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Keine Bauchsache

Auch wenn jeder dahergelaufene und leicht esoterisch angehauchte Life-Coach in seiner Kolumne in irgendeinem Regenbogenpresse-Blatt es mantraartig wiederholt: Sich nur auf sein Bauchgefühl zu verlassen, ist in der Regel nicht ratsam. Auf den eigenen Verstand zu hören, schon viel eher. Das gilt übrigens auch für Politiker.

Der Piratenabgeordnete Marc Goergen wollte – rechtspopulistisches Pseudo-Bersogtsein lässt grüßen – in einer parlamentarischen Anfrage unter anderem wissen, wie sicher die zweitgrößte Stadt des Landes ist, wie viele Delikte es in Esch/Alzette zwischen 2013 und 2019 gegeben hat und ob die Regierung der Auffassung sei, die Kriminalität in Esch sei „außer Kontrolle geraten“. Dass alleine schon die Fragestellung von einem rein subjektiven Gefühl mit Hang zu übertriebener Mythomanie befeuert wurde, untermauert Goergen selbst, wenn er schreibt, Esch sei aktuell vor allem für Unsicherheit und Kriminalität bekannt und „Et brauch ee keng zwou Persounen an der Stad ze froen fir festzestellen, dass d’Perceptioun vun der Sécherheet zu Esch miserabel ass“. Wer so viel Seemannsgarn ganz ohne belegbare Fakten spinnt, den kann man eigentlich nur bedingt ernst nehmen. So kommt die gebündelte Antwort von Justizministerin Sam Tanson und Polizeiminister François Bausch dann auch einer Abwatschung gleich. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache als das Bauchgefühl Goergens.

Die Zahlen sprechen eine andere Sprache als das Bauchgefühl Goergens.

Sowohl Diebstahl, Gewalttätigkeiten oder Drogendelikte sind in den letzten Jahren in Esch nicht ruckartig in die Höhe geschnellt. Der Vergleich mit anderen Gemeinden (Luxemburg, Ettelbrück oder Differdingen) gestaltet sich auf Grund von Faktoren, wie etwa der Bevölkerungsdichte eh als Ding der Un-möglichkeit. Interessanter ist es sich zu fragen, wieso die Piraten hier eine Masche durchspielen, die man sonst eher aus einem rechtspopulistischen Lager kennt: die Instrumentalisierung der Chimäre der allgegenwärtigen Unsicherheit. Mit dieser Taktik schafft es die AfD in Deutschland Wahlergebnisse zu erzielen, die man als Normalsterblicher noch vor drei, vier Jahren für unmöglich gehalten hätte.

In Luxemburg sind allerdings reale Bedrohungen für den einzelnen Bürger eher gering. Das Unsicherheitsgefühl nimmt zwar zu, aber dies passiert – wie in anderen Ländern auch – vor allem, weil die Debatte über Sicherheit oft skandalisierend geführt wird und viele glauben, der repetitiv Meinungen wiederkäuende Internetmob hätte den Stein des Weisen gefunden. An der Aufklärungsarbeit über die vom Staat garantierte Sicherheit kann man sicherlich noch feilen, wenn man denn mehr Sachlichkeit in die Debatte hineinbringen will. Vielleicht begreifen dann auch die Politiker der Piratenpartei, dass Politik eher eine Sache des Verstandes statt des Bauches ist.

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Author: Philippe Reuter

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