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Kein Platz fürs Bauerbe

Rund 100 schützenswerte Gebäude werden jährlich in Luxemburg abgerissen und müssen Neubauten weichen. Zeit, umzudenken?

Fotos: Philippe Reuter

Als die „Gëlle Fra“ 2010 anlässlich der Weltausstellung nach Shanghai reiste, herrschte helle Aufregung im Land. Das nationale Wahrzeichen wurde von heute auf morgen entfernt, wenn auch nur für ein paar Monate. Doch die „Gëlle Fra“ gehört nach Luxemburg wie der Eifelturm nach Paris. Im Gegensatz dazu provoziert das endgültige Verschwinden bauhistorischen Erbes in Luxemburg selten Reaktionen. Rund 100 schützenswerte Gebäude werden nach Angaben von Denkmalschutzvereinigungen jährlich abgerissen, ohne dass dies größere Empörung auslöst.

Der Wohnungsmangel, das knappe Bauland oder schlicht „moderne Erfordernisse“ werden meist als Begründungen genannt, wenn der Bagger anrückt und Gebäude von historischem Wert dem Erdboden gleichgemacht werden. An ihrer Stelle entstehen dann protzige Großprojekte oder funktionale Mehrfamilienhäuser, die einer Betonlandschaft gleichen – wie an der Peripherie Schifflingens oder Differdingens.

Im letzten Jahr hatten Luxemburger Denkmalschutzorganisationen vor der Chamber protestiert und dort symbolisch eine Mahnwache abgehalten. Auf Bannern am Boden zeigten sie Fotografien von zerstörten historischen Bauten der vergangenen Jahre: ein alter Bauernhof in Colpach, eine Kirche in Differdingen, ein Ensemble von Jugendstil-Villen in der hauptstädtischen rue Glesener, eine Reihe von Belle-Epoque-Häusern in der rue Michel Rodange. Nur in Einzelfällen kommt es anders, so wie beim Rosenzüchterhaus „Bourg-Gemen“ auf dem Limpertsberg, das gerettet werden konnte. Sechs Jahre lang lieferten sich dafür die Limpertsberger Geschichtsfreunde und eine Handvoll engagierter Bürger sowie zwei sozialistische Gemeinde-Abgeordnete ein Gefecht mit dem Schöffenrat und der Bürgermeisterin der Hauptstadt.

„Die Shopping-Mall am Royal Hamilius ist ein Projekt für die Promotoren, wo einige Leute sehr viel Geld dran verdienen, aber der Allgemeinheit nicht gedient ist.“ Franz Fayot

Großbaustelle: Hier entsteht die neue Shopping-Mall am Centre Hamilius.

Großbaustelle: Hier entsteht die neue Shopping-Mall am Centre Hamilius.

Unterstützung bekommen die kleinen und engagierten Initiativen und Vereine aus der Luxemburger Politik kaum. Weder von Verbänden noch von staatlichen Stellen. Der Denkmalschutz führt ein stiefmütterliches Dasein. Seit Jahren stehen nur etwa 1.050 Gebäude im ganzen Land überhaupt unter Schutz. Rund 5.000 eigentlich schützenswerter Gebäude haben keinerlei Sicherheit, ca. 50 davon gehen pro Jahr kaputt oder verfallen. Bezeichnend ist auch, dass von den 500 sakralen Bauten in Luxemburg nur knapp 14 Prozent geschützt sind, obwohl das Denkmalschutzamt im Juli 2015 einräumte, dass die meisten dieser Gotteshäuser die Kriterien erfüllen, um als „Monument national“ eingestuft zu werden.

