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Kaffeekränzchen kalter Krieger

Vor 30 Jahren endete nicht nur die Bommelëeer-Anschlagsserie. Im September 1986 fand außerdem in Luxemburg zum zweiten Mal der Kongress der „World Anti-Communist League“ statt, ein Stelldichein der Rechtskonservativen – mit Verbindungen zu Stay Behind.

Fotos: Thierry Martin (revue-Archiv)

„Unschuldsengel sind sie beileibe nicht“, schrieb die revue in ihrer Ausgabe vom 11. September 1986. Gemeint waren die Teilnehmer des 19. Jahreskongresses der „World Anti-Communist League“ (WACL). Unter den mehr als zweihundert Personen, die sich vom 7. bis 10. September im Konferenzsaal des Dommeldinger Novotel eingefunden hatten, befanden sich einige illustre Figuren mit zweifelhafter Vergangenheit.

Einer davon war der pensionierte US-General John K. Singlaub. Er war Gründungsmitglied der CIA und hatte im Vietnam-Krieg eine Spezialeinheit geleitet, die auf Spionage und psychologische Kriegsführung spezialisiert war. Außerdem war Singlaub in die sogenannte Iran-Contra-Affäre verwickelt, bei der Einnahmen aus geheimen Waffenverkäufen an den Iran an die rechtsgerichtete Guerilla-Bewegung in Nicaragua weitergeleitet wurden. Ihm wurden gute Kontakte zu Todesschwadronen in Lateinamerika nachgesagt. Nicht zuletzt gründete er die US-Sektion der Antikommunistischen Weltliga.

Ihre Wurzeln hatte die WACL in Asien. Sie war 1966 in Taiwan aus der „Asian People´s Anti-Communist League“ (APACL) hervorgegangen. Nach den Worten eines ihrer ehemaligen Mitglieder, des britischen Politikers Geoffrey Stewart-Smith, war sie „eine Ansammlung von Nazis, Faschisten, Antisemiten und Rassisten“. Unter ihnen war der Weißrusse Dimitri Kosmowicz, der unter den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg Kommandant der Hilfspolizei in Minsk und Polizeichef von Smolensk war. Um eine Einheit der SS-Sonderverbände zu kommandieren, wurde er in einem SS-Schulungslager ausgebildet. Unter seinem Kommando wurden ganze Städte und Dörfer niedergebrannt. Zur WACL gehörte außerdem der frühere Nazi, spätere CDU-Bundestagsabgeordnete und deutsche Bundesminister Theodor Oberländer (1905-1998), der paraguayische Diktator Alfredo Stroessner (1912-2006) und der ukrainische Nazikollaborateur Jaroslaw Stezko (1912-1986) sowie dessen Frau Jaroslawa Stezko (1920-2003). Nicht zu vergessen ist der Südkoreaner Sun Myung Mun (1920-2012), Anführer der Mun-Sekte.

Das Ehepaar Stezko hatte den 1946 in München entstandenen „Antibolschewistischen Block der Nationen“ (ABN) aufgebaut. Jaroslawa Stezko übernahm nach dem Tod ihres Mannes den Vorsitz und war Präsidentin der rechtsgerichteten „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN-B). An dem besagten Kongress in Luxemburg nahm sie teil, nachdem ihr Mann kurz zuvor verstorben ist. Es war nicht die erste Versammlung dieser Art hierzulande: Bereits vom 20. bis 22. September 1983 hat der Weltkongress der WACL im Großherzogtum stattgefunden, damals im Plenarsaal des Europäischen Parlaments auf dem Kirchberg. 1986 tagte die rechtsgerichtete Liga streng bewacht von einem Gendarmerie-Aufgebot im Novotel, vor dessen Türen sich etwa 150 Demonstranten versammelt hatten, um „ihrem Protest gegen die Präsenz der dubiosen Liga auf einheimischem Territorium Ausdruck zu geben“, wie die revue damals berichtete.

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Die Frage, wer wen schützt: Bis auf eine Demonstration von rund 150 WALC-Gegnern (laut revue von damals) blieben größere Proteste aus.

Die Vertreter der damaligen CSV/LSAP-Regierung unter Jacques Santer sind dem WACL-Treffen ferngeblieben. Zwar hätte Ex-Premier Pierre Werner zur Eröffnung des Kongresses eine Rede halten sollen. Doch diese wurde abgesagt. Die umstrittene Veranstaltung wurde von Ex-Minister Pierre Grégoire eröffnet. Weitere CSV-Politiker wie der Abgeordnete Willy Bourg befanden sich unter den Zuhörern. Zu dieser Zeit hatte sich die weltweite Sicherheitslage nach dem Machtantritt Michail Gorbatschows zu entspannen begonnen. Derweil war in Luxemburg die Lage noch angespannt. In den beiden Jahren seit 1984 hatten die Bommelëeer-Anschläge das Land terrorisiert. Das letzte Attentat – auf Colonel Wagner in Belair – fand ein halbes Jahr vor dem WACL-Kongress statt.

