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Insel der Hoffnung

Die luxemburgische Fotografin Carole Reckinger war auf Lesbos, um sich dort ein Bild von der Situation zu machen. Die griechische Insel steht derzeit im Mittelpunkt der europäischen Flüchtlingskrise.

Fotos: Carole Reckinger

In der Ferne ist ein orangefarbener Punkt zu sehen, dahinter das türkische Festland. Der Punkt wird größer. Allmählich ist ein Schlauchboot zu erkennen. Es nähert sich Lesbos. Etwa zwei Dutzend Menschen drängen sich auf dem Boot, das von einem Motor angetrieben wird. Dessen Tuckern wird lauter. An Bord sind Männer und Frauen mit Kindern. Allesamt Flüchtlinge.

Bevor das Boot am Strand angelangt ist, springen einige der Passagiere ins Wasser. Sie tragen kleine Rucksäcke, in denen das Nötigste verstaut ist. Einige halten ihre Kinder in die Höhe. Vom Ufer waten ihnen ein paar freiwillige Helfer entgegen und bringen sie an Land. „Die Ankunft der Leute ist extrem emotional“, sagt Carole Reckinger, die das Geschehen fotografierte. „Einige weinten. Auch mir sind die Tränen gekommen.“

Ankunft der „Boat People“: Ein Flüchtlingsboot erreicht Lesbos – an Bord sind mehr als zwei Dutzend Menschen. Täglich erreichen rund 80 Boote die griechische Insel.

Ankunft der „Boat People“: Ein Flüchtlingsboot erreicht Lesbos – an Bord sind mehr als zwei Dutzend Menschen. Täglich erreichen rund 80 Boote die griechische Insel.

Seit Jahresbeginn sind zigtausend Flüchtlinge vor allem aus Syrien, Irak und Afghanistan auf Lesbos eingetroffen. Die drittgrößte griechische Insel ist eines der wichtigsten Einfallstore der jüngsten Flüchtlingsströme nach Europa – und dabei nur ein Etappenziel der aus den Kriegsgebieten fliehenden Menschen auf ihrem Weg nach Europa. Lesbos ist eine Insel der Hoffnung. Auf den anderen Inseln nahe der türkischen Küste – wie Kos oder Samos – ist es derweil ruhig geworden.

„Einige weinten. Auch mir sind die Tränen gekommen.“ Carole Reckinger

„Als wir im August nach Lesbos aufbrachen, war das Medieninteresse bereits abgeebbt“, erzählt Reckinger. Die Fotografin und Entwicklungshelferin ist Anfang September zusammen mit der 100,7-Journalistin Pia Oppel nach Griechenland geflogen, um sich ein Bild von der Situation zu machen. „Manche Touristen haben ihren Urlaub abgebrochen, um zu helfen“, weiß die Luxemburgerin, die in Esch aufwuchs und in London studiert hat. „Wir trafen ein Ehepaar aus Belgien, eine Krankenschwester und ein Geschäftsmann. Sie packten ihren Mietwagen voll mit Windeln, Medikamenten und Wasserflaschen für die Flüchtlinge.“

Die griechischen Behörden auf der 86.000 Einwohner zählenden Insel in der nördlichen Ägäis, auf der zehntausende Flüchtlinge auf eine Weiterfahrt nach Athen warten, sind mit der aktuellen Situation überfordert. Auch das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR oder internationale Organisationen wie „Médecins sans Frontières“ haben nur begrenzte Kapazitäten. Kurz bevor die beiden Luxemburgerinnen eintrafen, war es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen und der Polizei gekommen. Letztere ging mit Pfefferspray gegen die aufgebrachte Menge vor.

„Tausende Menschen hatten tage- und wochenlang ausharren müssen, nichts war organisiert“, hat Carole Reckinger erfahren. „Sie schliefen in überfüllten Lagern, in Zelten und unter freiem Himmel. Manche lagen am Straßenrand. Kein Wunder, dass Spannungen aufkamen.“ Die Krawalle fanden in Mytilini statt, der Hauptstadt im Süden der Insel, mehr als 60 Kilometer von den Stränden entfernt, an denen die meisten Flüchtlinge ankommen. „Immer mehr Menschen trafen ein, bis zu 80 Boote am Tag mit jeweils 20 oder mehr Leuten“, beschreibt Reckinger die Situation. „Zugleich verließen weniger die Insel. Weil nicht genug Schiffe zur Weiterfahrt zur Verfügung standen, entstand ein regelrechter Stau.“

Erschöpft und erleichtert: Die Landung der Flüchtlinge ist voller Emotionen. Viele werden bei der Überfahrt seekrank oder haben Angst auf See, weil sie nicht schwimmen können.