Dabei geht es nicht um das subjektive Empfinden, was schön oder hässlich ist. Denkmalschutz folgt wissenschaftlichen Kriterien. Was ein Kulturgut ist, wird etwa danach entschieden, ob das Gebäude einen Seltenheitswert, eine Bedeutung für die Sozial- oder Heimatgeschichte hat oder ob es das Werk eines herausragenden Architekten ist. „Man verbrennt ja auch nicht einen Picasso, weil er nicht schön aussieht, sondern man hängt es auf, weil es ein Picasso ist. Auch hässliche Gebäude können unter Denkmalschutz gestellt werden“, polemisiert Dr. Jochen Zenthöfer von der Vereinigung „Sauvegarde du Patrimoine a.s.b.l.“ und Herausgeber der Monumentum-Bände. Das Gebäude der Deutschen Bank auf dem Kirchberg etwa, ein Bau von Gottfried Böhm, der zu den berühmtesten Architekten der Nachkriegszeit zählt, könnte von den Eigentümern aus Kostengründen abgerissen werden, ist zwar ästhetisch umstritten, gilt aber als besonderes zeitgebundenes Architektenwerk und steht symbolisch für den Finanzplatz Luxemburg. „Denkmalschutz und Umweltschutz sind oft in einem Boot gemeinsam als Opfer, zum Beispiel bei der neuro-psychiatrischen Klinik in Ettelbrück“, betont der Jurist. Dort wurde kürzlich ein Pavillon des berühmten Luxemburger Architekten Sosthène Weis abgerissen. „Ein Bau, den man unbedingt hätte erhalten müssen. Und es wurden zudem etliche fast 100 Jahre alte Bäume gefällt. Da wurde weder die Naturverwaltung noch das Denkmalamt involviert“, berichtet Zenthöfer.

Es sind nicht nur die Bauten berühmter Architekten oder Prestigebauten, die es zu erhalten lohnt. Auch Volkskunde-Objekte, die das Leben der Menschen dokumentieren und typisch sind für sowohl ihre Entstehungszeit als auch ihre Region, haben ihren Eigenwert. „Es ist nicht mein Haus, aber es ist ein Haus, das mir am Herzen liegt und das die Ortschaft und das Stadtviertel prägt“, begründet Jeff Christnach, ein gebürtiger Beggener, warum er sich für den Schutz eines alten Bruchsteinhauses in der rue de Bastogne einsetzt. „Es ist ein Haus, das wichtig für dieses Viertel ist, schon allein, weil in dieser Straße der Ursprung der Ortschaft Beggen liegt. Es ist ein Blickfang und ein wichtiges Gebäude für die Identität dieses Dorfes. Man sollte es nicht einfach durch einen Kasten ersetzen“, meint Christnach. Als er erfuhr, dass die Gemeinde ein 200 Jahre altes Haus nicht als erhaltungswürdig erachtet, wandte er sich an den „Service des sites et monuments“ und beantragte, es unter Denkmalschutz zu stellen. „Mit ein bisschen gutem Willen hätte man den Neubau oder die bessere Nutzung des Geländes mit dem Erhalt des alten Hauses verbinden können.“ Dabei handelt es sich bei dem Bruchsteinhaus um ein sagenumwobenes Gemäuer. Ältere Menschen erzählen davon, dass dort einst die Wichtel gelebt haben. Es ist daher die Heimat der Wichtelcher. Und deswegen hat es auch einen besonderen Sentimentalitätswert. Jeder spricht darüber: „Hast Du schon davon gehört, dass das Haus der Wichtel abgerissen werden soll?“ Die sind für Beggen sehr wichtig. Sogar die Fans des Fußballvereins „FC Avenir Beggen“ heißen „Wichtelcher“. Und die Rosenzüchter-Firma „Jungbluth Frères“ hatte bis zum Zweiten Weltkrieg ihren Sitz in diesem Haus.

Wissenschaftliche Kriterien für Denkmalschutz*

* nach Christina Mayer

phr_9437Ein erhaltenswertes Kulturgut muss aus vergangener Zeit sein, eine geschichtliche Dimension haben und aus einer abgeschlossenen Epoche stammen. Außerdem muss das Objekt einen Zeugniswert haben, der die historische Aussage wahrnehmbar macht. Authentizität gilt als das wichtigste Kriterium für ein erhaltenswertes Kulturgut. Kaum veränderte, also authentisch erhaltene Objekte der jeweiligen Epoche sind weitaus eher erhaltenswert als Objekte, die so oft verändert wurden, dass nur wenig historische Substanz überliefert ist. Relevant sind aber auch Objekte, die die jeweilige Epoche bzw. deren Stil beispielhaft repräsentieren oder die Höhepunkte oder Ausnahmen der jeweiligen Kunstepoche darstellen. Auch der Seltenheitswert, die Gattungsart, eine Charakteristische Gestaltung für die Entstehungszeit und eine Bedeutung für die Technik- und Industriegeschichte sind Kriterien, die ein Gebäude schützenswert machen. Ferner ist von Relevanz, ob das Haus eine Erinnerungsstätte oder Objekt der politischen Geschichte ist oder eine Bedeutung für die Sozial- oder Militärgeschichte hat oder ob es das Werk eines berühmten Architekten ist. Unter die räumlichen Kriterien fallen Orts- und Landschaftstypische Objekte sowie die Orts- bzw. Heimatgeschichte. Als räumlich-zeitliche Kriterien spielen Siedlungsgeschichte, Bautypus, Volkskunde und Entwicklungsgeschichte eine Rolle.