Es war die Endphase des Kalten Krieges – und der WACL eine Liga der unverbesserlichen Kalten Krieger. Im Großherzogtum gab es zu dieser Zeit, wie in anderen Nato-Staaten Westeuropas auch, eine sogenannte Stay-Behind-Organisation als paramilitärische Untergrundeinheit der Nato, die im Falle einer Invasion von Truppen des Warschauer Paktes hinter den Linien der Besatzer eingesetzt werden sollte. Anfang der 50er Jahre ins Leben gerufen und 1959 mit Genehmigung von Premier Werner aktiviert sowie 1990 von dessen Nachfolger Jacques Santer aufgelöst, verfügte sie mehreren Quellen zufolge nur über ein Dutzend Mitglieder und war sowohl für die Übermittlung nachrichtendienstlicher Informationen als auch für das Einschleusen von Personen zuständig. Santer bestätigte die Existenz eines luxemburgischen Stay-Behind-Netzwerkes, das dem Geheimdienst unterstand, am 17. Dezember 1990 im Rahmen einer parlamentarischen Kommissionssitzung.

Der Schweizer Publizist und Historiker Daniele Ganser wies in einem revue-Interview im Januar 2012 darauf hin, dass es in Luxemburg eine Stay-Behind-Organisation gegeben hatte, in der Art der italienischen Gladio: Heute gilt es als erwiesen, dass letztgenannte Einheit für mehrere Terroranschläge in Italien verantwortlich war. Spätestens im Laufe des Bommelëeer-Prozesses von Februar 2013 bis Juli 2014 stellte sich heraus, dass der Gladio-Mitbegründer Licio Gelli in den 80er Jahren – offenbar mit Wissen und unter dem Schutz der Behörden – in Luxemburg untergetaucht war. Der Faschist Gelli, Mitglied der Geheimloge Propaganda Due, hat demnach von 1984 bis 1986 in der luxemburgischen Hauptstadt gelebt. Ob er in Zusammenhang mit den Bommelëeer-Attentaten stand, ist bis heute unbestätigt. Gelli starb im Dezember letzten Jahres in der Toskana. Das Geheiminis um seine Verbindungen zu Luxemburg nahm er mit ins Grab.

Die Wahl des Veranstaltungsortes war nicht zufällig. Luxemburg sollte als „Hintertür zu Europa“ dienen.

Was hat Stay Behind mit dem WACL zu tun? Dazu wieder zurück in die 80er Jahre: Gelli soll hierzulande nicht allein gewesen sein, wie der 2004 verstorbene LSAP-Abgeordnete Marc Zanussi 1999 im Tageblatt behauptete. Demnach war während Gellis Anwesenheit auch der italienische Rechtsterrorist Stefano Delle Chiaie in Luxemburg. Wie Gelli soll er an dem Bombenanschlag von Bologna im Jahr 1980, bei dem 85 Menschen starben, beteiligt gewesen sein. Zuvor war er in den „Schmutzigen Krieg“ der südamerikanischen Militärs gegen Oppositionelle verstrickt. Unter anderem stand er in Verdacht der Mittäterschaft an der Ermordung des chilenischen Generals Carlos Prats 1974 in Buenos Aires und des chilenischen Diplomaten Orlando Letelier in Washington im Jahr 1976. Delle Chiaie hatte nicht nur guten Kontakt zu dem Stay-Behind-Netzwerk. Er wurde Zanussis Informationen zufolge auch beim WACL-Kongress in Dommeldingen gesehen. Der sozialistische Politiker berief sich auf Berichte des paraguayischen Geheimdienstes.