Erschöpft und erleichtert: Die Landung der Flüchtlinge ist voller Emotionen. Viele werden bei der Überfahrt seekrank oder haben Angst auf See, weil sie nicht schwimmen können.

Noch immer kommen nach Angaben des UNHCR täglich mehr als zweitausend Flüchtlinge auf Lesbos an. In Mytilini gibt es eine Zeltstadt der Organisation. In einem dieser Katastrophenschutzzelte können acht bis zehn Personen schlafen. Kleinere Zelte gibt es an Kiosken zu kaufen. Fliegende Händler bieten Telefonkarten an. Aus der Not haben nicht nur internationale Schlepperbanden ein Geschäft gemacht, sondern auch Einheimische, die schon seit Jahren unter der griechischen Wirtschaftskrise zu leiden haben. Einige sind von der Insel weggezogen, die anderen leben größtenteils vom Tourismus. Viele Inselbewohner haben Angst, dass die Flüchtlinge ihnen diese letzte einträgliche Einnahmequelle verderben.

Noch immer kommen nach Angaben des UNHCR täglich mehr als zweitausend Flüchtlinge auf Lesbos an.

Es sei eine fast „surreale Situation“, sagt Carole Reckinger: Auf der einen Seite sind die Touristen, die nach Lesbos kommen, um ihren Urlaub zu verbringen, auf der anderen die Flüchtlinge, die ihre vom Krieg zerstörte Heimat verlassen mussten und die ihre letzte Hoffnung und oft ihr letztes Geld darauf setzen, nach Europa zu gelangen, um in Frieden zu leben. Die meisten haben mit Bussen die Türkei durchquert, andere sind mit dem Flugzeug nach Istanbul geflogen – darunter vor allem Syrer, die sich das leisten konnten.

Am Ende der Kraft: Dabei ist Lesbos nur ein Etappenziel auf der Odyssee der Flüchtlinge.

Am Ende der Kraft: Dabei ist Lesbos nur ein Etappenziel auf der Odyssee der Flüchtlinge.

In der Metropole am Bosporus oder in der Hafenstadt Izmir haben die Schlepperbanden, die wie eine Art von informellen Tourismusagenturen organisiert sind, etwa 1.200 US-Dollar pro Kopf für die Busfahrt an die Küste und die Überfahrt nach Griechenland kassiert. Die Entfernung zwischen dem Norden der Insel und dem Festland beträgt neun Kilometer – die kürzeste Distanz zwischen Lesbos und der Türkei.

Für eine Überfahrt kassieren die Schlepper rund 1.200 Dollar pro Kopf.

Mit Bussen werden die Flüchtlinge an die Küste gebracht und in eines der Schlauchboote gesteckt. Dazu gibt es Schwimmwesten oder Schwimmflügel zu kaufen, oder die billigeren Gummireifen als Rettungsringe. Eine Viertelstunde lang bekommen die „Boat People“ eine Einweisung, um sicher auf die andere Seite der Meerenge zu gelangen. Den Passagieren wird gesagt, dass sie ihr Boot nach der Ankunft mit Messern zerstören sollen. Die Schlepper wollen die Kontrolle über ihr Geschäft behalten. Das zerfetzte Gummiboot bleibt am Strand liegen. Die Motoren werden von den Inselbewohnern eingesammelt und wieder verkauft.

Von früh morgens bis zum Sonnenuntergang überqueren die Boote das Meer. Gelegentlich greift die türkische Küstenwache ein Boot auf. Meistens bleiben die Flüchtlinge aber unbehelligt. Helikopter der europäischen Grenzschutzagentur Frontex kreisen über dem Geschehen und beobachten die überfüllten Boote mit Wärmebildkameras. Die Flüchtlinge sind froh und erleichtert, in Europa und in Sicherheit angekommen zu sein.

Fluchtpunkt Europa

Allein im ersten Halbjahr 2015 sind etwa 433.000 neue Asylbewerber in der Europäischen Union angekommen. Seit August hat sich die Lage zugespitzt. Das Flüchtlingshochkommissariat UNHCR sieht die Ursache im Bürgerkrieg in Syrien.

In Luxemburg haben in den ersten acht Monaten des Jahres 838 Personen internationalen Schutz, d.h. Asyl beantragt, davon 115 aus Syrien. Nicht mitgezählt sind jene Syrer, die als sogenannte Kontingentflüchtlinge bereits einen Flüchtlingsstatus erhielten. Wer hierzulande Asyl beantragt, hat Recht auf Unterkunft und bekommt 25 Euro im Monat. Wer als Flüchtling anerkannt ist, bekommt das Recht zu arbeiten oder auf mindestens etwa 1.300 Euro RMG.

