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Irgendwas mit Freiheit

Feminismus ist nicht mehr zeitgemäß. Nicht, wenn er die Augen vor Gender-Vielfalt und neuen Problemfeldern verschließt. Aspekte, die ihm trotz anhaltenden Grundprinzipien einen neuen Anstrich verpassen – und gleichzeitig auch zu schaffen machen.

Fotos: Anne Lommel, Pixabay

Marta* ist Anfang dreißig. Jahrgang 1985. Mutter einer einjährigen Tochter, Grundschullehrerin und Frau. Frau, die auf Mädels-Abende mit prickelndem Sekt und „Germany‘s Next Topmodel“ steht. Ohne Männer, weil Männer das nicht verstehen. Das sagt Marta. Und Marta sagt noch mehr: „Ein zweites Kind kommt nicht in Frage. Wie soll das denn gehen? Vollzeit arbeiten, den Haushalt schmeißen und zwei Kinder großziehen?“ Ich verweise auf Kitas. „Und nach der Kita? Nein, das ist nicht möglich. Nicht, solange ich arbeite.“ Ob ihr Ehemann wisse, wie man eine Herdplatte und eine Waschmaschine bedient, will ich wissen. Verdutzte Augen. „Ja klar, aber das muss der doch nicht machen. Er ist ein Mann.“ Ein Mann, der sein Recht auf Elternzeit in Teilzeit genutzt hat, die Entscheidung aber später bereute. Zu viel Arbeit für das eigene Unternehmen blieb auf der Strecke.

Stereotypische Rollenbilder blühen wieder auf. Selbst, wenn politische Maßnahmen zur Gleichstellung ergriffen werden, sieht es in der Praxis anders aus. Familiäre Zuständigkeiten werden geschlechterspezifisch verteilt – und die Gesellschaft nimmt diese Umstände als selbstverständlich an, wie die Vorherrschaft der binären Norm im Allgemeinen. So, wie Marta, die sich selbst als traditionsgebunden, aber offen beschreibt.

„ Schon Kindern muss beigebracht werden, dass ihr Geschlecht nichts mit Respekt, Empathie und Zuneigung zu tun hat. Das ist ein Erziehungs- und Bildungsauftrag.“
Christa Brömmel, Verantwortliche für soziopolitische Projekte des CID

Andere Stadt, andere Situation. Jonathan* sitzt in einem Kaffee. Seine mittellangen Locken unter einer Mütze versteckt, mit gestutztem Vollbart. Mitten in der Großstadt. Mitten im Philosophie-Studium. Anfang zwanzig. „Wenn ich mich schminke und Röcke trage kriege ich doch keine Frau mehr ab“, überlegt er laut. „Eigentlich würde ich das total gern mal ausprobieren, aber als durchschnittlich aussehender Hetero landest du sofort in der ‚friend zone‘.“ Eitel ist er nicht. Nur ein freier Geist, von Klischees in Ketten gelegt. Ein Mann darf einen Rock und Lippenstift tragen, aber nicht wertfrei. So seine Theorie.

Eine Theorie, bei der die Film- und Werbebranche Beifall klatschen. Die Kultur ist immer noch geprägt von patriarchalen Werten, weswegen Männer wie Jonathan sich unter anderem zieren ihre Wünsche auszuleben. Werbespots zeigen vorwiegend weiße, wohlhabende, Heteropärchen. Geleckt, mit Kind und Kegel und perfektem Eigenheim. Vorbilder für die Jugend und Spiegel einer vermeintlichen Norm. Die Milchschnitte schmeckt nicht, wenn sie ein Transgender-Mann in die Kamera hält. Vorsicht: Ironie. Christa Brömmel, Verantwortliche für soziopolitische Projekte des CID (Centre d’Information et de Documentation des femmes „Thers Bodé“), nickt bedacht, wenn sie sagt: „Die Diskrepanz zwischen Theorie und gesellschaftlicher Realität verunsichert die Menschen.“ Im wissenschaftlichen Diskurs sind die Geschlechtervielfalt und das Aufbrechen binärer Geschlechternormen angekommen. Außerhalb dieses Kontexts stößt beides auf hochgezogene Augenbrauen. Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist in der Hinsicht gegeben, dass beide nicht aus dem starren Geschlechtermodell auszubrechen vermögen.

