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Keine Priorität

Am Thema „Home-Office“ oder „Telearbeit“ scheiden sich die Geister. Die einen wünschen sich einen flexibleren Arbeitsalltag, die anderen fürchten um Effektivität und Kontrollverlust. Für den luxemburgischen Arbeitsminister ist es nur ein Thema unter vielen.

32 Stunden stehen luxemburgische Autofahrer jedes Jahr durchschnittlich im Stau. Das besagt der EU-Verkehrsanzeiger, und damit gehört Luxemburg offiziell zu den Spitzenreitern innerhalb der EU. Allerdings hat diese Zahl zwei große Haken: Erstens ist sie aus dem Jahr 2016 und dürfte längst überholt sein, zweitens wurde die Statistik ohne die Grenzgänger erhoben, die zwar ebenso wie alle anderen und wahrscheinlich noch viel länger im Stau stehen, aber nicht im Land gemeldet sind und deshalb in der Statistik nicht auftauchen.

Wer morgens auf den Autobahnen oder rund um die Hauptstadt unterwegs ist, weiß, wie voll die Straßen sind. Vor allem für diejenigen, die aus dem Süden nach Luxemburg-Stadt mit dem Auto fahren, muss der tägliche Weg zur Arbeit ein Horrortrip sein. Warum, fragt man sich, tun sich die Menschen das an? Weil sie Idioten sind? Oder vielleicht doch eher, weil sie keine andere Alternative haben? Und wäre nicht des Rätsels unkomplizierteste Lösung, die Erwerbstätigen einen Teil ihrer Arbeit zu Hause machen zu lassen, damit sie sich gar nicht erst jeden Tag auf den Weg machen müssen? In Zeiten, in denen viele ohnehin ihre Arbeit am Computer erledigen, sollte das doch kein Problem sein. Zahlreiche Studien ergeben seit Jahren immer wieder, dass lange Arbeitswege der Effektivität schaden, weil jeder, der länger als 20 Minuten zur Arbeit braucht, schon wieder erholungsbedürftig ist, sobald er oder sie im Büro angekommen ist.

„Home-Office ist ein Zukunftsmodell“, sagt Arbeitsminister Dan Kersch. „Aber es ist nicht die Lösung für alle Probleme, die wir in Luxemburg haben. Es gibt Vor-, aber auch Nachteile.“ Ein großer Nachteil für das Land wären die Steuereinbußen, die zu erwarten wären. Denn von den rund 450.000 Arbeitnehmern im Land hat knapp die Hälfte ihren Wohnsitz außerhalb Luxemburgs. Und diese Grenzgänger dürfen nur einen geringen Teil ihrer Arbeitszeit außerhalb Luxemburgs verbringen, ohne in ihren Wohnländern für diese Zeit steuerpflichtig zu werden. In Frankreich sind es 29 Tage, in Belgien 24, soll aber demnächst auf 48 erhöht werden, in Deutschland lediglich 19 pro Jahr. Regelmäßiges Arbeiten im Home-Office würde für Arbeitnehmer und Staatskasse also teuer werden, auch wenn Dan Kersch sagt, dass dies gar nicht das Problem sei.
„Das Problem ist vielmehr, dass wir wollen, dass es gerecht abläuft. Deshalb wollen wir die Zeiten verlängern, in denen Grenzgänger außerhalb Luxemburgs arbeiten können. Warum sollte man auch in Deutschland, Frankreich oder Belgien Steuern bezahlen, wenn man in Luxemburg bei einem Unternehmen beschäftigt ist, das hier seine Steuern bezahlt?“ Das Argument, dass die Grenzgänger die Infrastrukturen wie Schulen, Kindergärten und Vereine in ihren Wohnorten nutzen, lässt Kersch nicht gelten. „Diese Diskussion ist eine total falsche. Was wäre denn, wenn Luxemburg diese Arbeitsplätze nicht bieten würde? Wäre die Situation der Gemeinden dann besser?“, fragt er stattdessen.

Für Dan Kersch gibt es andere Fragen, die im Vordergrund stehen. Zum Beispiel die nach den wichtigen sozialen Bindungen unter den Kollegen, die es nur geben kann, wenn man sich am Arbeitsplatz begegnet. Oder die nach der Arbeitszeit und wie sie gemessen wird, wenn statt im Büro zu Hause gearbeitet wird. Es geht um Kontrolle und ihr gesundes Mittelmaß. „Wenn jemand in einem Arbeitsverhältnis ist, gibt es ja jemand anderen, der dafür bezahlt. Und der möchte natürlich eine Leistung haben und diese auch einschätzen können“, sagt er. „Auf der anderen Seite will natürlich jemand, der seine Arbeitskraft verkauft, auch nicht unter ständiger Kontrolle sein, da gibt es viele Diskussionen.“