Griechenland ist das Land, in dem der größte Teil der Flüchtlinge in Europa ankommt. Bis August waren dies mindestens 200.000, die meisten über die Türkei. Viele wurden nicht registriert. Die meisten ziehen weiter über die sogenannte Westbalkanroute über Mazedonien und Serbien, die damit ähnlich wie Griechenland organisatorisch völlig überfordert sind. Mazedonien rief daraufhin im August den Ausnahmezustand aus.

Insgesamt sind zurzeit weltweit rund 60 Millionen Menschen auf der Flucht – innerhalb oder außerhalb ihres Landes. Warum kommen ausgerechnet jetzt so viele Flüchtlinge aus den Kriegsländern Syrien, Irak und Afghanistan nach Europa? Im Jahr vier des syrischen Krieges erfasst dieser immer mehr Gebiete des Landes. Die Situation wird immer hoffnungsloser. Schwieriger ist auch die Lage der Flüchtlinge in den Nachbarländern Jordanien und Libanon sowie für die zwei Millionen in der Türkei. Der Nahe Osten ist und bleibt ein Pulverfass, Europa der Fluchtpunkt.

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Doch ihre Reise ist längst nicht zu Ende. Zuerst müssen sie zu Fuß in die nächste Stadt weiterziehen, die fünf Kilometer entfernt ist. „Es gibt kaum Informationen. Wenn keine Freiwilligen vor Ort sind, um ihnen den Weg zu zeigen, wissen sie nicht, wohin sie gehen sollen“, sagt die Luxemburgerin. Ebenso gibt es kaum Busse zu den Registrierungszentren im Süden der Insel. Nicht selten geschieht es, dass ein Bus mit einer Reifenpanne liegen bleibt. So haben die Neuankömmlinge keine andere Chance, als zu Fuß die tagelange Reise über die Berge im Innern der Insel anzutreten.

Ganze Kolonnen sind unterwegs. „Als wir eintrafen, schliefen etwa 2.000 Leute auf der Straße, auf dem Trottoir, auf beiden Seiten, ohne Decken und Toiletten, nicht weit von den Touristencafés“, erzählt Carole Reckinger. „Sie warten auf einen Bus, um in den Süden zu gelangen. Wenn kein Bus kommt, bleibt ihnen nichts anderes übrig als der Fußmarsch. Wenn sie in Kolonnen am Straßenrand gehen, Mütter mit weinenden Kindern, hungrig und durstig, ohne Orientierung, ist dies wie eine Völkerwanderung. Vor allem in den Kurven ist es gefährlich.“

Wer mit dem Auto Flüchtlinge mitnimmt, so lange diese nicht registriert sind, bekommt leicht Schwierigkeiten. Taxifahrer hüten sich davor. Die griechische Inselpolizei will jeglichen Ansatz von Menschenschmuggel verhindern. Ab und zu kommt es vor, dass sie freiwillige Helfer schikaniert, weiß Carole Reckinger. Sie werden dann ins Polizeibüro mitgenommen. Denn Hilfe ist zugleich Fluchthilfe. Und die ist offiziell strafbar.

Wer mit dem Auto Flüchtlinge mitnimmt, so lange diese nicht registriert sind, bekommt leicht Schwierigkeiten.

Die verschiedenen Registrierzentren werden teils von größeren Organisationen wie dem UNHCR geleitet. Die Flüchtlinge werden in Camps je nach Herkunftsland eingeteilt – nach Syrern, Irakern und Afghanen. Die größte Gruppe, die der Syrer, ist vor allem im Kara Tepe Camp untergebracht, andere sind zum Beispiel im Moria Detention Centre etwa fünf Kilometer außerhalb von Mytilini. „Die Unterschiede zwischen den Flüchtlingsgruppen kann man leicht feststellen“, sagt Carole Reckinger, „und zwar schon bei der Ankunft an den Schwimmwesten. Die Syrer tragen meistens die teuren, sie haben mehr Geld.“

Es wird von zahlungskräftigen Flüchtlingen berichtet, die mit dem Schnellboot über die Ägäis kamen. In den Cafés und Restaurants von Lesbos tummelt sich neben Touristen manch wohlhabender Syrer. Andere wiederum warten am Straßenrand auf die Weiterreise. Dass nicht alle Flüchtlinge gleich sind, weiß jeder. „Obwohl wir alle im gleichen Boot sitzen“, sagte ein junger Syrer der Luxemburger Fotografin.