Früher wollte die feministische Bewegung Gleichheit zwischen Mann und Frau. Das will sie immer noch, auch wenn in Luxemburg auf politischer und juristischer Ebene schon einiges erreicht wurde. Mit der Ratifizierung der Istanbul-Konvention, die seit 2011 zu einem verstärkten Kampf gegen jede Form von Gewalt gegen Frauen – aber auch gegen Männer – aufruft und deren Nicht-Befolgung zu Sanktionen führt, schlug Luxemburg einen bedeutenden Weg ein. „Die rezente juristische Entwicklung verspricht eine Gesetzesverbesserung“, so Brömmel. Auch seien die Maßnahmen des Ministeriums für Chancengleichheit wichtig. Die Einführung der Frauenquote ein positiver Beschluss, der allerdings nach wie vor nicht hundertprozentig umgesetzt würde. Auf dem Papier werden Mann und Frau in Teilbereichen gleich groß geschrieben – die Realität zeigt wiederrum etwas anderes.

Ein und derselbe Atemzug verliert sich nämlich in einer Welt, in der Genitalienverstümmelung bei Mädchen, Zwangsheiraten, gewaltvolle und erzwungene Prostitution, ungleiche Löhne, sexualisierte, psychische, physische und häusliche Gewalt – vor allem gegenüber Frauen – existieren. Eine Welt, in der ehrenamtliche Helfer in Krisengebieten Frauen vergewaltigen, für die Essensausgabe zum Sex zwingen und zeitgleich andernorts „Mutti“ Merkel (Hätte man Schulz „Vati“ getauft?) eine Weltmacht regiert. Und im kleinen Kreis Marta und Jonathan aufgrund ihres Geschlechts ihre Wünsche negieren. Ambivalent, diese Welt. Die gewonnenen Freiheiten erscheinen wie eine Illusion. Die Gleichstellung eine Farce.

Ein nationales Beispiel bietet die Berichterstattung nach den Wahlen im Oktober. „Wie oft wurde nach den Wahlen kommentiert, dass in diesem und jenem Gemeinderat viele Frauen vertreten seien? Dieser Umstand wird immer noch hervorgehoben“, erläutert Brömmel. „Nur wenige Frauen sind aber bekannt genug, um ihre Partei auf nationaler Ebene als Spitzenkandidatin zu vertreten.“ Manche mögen das als Bagatelle abtun, doch es spiegelt, was kein Thema mehr sein sollte: Die anhaltende Verwunderung über Frauen in Führungspositionen. Es ist nach wie vor keine Normalität – dabei sollte es das längst sein. „Im Privatsektor spielen auch geschlechterspezifische Gehaltsunterschiede nach wie vor eine Rolle“, weiß Brömmel.

Die feministische Bewegung arbeitet sich hierzulande an Baustellen ab, die mit der des Flughafens Berlin-Brandenburg konkurrieren. Oder mit der Suche nach dem „Bommeleeër“. Stichwort Scheidung. Die individualisierte Sozialabsicherung fristet ein Dasein als unerfüllte Forderung. „Jeder Mensch muss Eigenverantwortung übernehmen. Der Staat sollte aber dafür sorgen, dass Menschen bei zunehmend individualisierten Lebensmodellen für sich selbst verantwortlich sein können.“ Brömmel muss lachen, wenn sie darüber nachdenkt, wie lange schon darüber diskutiert wird. Sarkastisch amüsiert. „Die Einführung einer individualisierten Sozialabsicherung ist dem Staat auch in dieser Legislaturperiode nicht gelungen.“

