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Ja zur Vielfalt

Schüler mit und ohne Behinderungen in einer Schulklasse – für die einen ist Inklusion eine Utopie, für die anderen soll es möglichst bald Realität werden. Für den Psychologen Germain Weber ist sie ein Leitgedanke für das menschliche Zusammenleben.

Fotos: wavebreakmedia (Shutterstock), Universität Wien

Herr Weber, Luxemburg hat die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet und sich auf Inklusion im Bildungswesen verpflichtet. Wie sieht Inklusion in der Praxis aus?
Mit der UN-Konvention von 2006 gab es ein ganz neues Instrument, um die Chancengleichheit für Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft zu realisieren. Die Übereinkunft betrifft alle Lebensbereiche von der Kindheit bis ins hohe Alter sowie von der Schule bis in die Arbeitswelt. Dies geht einher mit einem gesellschaftlichen Modell, das alle Menschen in ihrer Vielfalt als Teil der Gesellschaft sieht, sie teilhaben lässt und Diskriminierungen beseitigt, damit sich Chancengleichheit überhaupt entwickeln kann. Zu erwähnen seien dabei die Worte von Richard von Weizsäcker. Der damalige deutsche Bundespräsident sagte bereits 1993 in seiner berühmten Bonner Rede: „Was im Vorhinein nicht ausgegrenzt wurde, muss hinterher nicht eingegliedert werden.“ Dies entspricht dem Inklusionsgedanken. Dass wir früh beginnen, Menschen mit Behinderungen in die normalisierte Umwelt mit aufzunehmen und sie zu unterstützen.

Welche Rolle kommt dabei den Schulen zu?
Eine ganz besondere. Sie prägen die ersten beiden Jahrzehnte unseres Lebens. Schule ist ein bedeutender Faktor. Eine inklusive Pädagogik ist das Gegenteil von selektiver Pädagogik – und damit einer Pädagogik der Ausgrenzung. Diese Ausgrenzung in ein Sonderschulsystem, in eine „éducation differencié“ (Edif), bringt den betroffenen Kindern eine ganze Reihe von Benachteiligungen. Sie können zum Beispiel nicht im frühen Leben gemeinsame Erfahrungen mit nichtbehinderten Kindern machen. Und diese wiederum machen dann keine frühen Erfahrungen mit behinderten Kindern. Die inklusive Pädagogik bringt folglich einen Mehrwert für beide Kindergruppen.

„Die inklusive Pädagogik bringt einen Mehrwert für behinderte und nichtbehinderte Kinder.“ Germain Weber

Können Sie ein positives Beispiel nennen?
Ich denke zum Beispiel an die skandinavischen Länder – an Finnland und Schweden, Norwegen und Dänemark. Aber auch Italien ist diesen Weg schon in den späten 70er Jahren gegangen. Zu zitieren ist vor allem das Beispiel aus Südtirol, worüber es eine interessante Studie aus dem Jahr 2012 gibt. Dabei wurden die Ergebnisse der Pisa-Studie 2009 von den Schülern aus Nordtirol mit jenen aus Südtirol verglichen. Die beiden Gegenden bildeten lange Zeit eine kulturelle Einheit. Die Südtiroler Schüler haben über das italienische Gesetz eine inklusive Schule bekommen. Diese besuchen alle Schüler, ob mit Lernschwierigkeiten oder ohne, mit Behinderung oder ohne. Das Ergebnis, bezogen auf nichtbehinderte Schüler, ist hinsichtlich der Lesekompetenz in Südtirol besser im Durchschnitt als in Nordtirol. Denn bei der inklusiven Schulbildung werden die individuellen Kompetenzen viel stärker gefördert – bei jedem Schüler. Dagegen ist die Risikogruppe in Nordtirol doppelt so groß wie in Südtirol. Das erklären die Autoren mit der extremen Selektivität des Schulsystems im nördlichen Teil der Region bzw. mit der erhöhten Autonomie und den Ressourcen der Schulen in Südtirol. In einer nichtinklusiven Schule wird davon ausgegangen, dass alle Kinder einer Altersgruppe in allen Bereichen etwa gleich gut sind. Demnach wird ein homogener Unterricht angeboten. In einer inklusiven Schule wird dagegen nach individualisierten, auf den einzelnen Schüler abgestimmten Lernprogrammen unterrichtet und eine ganze Reihe von abwechselnden Lernstrategien angewandt.

Kann man daraus gleich ohne Weiteres ableiten, dass eine inklusive Schule besser ist?
Aus den USA gibt es beispielsweise eine Untersuchung, wonach Kinder mit Downsyndrom, die in eine inklusive Schule gehen, einen besseren Lernerfolg haben als jene, die in eine Sonderschule gehen. Die Kinder bekommen also eine besondere Förderung in Hinblick auf ihre normalisierte Umwelt. Sie haben ein ganz anderes Netzwerk von Freunden, die auch im Erwachsenenalter anhalten. In einer Sonderschule sind solche Erfahrungen, die auf soziale Kompetenz aufbauen, nicht gegeben.