Eine 18-jährige Afghanin ging mit ihrer Familie zu Fuß quer über die Insel und wartet seit zwei Tagen auf die Weiterfahrt. Die junge Frau hat panische Angst davor, unter freiem Himmel zu schlafen. Es gibt Schlangen und Insekten. Zudem sind die Lager und Strände teils vermüllt, seit Wochen wurde kein Abfall mehr eingesammelt. Einige Male tauchen laut Meldungen griechischer Zeitungen kleinere Gruppen lokaler Neonazis auf.

Sie warten stundenlang in der prallen Sonne, ihre Haut ist von der Sonne verbrannt.

„Die Flüchtlinge müssen ständig Schlange stehen – um ein Ticket zu erhalten, sich zu registrieren oder eine Fotokopie zu machen“, sagt Reckinger. „Sie müssen viel Geduld haben.“ Die Neuankömmlinge erhalten bei ihrer Registrierung, die keinem Asylantrag entspricht, eine Art Passierschein ausgestellt und müssen Griechenland innerhalb von ein paar Wochen bis zu sechs Monaten verlassen. Weiter geht es mit einem Touristenschiff oder einer großen Fähre nach Athen. Die Tickets gibt es am Hafen. Die Flüchtlinge warten stundenlang in der prallen Sonne, ihre Haut ist von der Sonne verbrannt, und sie zahlen 60 Euro für das Nachtschiff nach Athen. „Wir bekamen eines in zwei Minuten für 45 Euro“, erzählt die Luxemburgerin.

 Warteraum Europas: Die Flüchtlinge verbringen viel Zeit mit Warten, hier in der Hauptstadt Mytilini.

Warteraum Europas: Die Flüchtlinge verbringen viel Zeit mit Warten, hier in der Hauptstadt Mytilini.

Sie beschreibt, wie die Odyssee im Hafen von Athen weitergeht: „Hunderte warten dort. Wir sahen Leute, die in der U-Bahnstation schliefen.“ Mit dem Bus, Zug oder Flugzeug führt die Völkerwanderung nach Thessaloniki. Die meisten wissen, welches Chaos auf der Strecke herrscht und können sich vorstellen, was noch auf sie zukommt. Aber sie haben keine andere Wahl, weiß die Luxemburgerin.

Der Großteil der Flüchtlinge will nach „Germany“, das wie das gelobte Land gepriesen wird, oder Schweden, ein ebenso beliebtes Ziel. Das bedeutet, dass sie über die sogenannte Westbalkanroute weiterziehen. Von Thessaloniki führt ihre Reise ins nahe Mazedonien, dann zieht der nicht enden wollende Treck über Serbien, Ungarn und Österreich schließlich nach Deutschland. Über Handy und Facebook halten sie sich auf dem Laufenden und wissen, dass Ungarn die Grenze zu Serbien geschlossen hat.

Carole Reckinger hat bei ihren Recherchen einen afghanischen Arzt und seine schwangere Frau kennengelernt, die mittlerweile „irgendwo in Ungarn unterwegs sind“. Wo genau, weiß sie nicht. Für die Strecke von Serbien nach Österreich verlangen Fluchthelfer mittlerweile 1.500 Euro. Das Paar aus Afghanistan hat es auf eigene Faust versucht. Wem das Geld ausgegangen ist, der lässt sich von Familienangehörigen per Western Union etwas nachschicken. Andere bleiben in Serbien hängen. Aus diesem Grund haben in jüngster Zeit hunderte Flüchtlinge aus Eritrea in dem Balkanstaat Asyl beantragt. Serbien zeigt sich gegenüber den Flüchtlingen entgegenkommend.

Ganz anders Ungarn, das seine Grenzen nach Serbien geschlossen hat. Die Magyaren zeigen sich unnachgiebig. Weil Ungarn sich mit Stacheldrahtzäunen abschottet, ziehen viele Flüchtlinge nun doch über Kroatien, obwohl die Route gefährlich ist: Aus der Zeit des Balkankrieges in den 90er Jahren liegen in der kroatischen Erde noch Hunderttausende von Landminen vergraben. Mehr als 11.000 Menschen wählten letzte Woche diesen Weg. Kroatien ist mit der Situation überfordert. Auch dieser Staat hat seine Grenzübergänge zu Serbien geschlossen und Slowenien hat den Zugverkehr eingestellt. Aber die Flüchtlinge lassen sich nicht aufhalten. Sie können nicht umkehren. Es gibt keinen Weg zurück. „Sie haben“, wiederholt Carole Reckinger, „keine andere Wahl.“

Ohne Draht nach draußen: Handys dienen den Flüchtlingen zur Information über die Fluchtroute, aber auch als Kontaktmittel mit der Heimat. Einige sind in Camps untergebracht, wo sie registriert werden. Andere campen mitten in der Stadt. Carole Reckinger war Augenzeugin einer großen Flucht.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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