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ft falle der Denkmalschutz schlicht wirtschaftlichen Interessen zum Opfer. Das sei nicht nur in der Hauptstadt so, sondern auch in vielen Gemeinden, ist sich der LSAP-Abgeordnete Franz Fayot sicher. Dabei ist die Tatsache, dass der mögliche Schutz kommunaler Gebäude den Gemeinden obliegt, stark umstritten. Kritiker bemängeln, dass die 105 Gemeinden im Land weder die Kompetenz noch die Mittel haben, um Baukulturgüter zu erkennen und zu schützen. Denn letztlich ist es der Schöffenrat einer Gemeinde, der über Bestand oder Abriss eines Gebäudes entscheidet. Dies führe zwar dazu, dass in einigen Gemeinden, wie etwa in Tandel, unter CSV-Bürgermeister Ali Kaes Denkmalschutz groß geschrieben wird und eine Farbpalette für Fassaden durchgesetzt wurde. Und auch Differdingens grüner Bürgermeister Roberto Traversinis Entscheidung im Herbst 2014, den Abriss von Einfamilienhäusern und deren Umbau zu verbieten, kann hier als wegweisend gelten. „Das ist zumindest einmal ein Zeichen dafür, dass Bürgermeister und Kommunalpolitiker aufstehen und sagen, wir kümmern uns darum, wie unsere Stadt aussieht“, meint Zenthöfer zu Traversinis Beschluss, der für Investoren ein Schlag ins Gesicht gewesen sein dürfte.

„Im Kulturministerium wird nicht an diesem Gesetz gearbeitet, das muss man dem Minister vorwerfen. Guy Arendt und Xavier Bettel sehen da die großen Linien nicht.“ Jochen Zenthöfer

Insgesamt aber fehlt gerade auf Gemeindeebene eine kompetente, organisierte und somit einflussreiche Stimme, die sich den – manchmal ja auch mit persönlichen Kontakten verknüpften – unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen entgegenstellen kann. In vielen Gemeinden werden derzeit Abrissgenehmigungen erteilt, ohne dass der „Service des sites et monuments“ überhaupt informiert wird. So sprach sich etwa Gilles Kintzelé, Bürgermeister von Esch/Sauer, in der Vorbereitung des neuen Denkmalschutzgesetzes deshalb dafür aus, die Gemeinden von der Verantwortung des Denkmalschutzes zu entbinden.

Heimat der Wichtel: Steinhaus in Beggen, das vom Abriss bedroht ist.

Heimat der Wichtel: Steinhaus in Beggen, das vom Abriss bedroht ist.

Vielerorts müssen identitätsstiftende Kulturbauten weichen, um oft architektonisch einfach gehaltenen und vor allem auf eine funktionale Nutzung als Solitär ausgerichteten Bauten Platz zu bieten. Eine städtebaulich harmonische Einbindung zeigen sie in den seltensten Fällen. Es sind mehr oder weniger hingestellte Einzelprojekte. Bei den Großprojekten wie der Uni Belval oder der im Stadtzentrum entstehende Shopping-Mall ist dies besonders anschaulich, wenngleich dort kein Denkmal abgerissen wurde. „Meine Sorge und die der hauptstädtischen Sozialisten ist, dass hier ein mega Centre Commercial entsteht, mit einigen Luxus-Appartments, die die Entwicklung der Oberstadt in eine große Shopping-Mall weitertreiben und andererseits auch die wenigen kleinen Geschäfte, die es noch in der Stadt gibt, kaputt machen.“ Dies sei ein Phänomen, das man in vielen Städten schon beobachten könne. „Royal Hamilius ist für mich ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen soll“, meint Fayot. „Es ist ein Projekt für die Promotoren, wo einige Leute sehr viel Geld dran verdienen, aber der Allgemeinheit nicht gedient ist.“ Neben der zu beobachtenden Einfallslosigkeit bei einer angepassten Nutzung von Denkmälern dürfte dies auch ein wesentlicher Grund sein, weshalb der Abriss von älteren Gebäuden noch solch eine Priorität genießt.