Und trotzdem stolpern wieder deutlich mehr Paare vor den Traualtar. Hochzeiten und Ehe feiern eine Renaissance. Ich denke an Marta. Marta, wie sie sich auf die Hochzeit in Weiß freute. Im Gespräch mit der Historikerin und Journalistin Renée Wagener suche ich nach Erklärungen. Dafür, dass Ehe immer noch als Lebensversicherung gesehen wird. Auf emotionaler wie auch auf finanzieller Ebene. „Vielleicht ist es Nostalgie. Ein ferner Wunsch aus Kindertagen.“ Wagener zögert. Sicher ist sie sich nicht. „Die Migrationsgesellschaft in Luxemburg spielt da sicherlich auch mit rein. In manchen Kulturkreisen findet der Diskurs über eine alternative Rollenverteilung und offene Lebensmodelle noch nicht – oder nicht in bedeutendem Maße – statt.“ Ferner deuten sowohl Brömmel als auch Wagener die Rückkehr zu alten Traditionen und Lebensweisen als Zeichen der Verunsicherung. Wagener verortet sie auf wirtschaftlicher Ebene: „Die jahrelange Wirtschaftskrise hat viele Menschen verunsichert und sie dazu veranlasst in traditionellen Mustern Zuflucht und Halt zu suchen.“

Wer das Fenster zur Welt öffnet, beobachtet gleichzeitig Gegenbewegungen. Menschen ergreifen das Wort gegen Missstände, die im geheimen Kämmerchen – in diesem Fall der Casting-Couch von Filmproduzenten – herrschten. Das Hashtag #MeToo erobert die sozialen Netzwerke. Es bricht mit dem Tabu, über Machtausnutzung und sexuellen Missbrauch zu schweigen. Der Kampf gegen die sexualisierte und häusliche Gewalt gegen Frauen und im Allgemeinen hat nichts an Wichtigkeit eingebüßt. Der Feminismus scheint durch die öffentliche Debatte weniger marginalisiert, als in den 90 er Jahren. Damals bedeutete Feministin oft Männerhasserin, erinnert sich Wagener. Heute wird die Bewegung durch solche Aktionen von einem breiten Publikum zelebriert, aber auch vielseitig diskutiert und kritisiert.

Die luxemburgische Antwort auf eine florierende Internetkultur und politische Diskussionen zu Gender-spezifischen Konflikten bleibt allerdings weitestgehend aus. „Ich vermisse hierzulande den politischen, feministischen Diskurs. Offene Worte zu realen Problemen. Die Ungerechtigkeiten müssen beim Namen genannt werden und die Errungenschaften als Sieg über die institutionalisierte Ungleichheit proklamiert werden“, bedauert Wagener. „Es besteht kein Drang nach einer Streitkultur, weil der Wohlstand in Luxemburg hoch ist. Das Interesse ist da, wie sich beim Vortrag von Laurie Penny, einer britischen Feministin, im Saal „Robert Krieps“ der Abtei Neumünster zeigte, aber es geht nicht darüber hinaus.“ Die wenigen, die den Diskurs voranzutreiben versuchen, wie eben der CID oder die Wissenschaftlerin Sonja Kmec von der Universität Luxemburg, sind Ausnahmen.
Der Feminismus wird noch von denselben Grundpfeilern getragen: vom Kampf für Vereinbarkeit von Job und Familie, dem gegen Gewalt und geschlechterspezifischer Unterdrückung sowie patriarchalen Herrschaftssystemen – doch es kommen weitere hinzu. Die feministische Bewegung steht zusätzlich einer digitalen Gender-Kluft gegenüber, die in der digitalisierten Arbeitswelt aufklafft. Genauso Fragen zur fortschrittlichen Reproduktionsmedizin, wie beispielsweise der Leihmutterschaft. Sie gerät schneller selbst in den Sumpf der Diskrimination. „Unsere Gesellschaft wird immer vielfältiger, deswegen müssen auch wir unterschiedlich an diverse Probleme herangehen, um uns mit verschiedenen, sozialen Gruppen zu solidarisieren und sie zu erreichen“, umschreibt es Brömmel. Wagener findet klare Worte: „Man weiß nicht mehr, wo genau der Feind steht.“ Sie spricht davon, dass früher in der feministischen Bewegung ein stärkeres Einheitsgefühl herrschte, weil man sich eins war, wer wen unterdrückt. Inzwischen erstrecken sich die Diskriminationsachsen auch im feministischen Diskurs verstärkt über verschiedene Gender, ethnische und soziale Gruppierungen.

