von Vereinskameraden oder Freunden abholen lassen müssen. „Das kommt vor“, sagt er. Schon in der Ausbildung werde jeder Segelflieger auf eventuelle Notlandungen vorbereitet, die immer dann gemacht werden müssten, wenn es mit dem Tanken in der Luft nicht so geklappt hat wie geplant.

Tanken – so nennt Bechtold es, wenn Segelflugzeuge den Auftrieb nutzen, um an Höhe zu gewinnen. Das Prinzip ist einfach: Aufsteigende Luft, wie sie beispielsweise unter Schönwetterwolken zu finden ist – Insider sprechen deshalb auch von „Bart“ –, trägt das Flugzeug in die Höhe. Dabei schraubt sich das Flugzeug unter den Wolken so lange hinauf, bis es eine Höhe von etwa 2.000 Metern erreicht. Dann hat es freie Fahrt und lässt sich mehrere Kilometer durch die Luft gleiten, bis es auf etwa 1.000 Meter Höhe gefallen sind. Bis zum nächsten Bart und zum nächsten Auftrieb. Und immer so weiter. Stundenlang, wenn es sein muss. Wenn man Glück hat, findet man zwischendurch eine Wolkenstraße, unter der sich nicht hochgeschraubt werden muss, sondern der Auftrieb schnurstracks entlang der Straße nach oben führt.

Zwischen 30 und 50 Kilometer weit kommt Bechtold bei einem Abgleiten, abhängig von den Windverhältnissen und dem Gewicht seiner Maschine. Bis zu 250 Liter Wasser kann er zuladen, das er bei Bedarf über zahlreiche Düsen aus den Flügeln während des Fluges ablassen kann. Manchmal ist es sinnvoll, wenn die Maschine schwerer ist. Dann bekommt sie mehr Tempo und hält dem Wind besser stand. Dafür fällt sie schneller.

„Quintus M“ – was sich anhört wie ein Zauberbesen aus einem Harry-Potter-Buch, ist sein Flugzeug, ein Modell des Stuttgarter Flugzeugbauers Schempp-Hirth. Guy Bechtold fliegt es jetzt im fünften Jahr. Ein eleganter Flieger mit ein Spannweite von 23 Metern, gebaut aus einem unverwüstlichen Mix aus Carbon, Kevlar und Plexiglass. Guy Bechtold wurde in die Entwicklung des Fluggeräts miteinbezogen, sollte der Firma vorab alle Punkte nennen, auf die ein erfahrener Pilot wie er nicht verzichten wolle. „Alle meine Wünsche wurden beim Bau berücksichtigt, es ist das perfekte Flugzeug geworden“, sagt er. So perfekt, dass er auch den Aufwand, es durch die ganze Welt zu transportieren, nicht scheut. Regelmäßig fliegt er in Spanien, einmal im Jahr treibt es ihn nach Namibia, dort sei es ohnehin am schönsten. Bedingt durch die wärmeren Temperaturen komme er dort nicht nur auf eine Höhe von 2.000 Metern, sondern oft bis zu 6.000 Meter hoch.

„Alle meine Wünsche wurden beim Bau berücksichtigt, es ist das perfekte Flugzeug geworden.“

„Es gibt verschiedene Arten von Fliegern“, erklärt er. „Es gibt die Lustflieger, die einfach ein bisschen durch die Gegend fliegen. Und dann die, die irgendwohin fliegen, um dort einen Kaffee zu trinken und danach wieder zurück. Dann gibt es natürlich die Schüler, die das Kreisen im Auftrieb üben. Und schließlich die Strecken- und Rekordflieger, zu denen ich gehöre.“ Vor allem lange Strecken haben es ihm angetan. Der größte Wunsch eines Segelfliegers sei es schließlich, einmal mehr als tausend Kilometer am Stück zu fliegen. „Ich habe das schon 220 Mal gemacht“, sagt er und grinst. Er hält damit einen weltweiten Rekord. Sein großes Vorbild war Steve Fosset. Und um sein Idol zu schlagen, wollte er unbedingt vor diesem mehr als 1.250 Kilometer am Stück fliegen. Das war bislang erst sieben anderen Segelfliegern gelungen. Im Dezember 2007 war es dann so weit, Guy Bechtold flog die Strecke in gut neun Stunden über Namibia, als achter Pilot überhaupt.

Über tausend Kilometer mit einem Segelflugzeug? Klingt unvorstellbar. Es gehört auch einiges dazu: ein gutes Flugzeug, anständige Vorbereitung und eine gehörige Portion Ausdauer. Immerhin braucht ein Segelflugzeug für solch eine Entfernung bis zu zwölf Stunden. So lange alleine in einer engen Kabine eingesperrt zu sein, ist nicht jedermanns Sache. Jede halbe Stunde macht er deshalb mentales Training, das fördert Ruhe und Konzentration. Denn auch, wenn zuvor die Wettervorhersage ausgiebig studiert und der Flug bis ins kleinste Detail vorbereitet wurde, müssen Segelflieger flexibel bleiben und ihre Pläne kurzfristig ändern können. Nicht jede Wolke lässt sich schließlich voraussagen.

Regelmäßig fliegt er in Spanien, einmal im Jahr treibt es ihn nach Namibia.

Etliche Landesrekorde hat Guy Bechtold in den vergangenen Jahrzehnten erzielt, seit ein paar Jahren ist er auch weltweit aktiv, konnte Kontinentalrekorde in Afrika aufstellen und zwei Europarekorde verzeichnen. Einen für Schnelligkeit, den anderen für den freien Flug im Dreieck über 1.116 Kilometer. Sein nächstes Ziel ist ein neuer Rekord. Welchen genau, verrät er nicht. Vielleicht wird es ein Weltrekord. Zwei hatte er bereits erreicht, scheiterte aber bei der Anerkennung an einer bürokratischen Hürde: Die Papiere waren auf dem Postweg nach Lausanne verschwunden. Das wird ihm sicher nicht noch einmal passieren. Zur Not bringt er die Unterlagen persönlich vorbei.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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