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Ins rechte Licht gerückt

Vor 150 Jahren wurde das Matterhorn zum ersten Mal bestiegen. Sieben Männer waren aufgebrochen, nur drei kamen zurück. Jetzt wird im Schweizer Zermatt den Opfern gedacht, aber auch den vermeintlich Schuldigen an dem Unfall.

Text: Patricia Wohlgemuth (revue@revue.lu) / Fotos: Markus Kirchgessner

Mitte 1865. Der Engländer Edward Whymper bricht von der Schweizer Seite auf, das Matterhorn zu erklimmen. Zum ersten Mal. Mehrfach sind seine Versuche, den Gipfel von der italienischen Seite aus zu erreichen, gescheitert. In seiner Begleitung: die einheimischen Bergführer Peter Taugwalder senior und junior, der französische Bergführer Michel Croz sowie die drei Engländer Charles Hudson, Robert Hadow und Lord Francis Douglas.

Mit Hut, Stock, Wams und schlichtem Schuh geht es am 13. Juli los. Zum Fuße des Schicksalsberges. Nach einer kurzen Nacht beginnt in den frühen, dunklen Morgenstunden des 14.Juli der kantige Teil des Aufstiegs über den so unschuldig klingenden Hörnligrad.

Ausgestattet mit Schuhwerk und Kleidung, die in jenen Tagen noch nicht die Qualität heutiger Outdoor-Ausrüstungen hat, ersteigen sich die sieben Männer mühsam den Gipfel. Hadow, der jüngste der vier Engländer, entbehrt es nicht an Fähigkeiten, jedoch an den damals gängigen Nägeln in den Schuhsohlen. Diese Tour ist kein Spaziergang, doch sie erreichen am frühen Nachmittag des 14. Juli 1865 den Gipfel.
Michel Gros als Vordermann der Seilschaft ist nur noch wenige Schritte vom Gipfel entfernt, als Whymper, vom Ehrgeiz beseelt, im entscheidenden Moment am Rädchen der Geschichte gedreht. Auf den letzten Metern vor dem Gipfel löst er sich vom Seil, das alle sieben Männer verbindet. Doch anstatt behutsam die Knoten zu öffnen, zückt er das Messer, durchtrennt das Seil und überholt energischen Schrittes den Bergführer, der vor ihm geht. Ein Engländer als Erster auf dem Matterhorn! „Das Matterhorn war besiegt“, wird er später sagen.

Edward Whymper macht am Gipfel Aufzeichnungen und Skizzen, während sich der Rest der Gruppe erschöpft in Geduld übt. Die Rast über dem Rest der Welt zögert sich hinaus, und die Kraft der Männer schwindet. Zum Abstieg schließlich werden in üblicher Manier die Schwächeren des Septetts nach vorne gesteckt. Und das Seil notdürftig mit einem schnurähnlichen Stück Seil repariert.

Als Robert Hadow, der zweite im Bunde, ausrutscht, zieht er den vor ihm gehenden Michel Gros, sowie auch Hudson und Douglas mit sich. Vater und Sohn Taugwalder und Whymper, die alle hinter dem geflickten Schnürchen mit dem dicken Seil verbunden sind, versuchen vergeblich, ihre Mitwanderer zu halten. Das Verbindungsstück reißt. Die vier jungen Männer stürzen mehr als 1.000 Meter in die Tiefe und landen in einer Gletschermulde am Fuße der Nordwand.

Whymper, der Einzige des Schreibens kundige, hatte nach dem Unfall die Mittel, seine Version der Tragödie der Welt zu verkünden. Eine Darstellung, in der er schuldlos blieb und in der die Taugwalders nicht gut wegkamen. Vater und Sohn, die sich immer noch solidarisch mit Whymper verhielten, waren fassungslos. In der Zeit danach kümmerte sich die Justiz eingehend um den Fall, und die Darstellungen des Unglücks aus Whympers Sicht unterschieden sich maßgeblich von der der Taugwalders.
Edward Whymper wurde mehr Glauben geschenkt und Peter Taugwalder senior galt als Versager. Er wanderte resigniert und zutiefst getroffen für einige Jahre in die USA aus und starb dann später am Schwarzsee im schweizerischen Kanton Fribourg an einer Lungenentzündung. Taugwalder junior blieb im Tal, zog jedoch nach Täsch und somit an den Rand des Epizentrums des florierenden Bergsports. Bergtouren führte er weiterhin, solange bis ihm arthritisch die Knie versagten.

In diesem Sommer wird diese Geschichte in ein neues Licht gerückt. Dafür sorgt Benedikt Perren, ein Ururenkel Peter Taugwalders. Fünfzig mit Lämpchen bestückte Kuben werden den Sommer über den Aufstieg über den Hörnligrad markieren, und am Abend des 13. Juli wird Perren ihr Licht den Grad entlang auf den Gipfel schicken. Diese wandernde Erleuchtung wird sich zügig bis zum Gipfel nach oben tasten und die Absturzstelle rot beleuchten. Mindestens drei Mal wird das Lichtschauspiel an diesem Abend auf der Bühne des Matterhorns stattfinden. Benedikt Perren, der selbst als Bergführer schon mehr als 230 Mal auf dem Matterhorngipfel stand, kennt die Historie des 14. Juli 1865 gut genug. Er, wie auch die Feierlichkeiten zum 150. Jahrestag, beabsichtigen, das Geschehen des verhängnisvollen Erstbesteigungstags so darzustellen, dass auch die Taten der Taugwalders gewürdigt werden.

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Author: Philippe Reuter

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