„ Die jahrelange Wirtschaftskrise hat viele Menschen verunsichert und sie dazu veranlasst in traditionellen Mustern Zuflucht und Halt zu suchen.“
Renée Wagener, Historikerin und Journalistin

Hinzu kommt, dass Männer selbst in die Tretmühle des patriarchalen Systems geraten und von Kontradiktionen zermalmt werden. Im Gegenteil zu Frauen, die nach oben streben, sollen sie sich in Bereiche einarbeiten, die gesellschaftlich ein geringeres Ansehen genießen. Um gesellschaftlichen und beruflichen Standards zu entsprechen, sind sie gezwungen ihre privilegierte Position aufzugeben. Auch sie geraten in die Opferrolle, doch werden sie dafür allgemein gesellschaftlich belächelt. Eben, weil sie das stärkere Geschlecht sind. Gibt es sowas außerhalb des biologischen Diskurses überhaupt? „Schon Kindern muss beigebracht werden, dass ihr Geschlecht nichts mit Respekt, Empathie und Zuneigung zu tun hat. Das ist ein Erziehungs- und Bildungsauftrag“, hält Brömmel fest.

Es ist für alle eine verunsichernde Position, weil sie unbestimmt ist. Und mit dieser Unbestimmtheit lässt es sich schwer und leicht zugleich leben. Eine Welt mit zwei Gesichtern, die sich dennoch in eine Richtung dreht.

* Namen von der Redaktion geändert

Frauenbewegung in Luxemburg

1972 wurde der „Mouvement de libération des femmes“ als Reaktion auf die Unmündigkeit der Frauen in der 1968er Bewegung sowie auf die Politisierung der Frauen gegründet. Die Künstlerin Berthe Lutgen trieb die Initiative voran, um gegen sexuelle, rechtliche und ökonomische Ungleichheiten vorzugehen. Männer waren ausgeschlossen, um einen freien Ort für Frauen zu schaffen. Der erste Vorstand setzte sich aus Jeanne Rouff, Lise Linster, Renée Wiroth, Berthe Lutgen, Marguerite Biermann, Evelyne Erpelding, Micky Wiroth und Alice Lesch zusammen. Hauptthemen waren die Eherechtsreform und die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Mit zunehmendem politischen Engagement der einzelnen Mitgliederinnen und dem oft kritisierten, weil marginalisierten Arbeitsfeld der Gruppe, wandten junge Feministinnen sich zunehmend vom MLF ab. Eine Projektgruppe, bestehend aus Rosa Aguilar, Maite, Collette Kutten, Lidia Pola, Marina Cinque, Emilia Gallego, Paca Rimbau, Maria Alexki und Daniela Centofanti, arbeitete folglich Anfang der 1990er an der Errichtung eines Frauendokumentationszentrums, dem heutigen CID, das 1992 mithilfe großzügiger Spenden eröffnet wurde. Verdienste des MLF sind die erste, subventionierte Kita Luxemburgs, die erste Initiative für weibliche Gewaltopfer und generell der Anstoß öffentlich über die Geschlechterfrage zu diskutieren.

Quelle: Das Gespenst des Feminismus. Frauenbewegung in Luxemburg. Gestern – heute – morgen. Hrsg.v. : Sonja Kmec im Zusammenarbeit mit dem CID-Femmes. Jonas Verlag: Luxemburg/Marburg, 2012.

Isabel Spigarelli

Ressorts: Wissen, Kultur

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Author: alommel

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