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Kein Tropfen zu viel

Eine schwangere Frau sollte auf vieles verzichten, vor allem auf Alkohol. Aber muss es immer gleich der völlige Verzicht sein? Kann ein Glas Wein oder Schampus wirklich schaden? Ja, sagen Experten.

Fotos: innervisionpro, BildwerX Photography (beide Fotolia), CHL

Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren“, heißt es so schön. Und richtig: Alkohol gilt als gesellschaftlich anerkanntes Genussmittel, er ist die – wenn man so will – Volksdroge Nummer eins. Kein Dorffest, keine Theaterpremiere, keine Geburtstagsfeier und kein Restaurantbesuch kommen ohne ihn aus. Selbst das Mittagessen mit Kollegen wird gerne mit einem Glas Bier oder Wein begossen. Während das Rauchen von Zigaretten durch konsequente Aufklärung und Preissteigerungen fast schon ins gesellschaftliche Abseits getrieben wurde, ist das Trinken von Alkohol das Normalste auf der Welt, es gehört einfach dazu, Alkohol entspannt und macht gesellig.

Wer da nicht mithalten will, muss schon eine glaubhafte Ausrede haben. Oder schwanger sein. Denn alle wissen: Schwangere dürfen keinen Alkohol trinken, das tut den Babys nicht gut. Aber ist das wirklich so? Das ein oder andere Gläschen Schampus ab und zu kann doch sicher nicht schaden, denken viele. Da kommt doch kaum etwas beim Fötus an. Eine Studie des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KIGGS) ergab 2007, dass 14 Prozent der Frauen in ihren Schwangerschaften gelegentlich Alkohol trinken. Vergleichbare Zahlen für Luxemburg gibt es zwar nicht, doch weshalb sollte es hier anders sein?

Oft werden die durch FASD entstandenen Verhaltensauffälligkeiten als ADS oder ADHS diagnostiziert.

Welche Menge an Alkohol einem Fötus schadet, darüber sind sich Ärzte und Wissenschaftler einig: „Es gibt keine Grenze, unterhalb welcher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft als bedenkenlos gelten kann“, sagt Dr. Nieves Crespo Sanchez, Gynäkologin am Centre Hospitalier. „Der Alkohol erreicht über das Blut direkt die Plazenta des Ungeborenen. Dieser Diffusionsprozess über die Plazenta ist sehr schnell und somit auch ohne Verminderung der Alkoholkonzentration.“ Selbst kleinste Mengen von Alkohol kommen also unverdünnt und ungefiltert beim Baby an, was zu schweren gesundheitlichen Folgen führen kann.

„Alkohol wirkt sich toxisch auf die embryonalen und fetalen Zellen aus, außerdem beeinflusst er die Entwicklung verschiedener Organe. So sind die Alkoholschädigungen keineswegs nur auf das erste Trimester der Schwangerschaft begrenzt“, sagt Crespo Sanchez. Das ganze Spektrum von Symptomen, die durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft entstehen, wird unter dem Begriff „Fetal Alcohol Spectrum Disorder“ (FASD) zusammengefasst. Die Merkmale sind mehr oder weniger stark ausgeprägt und betreffen unterschiedliche Körperbereiche. Typische Gesichtsmerkmale sind ein kleiner Kopf, eine abgeflachte Einkerbung zwischen der Nase und der Mitte der Oberlippe sowie eine sehr schmale Oberlippe. Zudem kann es zu Fehlbildungen und Dysfunktionen der Augen, Ohren, Knochen und Nieren kommen, außerdem zu einer Funktionsstörung des zentralen Nervensystems. Wachstumsstörungen, Herzfehler, Verhaltensauffälligkeiten sowie intellektuelle, soziale und emotionale Störungen sind ebenfalls typische Merkmale einer FASD. Sind die Merkmale sehr stark ausgeprägt, spricht man von einem „Fetal Alcohol Syndrome“ (FAS).

„Es gibt keine Grenze, unterhalb welcher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft als bedenkenlos gelten kann.“ Dr. Nieves Crespo Sanchez, Gynäkologin CHL

Die meisten Merkmale und Symptome sind jedoch kaum vor der Geburt festzustellen, und nach der Geburt werden diese nicht selten übersehen. Zudem ist die Diagnostik schwierig. Welche Frau gibt schon gerne zu, während der Schwangerschaft Alkohol getrunken zu haben, wenn auch nur gelegentlich? Und in vielen Aufklärungs- und Informationsgesprächen zwischen schwangerer Frau und betreuendem Arzt wird das Thema Alkohol galant umschifft.

Einer, der sich schon seit 40 Jahren für die Interessen von alkoholgeschädigten Kindern einsetzt, ist Prof. Dr. Hans-Ludwig Spohr, Arzt für Kinder und Jugendmedizin an der Berliner Charité. Er bezeichnet FASD als die häufigste nichtgenetische Ursache für geistige Behinderungen, in Deutschland werden jedes Jahr drei- bis viertausend Babys mit Alkoholschädigungen verschiedenster Ausprägung geboren. Nach Schätzung der Bundesdrogenbeauftragten sind es sogar 10.000 pro Jahr, das wäre beinahe jedes 80. Baby. Bei vielen Betroffenen wird die FASD nicht erkannt. Oft werden die entstandenen Verhaltensauffälligkeiten dann als ADS oder ADHS diagnostiziert und entsprechend behandelt. Dabei könnte eine frühe Förderung die Krankheit zwar nicht heilen, aber langfristig ihre Symptome lindern.

Wichtig ist, dass Frauen sich beraten lassen. Und dass Ärzte schon beim ersten Behandlungsgespräch in der Schwangerschaft Frauen ausreichend auf die Risiken hinweisen, meint Dr. Crespo Sanchez. „Sobald wir Kenntnis von Alkoholkonsum oder einer Sucht haben, empfehlen wir auf jeden Fall den sofortigen Entzug. Man kann die Frauen natürlich nicht zwingen, aber in einigen Fällen ist eine stationäre Aufnahme der Frauen sinnvoll, weil die Symptome eines Alkoholentzugs sehr ausgeprägt sein können. Betroffene Frauen können wir aber medikamentös begleiten.“

Ohne Alkoholkonsum in der Schwangerschaft gäbe es FASD überhaupt nicht. Welche Mengen an Alkohol für welche Frau und welches Baby zu welchen Schädigungen führt, ist nicht bekannt. Dass aber schon kleinste Mengen ausreichen, um überhaupt Schaden zu verursachen, ist gewiss. Wer also auf Nummer sicher gehen will, sollte auf Alkohol in der Schwangerschaft völlig verzichten.

Rauchen in der Schwangerschaft

Tabakkonsum während der Schwangerschaft wurde innerhalb von Langzeitstudien sehr genau analysiert. Im Unterschied zum Alkohol bewirkt das Rauchen direkt keine Fehlbildungen beim Foetus. Ab der ersten Zigarette erhöht sich allerdings das Risiko auf: eine verminderte Fruchtbarkeit der Mutter, eine Fehlgeburt, ein langsameres Wachstum des Fötus im Mutterleib, ein niedriges Geburtsgewicht, eine Frühgeburt und einen plötzlichen Kindstod. Zu empfehlen ist deshalb in jedem Fall einen Tabakentzug. In der Maternité gibt es ein spezialisertes Team, das Betroffene dabei unterstützt.

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Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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