Wie läuft die Inklusion im Unterricht ab?
Dabei werden viele pädagogische und Lern- und Unterstützungsstrategien in den Lerngemeinschaften angewendet. Letztere bestehen aus Lehrern sowie psychologischem und pädagogischem Unterstützungspersonal, dem Lernenden und den Eltern, die ebenso in das Lernprogramm eingeweiht sind. In Südtirol wird alle zwei Monate der Lernfortschritt evaluiert. Wenn es keine Fortschritte gibt, muss das Lernprogramm adaptiert werden. Eine inklusive Schule bedeutet also, die Bildungsprozesse jedes Kindes in ihrer Entwicklung zu überprüfen. Die Lernstrategien reichen von Peer-Teaching, von kooperativem Lernen bis zu Einzelunterricht für Schüler, die auf einem gewissen Gebiet stärker und Tutoren für andere Kinder sind und diese einweisen. Wenn Kinder anderen Kindern etwas erklären, trainieren sie ihre sozialen Skills. Zentral ist, dass jede Schule autonom ist und eine eigene Strategie hat. Es kann sein, dass Lehrer wegen eines einzigen Kindes eine Weiterbildung machen müssen.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, reicht aber die reine Weiterbildung nicht aus. Der Lehrer muss demnach von Fachpersonal unterstützt werden.
Es gibt immer zwei Lehrkräfte in einer Klasse und noch den Assistenzlehrer hinzu. Wenn ein besonderer Bedarf besteht, der über den rein pädagogischen hinaus geht, wenn es zum Beispiel Verhaltensprobleme gibt, was zu Problemen in der Klasse führen kann, gibt es die Möglichkeit einer Verhaltensanalyse, um vielleicht das pädagogisch-taktische Programm zu ändern, wenn eine bestimmte Unterrichtstechnik für bestimmte Kinder überhaupt nicht passend ist. Das kommt etwa bei autistischen Kindern relativ häufig vor. Allein schon der Wechsel von Großschrift auf Kursivschrift von heute auf morgen kann ein Kind mit autistischer Wahrnehmung extrem aufregen und aus dem Konzept bringen. Eine inklusive Schule sollte für alle möglichen Fragestellungen eine verbindliche Lösung haben. Das kann nicht dem Zufall überlassen werden. Im luxemburgischen Regelschulsystem ist diese Art nicht in formalisierter Form vorgesehen.

Wo steht Luxemburg im internationalen Vergleich?
Es gibt hier eine Reihe von Schulen, vor allem im Süden des Landes, die in Sachen Inklusion sehr erfolgreich sind, wo in den betreffenden Gemeinden die Bürgermeister sich dafür einsetzen und wo die Lehrerschaft von sich aus die Schule schon transformiert hat. Es kann schon sein, dass eine Schule nicht gut genug vorbereitet ist, was in Luxemburg sehr oft der Fall ist, weil unter anderem die Inklusion nicht in der Grundausbildung der Lehrer vorgesehen war und diese dann nicht darauf vorbereitet wurden. Die Lehrer in der Edif haben einen gesonderten Ausbildungsweg. Der typische Lehrer in der Primärschule hingegen hat nicht einmal etwas über Legasthenie oder Dyslexie während seiner Ausbildung gelernt, was auf eine große Baustelle in unserem Schulsystem hinweist. Für ein inklusives Schulsystem brauche ich aber entsprechendes Lehrpersonal, um die Inhalte einer inklusiven Schule in die Praxis umzusetzen. Ein erster wichtiger Schritt wäre also die Ausbildung der Lehrer. In Österreich zum Beispiel wurde vor zwei Jahren das Gesetz zur Lehrerausbildung erneuert. Das neue Gesetz sieht gar keine eigene Ausbildung für Sonderschullehrer mehr vor.

„Die Sonderschule bereitet die Kinder auf die Arbeit in einer Behindertenwerkstatt vor.“ Germain Weber

Könnten Sonderschulen demnach abgeschafft werden? Würden sie überhaupt noch gebraucht?
Es geht nicht um die Abschaffung. Die Education differenciée (Edif) wird immer gebraucht. Aber vielleicht nicht mehr in der bisher bekannten Form von Sonderschulen. Die sonderpädagogischen Ansätze können jedoch in der Regelschule zur Anwendung gebracht. Eine Edif hat sicherlich eine hohe Kompetenz. Sie kann sich aber auch öffnen, um nichtbehinderte Kinder aufzunehmen. Das wäre für mich die Transformation des Schulsystems. Wir brauchen weiterhin Sonderpädagogik, aber im Kontext der Regelschule. Wenn die Schulen wirklich den Bedürfnissen aller Kinder angepasst werden, wie dies zum Beispiel in Südtirol der Fall ist, dann kommt man sicherlich ohne die Struktur der Sonderschule aus. Was wir aber benötigen, ist das sonderpädagogische Wissen.