Seit Langem wird zudem moniert, dass die dem Kulturministerium unterstehende Denkmalschutzbehörde unterbesetzt sei, ineffizient arbeite und einem zahnlosen Tiger gleiche. „Obwohl der Service des sites et monuments in den letzten acht Jahren rund ein Drittel von dem geschützt hat, was in den letzten 80 Jahren geschützt wurde“, wie deren Direktor Patrick Sanavia betont. Franz Fayots Vorschlag im Sommer 2015, das Denkmalschutzamt ganz aufzulösen, stieß so bei einigen Kritikern auf offene Ohren. „Ich habe nur festgestellt, dass der Service in seiner derzeitigen Form immer nur eine Art Feuerwehr spielt, wenn es brennt, und meistens zu spät kommt. Das hängt damit zusammen, dass sie nicht genügend Mittel haben und keine Informationen bekommen – auch nicht seitens der Gemeinden“, meint Fayot. Die Gesetzgebung sei veraltet, eine Reform dringend notwendig, so der LSAP-Abgeordnete, der noch immer an seinem Vorschlag festhält. Im Grunde sollte der Gesetzesentwurf längst stehen, doch bis heute liege noch keine Zeile vor. „Im Kulturministerium wird nicht an diesem Gesetz gearbeitet, das muss man dem Minister vorwerfen. Guy Arendt und Xavier Bettel sehen da die großen Linien nicht, was sie da machen müssen“, klagt Jochen Zenthöfer.

Gewinnt keinen Schönheitspreis: Das Gebäude der Deutschen Bank auf dem Kirchberg, ein Bau des berühmten Architekten Gottfried Böhm.

Gewinnt keinen Schönheitspreis: Das Gebäude der Deutschen Bank auf
dem Kirchberg, ein Bau des berühmten Architekten Gottfried Böhm.

Ein Denkmalschutz-Gesetz gibt es hierzulande zwar seit 1983, doch darüber, dass es dringend reformiert werden sollte, herrscht weitgehend Einigkeit. Dabei bietet die aktuelle Gesetzgebung zumindest einen Vorteil, von dem viele gar nichts wissen: Einen Antrag auf Schutz eines Gebäudes als Baudenkmal in die Luxemburger Denkmalliste kann nicht nur der Eigentümer oder die Gemeinde, sondern jeder Bürger stellen. Wem der Erhalt von Bauten im Land wichtig ist, kann also selbst aktiv werden. Wie der Beggener Jeff Christnach: „Ich will etwas tun, damit dieses Land ein Gesicht behält. Das steht ja vielleicht nicht im Widerspruch zu Wachstum, aber die Wurzeln sollen erkennbar sein. Das macht eine Stadt oder ein Land liebenswert, denn sonst kann man nach Shanghai oder Taipeh oder sonst wo hinfahren, wo es überall gleich aussieht.“

Literaturhinweise:
Christina Mayer: Topographie der Baukultur des Großherzogtums, Band 1, Kanton Echternach, Ein Katalog der erhaltenswerten Kulturgüter und Ensembles, Luxemburg 2010.
Jochen Zenthöfer: Monumentum, Respektvolle Erneuerung historischer Bausubstanz in Luxemburg und der Großregion, Band 3 „Landschaft“, 1. Auflage, Luxemburg 2016.

„Denkmalpflege ist ein heißes Eisen“

Dass Denkmalschutz Wachstum bremst, ist ein Irrtum, meint die Direktorin des „Luxembourg Center for Architecture“ (LUCA), Andrea Rumpf. Sie plädiert dafür, Denkmalschutz in die Verfassung aufzunehmen.

Sie kennen die Luxemburger Baulandschaft. Gibt es einen Bau, den sie besonders schätzen?
Natürlich zunächst das Gebäude, in dem das LUCA untergebracht ist. Es ist das ehemalige Verwaltungsgebäude von Paul Würth, um 1900 gebaut. Wir nutzen es seit zehn Jahren und ich schätze den Bau besonders, weil er einer der wenigen Zeugen der industriellen Vergangenheit der Stadt ist. Es ist heute eines der wenigen Gebäude, die umgenutzt wurden für kulturelle Zwecke. Wir zeigen damit, dass man auch mit geringen Mitteln einen Altbau umnutzen kann. Dazu bedarf es keiner teuren Renovierung. Im Gegenteil – meist ist weniger sogar mehr.