Warum kam es ausgerechnet in Luxemburg innerhalb von drei Jahren zwei Mal zu einem Kongress der Antikommunisten? Die Wahl des Veranstaltungsortes war nicht zufällig. „Das kleine Land sollte als Hintertür zu Europa dienen“, sagte der Historiker Alexander Friedman von der Universität Saarbrücken in einem Vortrag, den er vergangene Woche in Luxemburg hielt. Zum einen sei es die Nähe zu den europäischen Institutionen sowie zum Nato-Hauptsitz gewesen, zum anderen der soziale Frieden, der hier vorherrschte. Der Schritt von Asien nach Europa war symbolisch. Unter Ex-General Singlaub erlebte zudem die als Kommunistenfresser bekannte WACL in den 80ern, der Ära des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, vor allem in den USA einen Aufschwung und versuchte in Westeuropa Fuß zu fassen. Die WACL wurde als ein Bindeglied zwischen den Ultrakonservativen aus den USA mit den europäischen Rechten betrachtet. Unter dem Einfluss konservativer Denkfabriken hatte in den USA wieder verstärkt die Politik des „Rollback“ begonnen, die Außenpolitik zu beeinflussen, also den Einfluss der westlichen Welt auszuweiten und zugleich den Einflussbereich der Sowjetunion zurückzudrängen. Als Teil der Reagan-Doktrin wurden antikommunistische Guerilleros mit Waffen versorgt, um von Moskau unterstützte Regierungen zu stürzen. Die Entspannungspolitik der 70er Jahre war zu Ende. Der Einmarsch der Sowjettruppen in Afghanistan und der Nato-Doppelbeschluss läuteten eine Zeitenwende ein. Eine erneute Phase des Rüstungswettlaufs begann. Vermehrt fanden Nato-Manöver statt, an denen auch die Luxemburger Armee teilnahm.

Eine zweite Verbindung von Stay Behind zur WACL führt nach Belgien: Federführend für die Luxemburger Kongresse war die belgische Sektion. Die WACL unterhielt in Belgien Kontakte zu militanten Rechtsextremisten des „Vlaamse Militanten Orde“ (VMO) und der „Westland New Post“ (WNP). Dies ging aus Stellungnahmen ehemaliger WNP-Mitglieder hervor. Auch die Mordserie der sogenannten „Tueurs du Brabant“ wurde häufig mit dem belgischen Ableger von Stay Behind in Verbindung gebracht. Bis heute fehlen allerdings wirklich stichhaltige Beweise. Hauptorganisator des Kongresses in Luxemburg war der damalige WACL-Präsident, der belgische General Robert Close. Er bezichtigte in seiner Eröffnungsrede den Pazifismus als „historischen Fehler“ und „gefährliche Falle“. Als Gegner galt nicht nur der Kommunismus, sondern auch die Friedensbewegung. Im Laufe der Tagung fanden angeblich Workshops zum Einsatz von Propaganda und zur psychologischen Kriegsführung statt. Ziel war es, den Gegner zu diskreditieren und Spannung zu erzeugen. Der Historiker Ganser nannte dies in einem Interview mit dem Lëtzebuerger Journal eine „Strategie der Spannung“.

Der Kongress traf zwar auf Widerstand, doch größere Proteste blieben aus.

Der WACL-Kongress 1986 traf zwar auf Widerstand, doch größere Proteste blieben aus. Trotzdem werteten die beiden US-Journalisten Scott Anderson und Jon Lee Anderson, Autoren des Buchs „Inside the League“, die Veranstaltung als Misserfolg: „Viele eingeladenen Gäste blieben fern“, sagt Friedman. „Singlaubs Rechnung, ein positives Bild der Liga zu verbreiten und ihr Image aufzupolieren, ging demnach nicht auf.“ Der Kongress, bei dessen Abschlusserklärung die Liga sich unter anderem mit den Contras in Mittelamerika und mit den Mudschaheddin in Afghanistan solidarisierte, war ein Flop. Doch die Zeiten begannen sich wieder zu ändern, vor allem nach dem Amtsantritt Michail Gorbatschows als Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU). Der Kalte Krieg war bald kalter Kaffee. Nach der wohlwollenden Berichterstattung des Luxemburger Worts handelte es sich bei der WACL um eine ehrenwerte Gesellschaft von Kämpfern für Demokratie und Freiheit. Ihr Treffen war demnach so harmlos wie ein Kaffeekränzchen. Allerdings mit zwielichtiger Besetzung.

Die WACL erlebte zudem einen Rückschlag auf juristischer Ebene: Ausführlich über den Kongress der Weltliga, „einem Werkzeug der CIA“, hat nicht nur die luxemburgische Presse bis hin zur kommunistischen Zeitung vom „Lëtzebuerger Vollek“ berichtet, worauf der Historiker Friedman hinweist, sondern auch die Medien aus der DDR und der Sowjetunion. Die Zeitung wies in einem Beitrag auf die zwielichtige Rolle des kurz zuvor verstorbenen Jaroslaw Stezko hin, einem der Protagonisten der WACL. „Er wurde als Faschist, Henker und Massenmörder bezeichnet“, sagt Friedman. Stezkos Witwe Jaroslawa ging es um den Ruf ihres Gatten. Sie verklagte das KPL-Zentralorgan und verlangte eine Entschädigung in Höhe von einer Million Franken. Eine weitere Klage reichten Close und sein Landsmann, der christdemokratische Politiker José Desmarets, ein. Die Zeitung wurde in beiden Fällen freigesprochen. Und die KPL erhöhte ihr Ansehen im Ostblock – als linientreuer Satellit.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

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Author: Philippe Reuter

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