Dem ist die Behauptung der Kritiker des Inklusionsmodells entgegenzusetzen, dass sich Kinder mit einer Behinderung in einer Sonderschule besser entwickeln können.
Diese Position ist nicht gänzlich abzulehnen. Die Sonderschulen in Luxemburg, Deutschland oder Österreich sind sehr gut ausgestattet und bestehen aus kleinen Klassen. So verfügen Klassen mit sechs Schülern über ein oder zwei Lehrer und besitzen die nötigen pädagogischen und therapeutisch begleitenden Ressourcen. Somit ist die Sonderschule den Regelschulen „überlegen“, die auf diesen Rahmen und diese Ressourcen nicht zurückgreifen können. Wenn ich nun ein Kind mit einem intellektuellen Rückstand habe und die Schule am Ort überhaupt nicht mit der nötigen Struktur ausgestattet ist, dann würde ich es eher in eine Sonderschule schicken. Obwohl mir eine Schule mit nichtbehinderten Kindern lieber wäre. Während die Schule die Kinder aufs Leben in einer Gesellschaft mit vielen beruflichen Optionen vorbereitet, bereitet die Sonderschule sie auf die Arbeit in einer Behindertenwerkstatt vor. Im Kontext von Chancengleichheit ist dies der entscheidende Punkt. Der Weg durch die Sonderschule führt zu Arbeits- und Beschäftigungssituationen, die in vielen Ländern nicht mit einem daraus abgeleiteten persönlichen Einkommen verbunden ist. Diese Menschen werden vom Sozialsystem des Staates getragen, ein Weg, der somit im Alter von sechs Jahren entschieden wird.

Der 1954 in Luxemburg geborene Prof. Dr. Germain Weber ist seit 1996 an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien beschäftigt. Dort hatte er von 1975 bis 1982 Psychologie und Humanbiologie studiert. Nach dem Doktorat verbrachte er ein Forschungsjahr als Fulbright-Stipendiat an der New York State University sowie mehrere Jahre am Ludwig-Boltzmann-Institut für entwicklungsgestörte Kinder in Wien. Weber war acht Jahre lang deren Dekan der psychologischen Fakultät. Zurzeit ist er Vize-Dekan. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren schwerpunktmäßig mit Entwicklungsstörungen.

In einer Sonderschule sind nicht nur Kinder mit Behinderungen.
Hinzu kommt, dass viele Jahre lang Kinder mit einem Migrationshintergrund in Sonderschulen unterrichtet wurden, obwohl sie intellektuell auf einem durchschnittlichen Niveau waren, aber nur sprachlich nicht mitkamen. Hierdurch wird häufig der Weg zu Biografien vorbereitet, die später, gesamtgesellschaftlich gesehen, mit besonderen Herausforderungen verbunden sind.

Was die Behindertenwerkstätten betrifft, dürfte vielen Menschen, die sich dort engagieren, Ihre Aussagen nicht gefallen.
Die Aussage zu den Behindertenwerkstätten ist nicht allein auf den Kontext Luxemburg zu verstehen. Jedenfalls Teil der UN-Konvention ist, dass behinderte Menschen Zugang zur Arbeit haben und die Gesellschaft die Bedingungen schafft, damit sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen können. Dazu bedarf es solcher Einrichtungen. In Luxemburg gibt es seit etwa 15 Jahren das Gesetz für den „travailleur handicapé“, wonach jede Person mit einer Behinderung ein regelmäßiges, staatlich finanziertes Gehalt bekommt und ein arbeitsrechtliches Statut hat, die in einer Behindertenwerkstatt tätig ist. Dass wir einen zweiten oder dritten Arbeitsmarkt benötigen für Personen, die auf dem ersten nicht mitkommen, ist selbstverständlich. Aber in vielen Ländern verfügen Menschen, die in Behindertenwerkstätten arbeiten, über kein daraus abgeleitetes eigenes Einkommen. Somit wird ihre Selbstbestimmung und Autonomie sehr eingeschränkt. Rein materiell gesehen, sind sie immer abhängig von anderen.

Die Selbsthilfegruppe „Nëmme mat eis“ hat einen Bericht verfasst, indem sie auf verschiedene Mängel aufmerksam macht. Was braucht Luxemburg also?
Erstens eine Reform der Lehrerausbildung, zweitens eine strukturelle Reform der Schulen. Ich würde es als ein positives Zeichen sehen, wenn sich Schulen in Richtung Inklusion transformieren können und wenn eine Schule oder ein Dorf entscheidet, diesen Weg zu gehen, das Ministerium ihnen die nötigen Ressourcen zur Verfügung stellt. Als eine Art Anschubprogramm für inklusive Schulen. Die Strukturen der Edif könnten dafür übergangsweise Kompetenzzentren sein. Das heißt also nicht, dass man irgendetwas schließen muss. Sondern es geht um Transformation.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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