Gibt es einen für Luxemburg typischen Baustil?
Das kommt auf die Epoche an. Es gibt Epochen, in denen der Baustil und die Bauformen sehr typisch waren. Allerdings weniger für das Land, sondern immer für die jeweilige historische Region, die oft über die heutigen Grenzen hinausreichte, wie etwa der Maria-Theresien-Stil zur Barockzeit, als viele Schlösser und Landsitze in einem Baustil entstanden, dem man auch in der Eifel, in Lothringen oder im Saarland begegnet. Im 19. Jahrhundert wurde dann wie vielerorts begonnen, auf zahlreiche ältere Stile gleichzeitig zurückzugreifen. Diese vielfältigen Kombinationen sind sicher eine Art Markenzeichen für Luxemburg. Eine eigene, prägende Architekturschule gab es jedoch nicht.

Der neue Monumentum-Band legt den Schwerpunkt auf das Schwinden klassischer Dorfstrukturen und das Sterben von Bauernhöfen und Mühlen in Luxemburg. Teilen Sie diese Sorge?
Ganz bestimmt. Unsere Dörfer und kleineren Gemeinden verlieren ihre eigene Identität und sehen inzwischen oft aus wie Vorstädte oder Städte. Das liegt natürlich auch an dem Entwicklungsdruck, der auf dem ganzen Land liegt. In den Gemeinden entsteht immer mehr Wohn- und zum Teil auch Gewerberaum, und für diesen greift man Formen auf, die man eher aus der Stadt kennt. In Dörfern entstehen zum Beispiel im Dorfkern Residenzen, die eigentlich auf dem Land als kollektive Wohnform unbekannt waren.

phr_9516Nur ein Bruchteil des schützenswerten Bestandes steht in Luxemburg unter nationalem Denkmalschutz. Wieso?
Zunächst liegt das an der Handhabung der Gesetzgebung, die aktuell dazu führt, dass ein großer Teil der Unterschutzstellung auf die Gemeinden übertragen wird. Es sollte aber Aufgabe des Staates sein, alles zu schützen, was von nationalem Interesse ist. Damit meine ich selbstverständlich nicht nur die repräsentativen oder „schönen“ Bauten, sondern auch kleine Tagelöhnerhäuser oder Brücken, Tunnel oder Mühlenwehre. Das sollte nicht den Gemeinden überlassen sein, weil da einfach die politischen Zwänge zu groß sind und meist auch die Expertise fehlt, das jeweilige Objekt in seiner Bedeutung für den Gesamtbestand des Landes einzuordnen. Es liegt ganz sicher auch an den kulturellen Werten, die wir in Luxemburg haben und leben. Es überwiegt doch sehr stark das Interesse am eigenen Grund und Boden. Das Gemeinwohl tritt dahinter zurück. Eigentum an einem Denkmal ist ein Privileg – aber eben auch die Verpflichtung, es für die Allgemeinheit zu erhalten. Es ist schwer, dies in Luxemburg gegen die starken Partikularinteressen durchzusetzen. Eine Stärkung der Denkmalpflege kann nur mit einem Mentalitätswandel einhergehen.

Sie haben an den „Assises du Patrimoine“ teilgenommen und saßen in der Kommission aus Architekten, Denkmalschutzverbänden und anderen, die das neue Gesetz vorbereiten sollte. Welche Reformen sind am dringendsten?
Das Wichtigste ist sicherlich die Entpolitisierung. Da waren wir uns am Ende der Diskussion doch weitgehend einig unter den 20 Vertretern aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft und des Staates. Die Entscheidung über die jeweilige Unterschutzstellung sollte nicht bei einem Politiker liegen, weder bei einem Bürgermeister, noch beim Minister. Es geht darum, die Fachbehörde in ihren Kompetenzen zu stärken und ihr zuzugestehen, dass sie aufgrund ihrer Expertise entscheidet, welches Gebäude geschützt wird – eventuell in Rücksprache mit einer unabhängigen Expertenkommission. Die nationale politische Ebene befasst sich dann nur mit dem geschützten Objekt, wenn es später unterschiedliche Interessen beim Umgang mit ihm gibt und es gilt, diese gegeneinander abzuwiegen, wenn zum Beispiel eine Straßenunterführung entstehen soll an einem Ort, an dem ein nicht mehr als solcher genutzter, denkmalgeschützter Bahnhof steht. Dann gälte es, die Argumente des Städtebaus, des Straßenbaus, der Wirtschaft, möglicherweise auch des Umweltschutzes etc. in die Waagschale zu werden – gleichberechtigt, und ohne dass die Denkmalpflege dabei automatisch den Kürzeren zieht. Erst so macht Denkmalschutz wirklich Sinn.