„Für die Arbeitgeber ist es natürlich auch von Vorteil, Mitarbeiter zu haben, die zufrieden und motiviert sind.“ Dan Kersch, luxemburgischer Arbeitsminister

Untersuchungen belegen, dass Arbeitnehmer, die im Home-Office arbeiten, in der Regel mehr Zeit in die Arbeit investieren und darüber hinaus effektiver arbeiten. Einer gerade erschienenen Studie zufolge fühlen sich zwar Menschen, die von zu Hause aus arbeiten, deutlich erschöpfter, sind dabei aber gleichzeitig zufriedener und motivierter als ihre Kollegen im Büro. Gerade im Home-Office scheint der Druck groß zu sein, den Chefs zu beweisen, dass man zuverlässig und effektiv arbeitet. Auch wenn man nicht im Büro ist.

„Es kann eine Win-Win-Situation sein, weil die Arbeitnehmer zufriedener sind und sie eine ausgeglichenere Work-Life-Balance haben. Für die Arbeitgeber ist es natürlich auch von Vorteil, Mitarbeiter zu haben, die zufrieden und motiviert sind. Alle Studienergebnisse sagen ganz klar, dass Leute, die motivierter und zufriedener sind, auch produktiver und seltener krank sind. Das ist eine Situation, bei der jeder gewinnen kann“, sagt Kersch.
In seiner Zeit Minister für den öffentlichen Dienst brachte Kersch ein Pilotprojekt ins Rollen, das seit mittlerweile zwei Jahren in verschiedenen Behörden des Landes durchgeführt wird. Es richtet sich an Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes. Die Ergebnisse des Projekts sollen mithelfen, sowohl die nationale Gesetzgebung zu modernisieren als auch einen Leitfaden für Verwaltungen zu entwickeln, der die Einführung von Telearbeit erleichtert. Eine vollständige Analyse steht noch aus, doch nach Auskunft des Ministeriums sind die meisten der 165 Projektteilnehmer sowie deren Vorgesetzte durchweg positiv gestimmt. Seit letztem Monat werden darüber hinaus Führungskräfte und Manager der Verwaltungen in einer spezifischen Ausbildungsklasse dafür geschult, Telearbeit optimal in ihren Behörden umzusetzen.

Bislang wird Home-Office zwar nicht ausdrücklich empfohlen, durch eine Konvention innerhalb des Arbeitsrechts ist es aber durchaus möglich, von zu Hause zu arbeiten. Vorausgesetzt, der Arbeitgeber stimmt zu und einigt sich mit dem Arbeitnehmer auf dementsprechende Regelungen. Einen Anspruch darauf, zu Hause arbeiten zu dürfen, wie er in den Niederlanden seit 2015 besteht, haben Arbeitnehmer jedoch nicht.

Mit so einem Gesetz würde sich der Arbeitsminister auch schwertun, weder kurz- noch mittelfristig sei dies deshalb von ihm zu erwarten, allein deshalb, weil nicht jeder von so einem Gesetz profitieren würde. „Man kann doch einem Polizisten nicht gestatten, Home-Office zu machen“, sagt er. „Ich habe immer Probleme damit, legale Rechte für einzelne Gruppen von Menschen zu schaffen und andere von dem Recht auszuschließen. Gesetzliche Regelungen sollten allgemeingültig sein.“ Vorstellbar sei hingegen, beispielsweise in Kollektivverträgen ein Recht auf Telearbeit zu installieren. „In der Vergangenheit war es schon häufig so, dass Rechte, die kollektivvertraglich ausgehandelt wurden, auch irgendwann zu nationalem Recht wurden.“

Hohe Priorität genießt das Thema im Arbeitsministerium allerdings nicht. „Home-Office ist nur ein Element der Umwandlung der Arbeit, es gibt ja viele andere“, sagt Kersch. „Es wäre ein Fehler, nur dieses Thema herauszunehmen und alles andere unberücksichtigt zu lassen.“ Das klingt, als wolle der Minister ein Gesamtpaket schnüren, um das Arbeitsrecht in Luxemburg zukunftsfähig zu machen. Denn die Zukunft der Arbeit sieht anders aus als das, was heute noch in vielen Büros stattfindet. Auch wenn in vielen Branchen die Anwesenheit der Arbeitnehmer unerlässlich bleiben wird – schließlich können Bauarbeiter, Pflegepersonal oder Polizeibeamte ihre Arbeit schlecht am Laptop erledigen –, so gibt es ebenso viele Branchen, in denen flexibleres Arbeiten nicht nur möglich, sondern effizienter, klimafreundlich und familienkompatibler ist.

Foto: Isabella Finzi (Editpress)

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Martine Decker

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