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Irgendwie…

… wäre dieses Spiel fast an mir vorbeigezogen. Irgendwie wäre das aber auch nicht tragisch gewesen. Spaß macht es dennoch… irgendwie.

Genre: Strategie-Shooter / Studio: V1 Interactive / Publisher: Private Division / Termin: erhältlich / Plattform: PS4, Xbox One, Windows (digital) / Preis: 49,99 € / Altersempfehlung: 16+

Test: Disintegration (PS4)

Bitte verzeihen Sie mir gleich die Überbeanspruchung des Wortes „irgendwie“ in diesem Text. So ist es doch das Wort, welches mir ständig am meisten durch den Kopf ging während meiner Testsession. Disintegration ist ein Genremix aus Ego-Shooter und RTS (Real-time Strategy). Die Mixtur funktioniert eigentlich recht gut, lässt allerdings Spieltiefe und richtige Taktik vermissen. Doch beginnen wir ganz vorne.

Der Spieler wird ohne Erklärungen mitten ins Geschehen geworfen, in eine Welt der Zukunft, in denen Roboter das Überleben der Menschheit sichern sollen. Krankheiten, Ressourcenmangel und Naturkatastrophen haben für eine starke Dezimierung unserer Spezies gesorgt. Die „Integration“, ein Verfahren, bei dem das Gehirn des Menschen in einen Roboterkörper verpflanzt wird, soll Abhilfe schaffen. Sogenannte „Natürliche“, also Menschen, die noch in ihrem Körper stecken, gibt es kaum noch. Die Integration sollte nur ein temporärer Übergang sein, doch eine militante Gruppe namens „Rayonne“ will dafür sorgen, dass die gesamte Menschheit dauerhaft zu Maschinen umgewandelt wird, und das mit roher Gewalt. Um diese Fakten zu erfahren, muss der Spieler mehrere Stunden spielen und viel zwischen den Zeilen lesen. Das Storytelling von Disintegration ist sehr chaotisch und oberflächlich und verfängt sich gerne in toll inszenierten, aber wenig aussagekräftigen Zwischensequenzen.

Man spielt Romer Shoal, ehemaliger Gravcycle-Rennpilot und angehöriger einer Rebellengruppe, welche sich dem Niedergang von „Rayonne“ verschrien hat. Das Gravcycle ist eine Art große Drohne, auf der Romer Platz nimmt und einige Meter über dem Boden schweben kann. Drei Modelle darf er fliegen, jedes ist mit anderen Waffen bestückt. Von diesem Vehikel aus befehligt Romer seine kleine Kämpfertruppe, ein zusammengewürfelter Haufen Integrierter, die alle mit individuellen Angriffen und Fähigkeiten daherkommen. Auf Gegner schießen kann man auch, aber das Kernelement ist das Taktieren und Befehligen der Truppe. Irgendwie bringt das frischen Wind ins Shooter-Genre, allerdings begrenzen sich die Befehle auf „laufe hier oder dort hin“, „greife diesen oder jenen Gegner an“, „benutze deine Spezialfähigkeit“ oder „öffne diese Kiste“. Klingt nach wenig Gameplay, ist es auch.

So richtig mitreißen tun einen die Spielabläufe nie.

So gestalten sich die Missionen schnell eintönig. Erst die Gegner plätten, dann die Gegend nach Ressourcen und Kisten scannen, diese bergen, und ab zum nächsten Abschnitt, wo alles von vorne beginnt. Nach erfolgreich abgeschlossener Mission kriegt man eine Zwischensequenz zu sehen, man findet sich wieder im Hub, und startet ab dort die nächste Mission. Die Idee, eine Basis als Startposition zu haben ist ja ganz nett, mehr als nichtssagende Dialoge mit den Mitstreitern zu führen, oder sich Zusatzaufgaben für den nächsten Einsatz zu ergattern, kann man allerdings nicht. Die Art und Weise, wie man interagiert, ist so billig gemacht, dass man alldem schnell überdrüssig wird und nur noch hastig alle Anlaufstellen abklappert und blind die nächste Mission startet. Welches Gravcycle man im Einsatz steuert, wird einem übrigens auch vorgegeben. Belohnendes Spieldesign geht definitiv anders. Immerhin kann man sich und seine Mitstreiter mit Upgrade-Chips, welche man in den Levels findet, auf fünf Kategorien verteilt, aufwerten.

Gelegentlich wird der Missionsverlauf aufgelockert mit Einsätzen, die sich etwas abheben. So muss man etwa einmal, ganz auf sich allein gestellt, ein Gefängnis infiltrieren, um einen Verbündeten zu befreien, oder man eskortiert eine Art Lastwagen durch eine zerstörte Stadt. Doch so richtig mitreißen tun einen die Spielabläufe nie. Die Auswahl an Gegnerarten ist sehr überschaubar und sorgt für rasch einsetzende Monotonie. Auch die gelegentlichen Plot-Twists locken niemanden aus der Deckung hervor, weil sie einfach mit kitschigem Melodrama und Pathos vollgestopft sind. Irgendwie sind die Charaktere ja ziemlich cool gestaltet, leider hat man aber nie die Gelegenheit, sie richtig ins Herz zu schließen. Irgendwie möchte man ja mit der Truppe mitfiebern, aber die Entwickler haben es verpasst, eine immersive Welt zu erschaffen. Grafisch sieht das Spiel gut aus, es gibt zum Beispiel genügend zerstörbare Objekte und abwechslungsreiche Umgebungen, richtig mit Leben gefüllt oder spannend gestaltet sind sie allerdings nicht. Irgendwie möchte man mehr entdecken, Secrets erkunden oder alternative Wege einschlagen, die schlauchigen Level erlauben es aber schlichtweg nicht. Und dennoch; irgendwie fesselt einen das Spiel dann doch hin und wieder. Ob das am Gravcycle liegt, am ungewöhnlichen Setting, der tollen Musik oder der ansehnlichen Grafik, so ganz schlecht ist Disintegration nicht. Dass man allerdings innerhalb einer Mission nicht speichern kann, ist ärgerlich. Wenn man das Spiel abbricht und am nächsten Tag neu startet, muss man eine nicht beendete Mission ganz von vorne beginnen. Grafikfehler wie Pop-Ups und Texturprobleme, gelegentliche Ruckler und die träge Steuerung sind auch als negativ zu verzeichnen.

Neben der Einzelspielerkampagne bietet das Spiel übrigens auch einen Multiplayer-Part. In drei Spielmodi befehligt man seine Gruppe, genau wie in der Kampagne, man hat aber die Wahl aus einer von neun vorgefertigten Truppen. Durch gewonnene Schlachten erhält man Erfahrungspunkte, welche in kosmetische Spielereien investiert werden dürfen. Diese sind auch mit Echtgeld erwerbbar. Und das war‘s. Irgendwie hat man das Gefühl, dass dieses Spiel so viel mehr sein möchte, aber so richtig entfalten kann es sich nicht. Irgendwie hat es viele Faktoren, die einen schnell nerven, aber irgendwie macht es trotzdem Laune. Und dennoch: Es hinterlässt einen unfertigen Eindruck. Ganz auf einen MP zu verzichten und mehr Energie in einen ausgereifteren Storymodus zu investieren, hätte dem Spiel bestimmt gut getan. Irgendwie…

DISINTEGRATION_Keyart_4K-Kopie

staerne

Fotos: Private Division

Daniel Paulus

Grafiker

Multimedia, Game Reviews

Author: Martine Decker

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