Was könnte man denn in puncto Denkmalschutz von anderen Ländern lernen oder sich abgucken? Gibt es irgendein Land auf der Welt, dass sein Bauerbe vorbildlich valorisiert?
Das gibt es leider nicht. Wenn man mit Denkmalvertretern in anderen Ländern spricht, merkt man schnell, dass auch da Reformbedarf besteht. Selbst in Frankreich, auf das wir bewundernd schauen wegen seines enormen Bestandes an historischen Bauten, ist das so. In Deutschland gibt es mittlerweile auch Bewegungen, die den Einfluss der Denkmalpflege per Gesetz wieder einschränken wollen. Ihr Stellenwert wird immer wieder neu definiert, u.a. auch durch die jeweilige politische Führung eines Landes. Man kann sich aber an der Gesetzgebung anderer Länder orientieren – auch bei der praktischen Umsetzung. Zum Beispiel an Großbritannien, das den „National Trust“ hat, der bedrohte historische Gebäude aufkauft, sie renoviert und sie dann einer Nutzung zuführt, alles auf privater Ebene. Das kommt auch dem Tourismus zugute, weshalb das Modell für Luxemburg interessant ist, wo wir das Angebot an qualitätvollen Unterkünften in historischen Gebäuden ausbauen sollten. Außerdem sollten wir die sehr engagierten Initiativen aus der Zivilgesellschaft, wie etwa „Patrimoine Luxembourg“, „Sauvegarde du Patrimoine“ oder die „Limpertsberger Geschichtsfreunde“ stärker unterstützen.

Das neue Gesetz müsste ja nun ausgearbeitet sein, aber es tut sich nichts… Fehlt es an politischem Willen?
Die Frage stellen wir uns auch. Fast über ein Jahr hinweg sind wir im Kulturministerium zusammengekommen, um über das neue Gesetz zu diskutieren. Wir haben intensiv daran gearbeitet und sind sehr ungeduldig, zu sehen, was mit unseren Vorschlägen passiert. Uns wurde in Aussicht gestellt, dass wir einen ersten Entwurf noch dieses Jahr einsehen können. Aber so langsam zweifeln wir daran, weil wir keine Fortschritte sehen. Ich denke, Denkmalpflege ist ein heißes Eisen für jede Regierung. Oft wird der Schutz von historischen Bauten als Bremse für die wirtschaftliche Entwicklung gesehen. Es werden unnötigerweise Fronten aufgebaut, zum Beispiel zwischen Wohnungsbau und Denkmalpflege, so als ginge es um ein „entweder – oder“; entweder Wohnungen mit modernem Komfort oder Erhaltung eines alten Bauwerks, entweder kostengünstig bauen oder denkmalgerecht sanieren. Das ist Quatsch, was bereits mehrfach bewiesen wurde.

Was wär denn Ihr Wunsch?
Ich wünsche mir, dass es dem Kulturministerium gelingt, das neue „Projet du loi“ zur Denkmalpflege nicht nur vorzulegen, sondern es auch durchzusetzen. Außerdem wäre es ein großer Meilenstein, wenn der Denkmalschutz in die Verfassung aufgenommen würde. Es wäre ein mutiger und richtiger Schritt.

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*Erratum: Die Autorin der „Topographie der Baukultur des Kanton Echternachs“ heißt „Christina Mayer“, nicht „Martina Mayer“. Auch die wissenschaftlichen Kriterien, die beim Denkmalschutz zu Grunde gelegt werden sollten (vgl. Kasten) beruhen auf den Recherchen von Dr. Christina Mayer.

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Author: Martine Decker

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